14.05.2026
Linke und grüne britische Politiker ­relativieren den Antisemitismus

Messerscharfe Israel-Kritik

In London sticht ein antisemitischer Attentäter auf zwei Juden ein. In ihren Betroffenheitsbekundungen lassen sich linke Politiker in Großbritannien jedoch sogleich relativierend über das vermeintliche Tatmotiv aus.

»London im Antisemitismus-Schock«, titelte die FAZ nach dem Messerangriff auf zwei Juden im Nordlondoner Viertel Golders Green, wo im vergangenen Jahr bereits vier Fahrzeuge der jüdischen Ambulanz Hatzolah in Brand gesetzt worden waren. Schockiert zeigte sich für einen Augenblick sogar der einstige Vorsitzende der Labour Party, Jeremy Corbyn. »Entsetzlich« nannte er die Tat in einer Instagram-Zeile. Aber ebenso entsetzlich sei, wie er sogleich hinzufügte, dass der mutmaßliche Täter zuerst einen Muslim attackiert habe, was »unsere Medien« verschwiegen hätten.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Mit einem Hassverbrechen hatte diese persönliche Auseinandersetzung, die Corbyn herbeizitiert und bei der ein Bekannter des (ebenfalls muslimischen) mutmaßliche Täters leicht verletzt wurde, freilich nichts zu tun. Ein Zusammenhang ergibt sich erst durch den Kontext, in den Corbyn selbst beide Taten gestellt hat. »Alle Menschenleben sind gleich«, verkündete er schließlich.

Solche wohltönenden Bekenntnisse bekommt man vornehmlich dann zu hören, wenn sie praktisch dementiert werden: wenn nämlich der Hass sich insbesondere gegen Juden richtet – und wenn obendrein Menschen zur Tat schreiten, die man sich selbst lieber als Opfer vorstellt, weshalb man ihre Motive tunlichst übergeht oder, besser noch, verdreht.

Zack Polanski ist selbst Jude

In diesem Metier hat Zack Polanski dem alten Corbyn gegenüber einen entscheidenden Vorzug. Er ist nicht nur Vorsitzender der britischen Grünen, sondern selbst Jude und damit von Haus aus scheinbar ebenso kompetent wie über jeden Verdacht erhaben.

Wann immer von Antisemitismus die Rede ist, bringt er die israelische Regierung ins Spiel, die einen Mann offenbar auch in London derart empören kann, dass er Menschen niedersticht, die er für jene Regierung im etwa 4.000 Kilometer entfernten Jerusalem verantwortlich macht. Ja, die jüdischen Gemeinden hätten Angst vor dem zunehmenden Antisemitismus, klagt Polanski, dem müsse man selbstverständlich entgegenwirken.

A-haber: »Falsche Antisemitismusvorwürfe« seien zugleich eine Waffe, mit der jedwede »Kritik an der israelischen Regierung« desavouiert würde. Die solche Vorwürