»Es hingen Menschenleben daran«
Sie haben durch Undercover-Recherchen die Gruppe namens »Letzte Verteidigungswelle« (LVW) auffliegen lassen. Seit März stehen die mutmaßlichen Mitglieder, acht junge Neonazis im Alter zwischen 15 und 22 Jahren, vor Gericht. Wie fühlt sich das für Sie als Journalistin an?
Irgendwann während der Recherche ging es gar nicht mehr um die Geschichte, die ich veröffentlichen wollte, denn die Hinweise waren so konkret, dass Menschenleben in Gefahr waren. Es wurden ja schon Waffen gekauft.
Die Bundesanwaltschaft wirft den Angeklagten Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, versuchten Mord, Verabredung zum Mord und gefährliche Körperverletzung vor. Sie waren beim Kauf von Kugelbomben in Tschechien dabei.
Genau. Auf einer Fahrt mit vier Mitgliedern der LVW haben wir in Tschechien Messer, Kugelbomben und anderes eingekauft. Es gab Anschlagspläne gegen eine Flüchtlingsunterkunft. Es deutete alles auf eine Tötungsabsicht hin. Ich musste über meine eigene Verantwortung nachdenken: Was könnte passieren, wenn ich das nicht melde? Das hätte ich mir schwerlich verziehen.
»Ich hatte einige Stresstests, beispielsweise als ich nach einem Konzert mit den Kadern der NPD in der Parteizentrale abhing.«
Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch »Undercover unter Nazis« nicht nur die Erlebnisse als Investigativjournalistin, sondern ordnen sie mit Bezug auf Sach- und Fachliteratur ein. Welche Absicht verfolgen Sie damit?
Man braucht diese drastischen Beispiele, an denen man dem Publikum zeigen kann, dass die Bedrohung echt ist. Es ist die perfekte Mischung, das Erlebte mit der Einordnung zusammenzubringen.
Weshalb haben Sie verdeckt recherchiert?
Ich wollte wissen, wie diese Menschen über Politik, Migration und Gewalt reden, wenn sie unter sich sind, und wie Radikalisierung funktioniert. Ich habe zuvor auf einschlägigen Demonstrationen versucht, mit den Teilnehmern zu sprechen. Da wurde mir immer nur »Lügenpresse« entgegengebrüllt. Daher habe ich mich für die verdeckte Recherche entschieden.
Wie haben Sie Ihre Tarnidentität »Isabell« entworfen?
Das ist heikel. Wir haben das im Team entwickelt. Man kann nicht einfach mit versteckter Kamera zu Leuten gehen, um zu beobachten, worauf es ankommt. Man muss die Codes und die getragenen Marken kennen, Hintergrundwissen haben. Musik war ein wichtiges Thema: Auf welche Konzerte muss ich gehen, um die richtigen Leute zu treffen? Die Tarnung musste nah an mir selbst gestrickt sein, damit ich sie stets aufrechterhalten konnte.
Sie gaben sich als Pflegerin aus?
Ja, das war essentiell für mich. Ich habe während des Studiums in der Pflege gearbeitet. Ich habe Schichtdienst vorgeschoben, das hat mir bei der verdeckten Tätigkeit geholfen, weil ich dadurch einen guten Grund hatte, mal nicht zu einem der Nazi-Treffen zu kommen. Die Altenpflegerin passte außerdem zum klassischen Rollenbild der rechtsextremen Szene: die Frau, die sich aufopfert.
Was war Ihr Erfolgsrezept?
Die Tarnung lebte davon, dass ich sie schon so lange aufgebaut habe. Über mehrere Einsätze hat sich das Profil von »Isabell« geschärft. Ich hatte einige Stresstests, beispielsweise als ich nach einem Konzert mit den Kadern der NPD (2023 umbenannt in »Die Heimat«, Anm. d. Red.) in der Parteizentrale abhing.
»Im Keller der Identitären kam ich mit dem falschen Outfit an. Ich war komplett in Schwarz und alle anderen Frauen hatten Blümchenkleider an, wirkten feminin.«
Sind Ihnen auch Fehler unterlaufen?
Im Keller der Identitären kam ich mit dem falschen Outfit an. Ich war komplett in Schwarz und alle anderen Frauen hatten Blümchenkleider an, wirkten feminin. Es ist aber nichts passiert und ich habe daraus gelernt.
Wie gewannen Sie das Vertrauen Ihrer Zielpersonen?
Man kann während so einer Recherche nicht als die Extremste in der Gruppe auftreten, aber auch nicht die Leiseste sein. Ich habe eine neugierige junge Frau auf Identitätssuche gespielt. Das hat viele Leute angesprochen, weil sie auch auf Identitätssuche waren. So konnte ich fragen und zuhören. Das war wichtig, weil man als Journalistin nicht als agent provocateur die Leute noch mehr anheizen darf.
Was für eine Rolle hat es gespielt, dass Sie eine Frau sind?
Das hat mir wahnsinnig geholfen, weil Frauen in der rechtsextremen Szene unterschätzt werden – ja nicht nur dort. Ich wurde nie als mögliche Gefahr wahrgenommen.
Sie zeigten sich auch sehr engagiert. Nach einem privaten Boxkampf sind Sie einem Kader zur Seite gesprungen und haben ihm das Blut abgewischt.
Es gab Momente, in denen ich in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen musste. Vertrauen baut man am besten durch physischen Kontakt auf, da kann deine Online-Identität noch so gut sein. Es braucht street credibility, so blöd das klingt. Man muss den Kameraden helfen, etwas bringen. Beispielsweise geht man für den Kameraden in die Ecke und versorgt ihn.
»Wer zur Letzten Verteidigungswelle gehören will, muss liefern. Reden reicht nicht«, ist bei Ihnen zu lesen. Dieses »etwas bringen müssen« ist ein Motor innerhalb der Szene, was die Radikalisierung betrifft?
Unbedingt. Die sind so sehr damit beschäftigt, sich immer wieder gegenseitig in der Ideologie zu bestätigen. Das habe ich auch bei Dates mit Männern erlebt, die auf der Suche nach der großen rechtsextremen Liebe waren. Die haben keine einzige weitere Frage gestellt außer der, ob ich geimpft bin. Ich war eher eine Projektionsfläche. Da stand fest, dass ich drei Kinder will. Fragte ich nach deren Finanzierung, dann hieß es »Selbstversorgerhof«, und: »Das bekommen wir schon irgendwie hin.«
Sie beschreiben die Szene als Mischung aus Mitläufern und ideologisch Gefestigten …
»Die sind so sehr damit beschäftigt, sich immer wieder gegenseitig in der Ideologie zu bestätigen. Das habe ich auch bei Dates mit Männern erlebt, die auf der Suche nach der großen rechtsextremen Liebe waren. Die haben keine einzige weitere Frage gestellt außer der, ob ich geimpft bin.«
Gerade viele ganz Junge sind auf der Suche nach Anerkennung, Gemeinschaft und Aufwertung in der Gruppe. Im ländlichen Raum fehlen oft insgesamt Angebote und da wirken Wanderungen und Konzerte der Szene sehr attraktiv. Das kommt oft unpolitisch daher, die Feindbilder werden später aufgebaut. Viele, die ich getroffen habe, sind keine durchradikalisierten Überzeugungstäter. Deswegen hat Zuhören geholfen. Ich habe gefragt: Wie geht es dir? Wie ist es daheim? Das macht dort sonst kaum jemand. Die gefestigten Kader reiben sich die Hände, derzeit so viele junge Männer auf der Straße zu sehen.
Wie steht es um die Konkurrenz unter den Gruppen?
Den meisten ist es egal, zu welcher konkreten Organisation jemand geht. Irgendwann kommt der schon zu uns, heißt es. Da geht es ums große Ganze, darum, alles und jeden nach rechts zu verschieben, und um Normalisierung.
Rechtsextreme Veranstaltungen wirken mitunter wie quasireligiöse Prozessionen. Wie nehmen Sie das wahr?
Das Gefühl hatte ich gerade bei den Jungen Nationalisten (die Jugendorganisation von »Die Heimat«; Anm. d. Red.), die sich als Elite sehen. Oder bei der Identitären Bewegung, etwa im Gespräch mit Martin Sellner. Der tanzt da erhaben auf den Veranstaltungen herum. Es ist die Grundstimmung: Wir in diesem Raum stehen alle auf der richtigen Seite. Es wurden immer wieder die Feindbilder beschworen, die Gegner, die vernichtet werden müssen. Beispielsweise André Aden, dem man draußen vor der Tür die Nase brechen sollte.
Aden berichtet für Recherche Nord, ein unabhängiges Investigativ- und Dokumentationsprojekt zum organisierten Neonazismus. Haben Sie dort Unterstützung bekommen?
Ich arbeite ausschließlich mit Recherche Nord zusammen, ganz eng mit Aden als Kenner der Szene. Er kennt zu jedem Gesicht eine Geschichte. Mit ihm habe ich meine Tarnung besprochen: Wie soll ich mich geben, auf wen muss ich aufpassen, wer stellt vielleicht kritische Fragen?
Neonazi-Reportagen wie die von »Spiegel TV« gelten in der jungen Szene als Einstiegsdroge, schreiben Sie. Haben Sie auch Sorgen, dass Ihre eigene journalistische Arbeit eine solche Wirkung haben kann?
Das ist ein Balanceakt. Es gibt die Gefahr, Aufmerksamkeit für diese Gruppen zu erzeugen, aber man muss auch aufklären und Strukturen sichtbar machen. Darin sehe ich meine Aufgabe als Journalistin. Deshalb darf man nicht nur ihre Selbstdarstellung, ihre Propaganda reproduzieren, sondern muss den Kontext zeigen und die davon ausgehenden Gefahren. Aber natürlich besteht das Risiko, dass unsere Berichte als Werbeclips missbraucht werden.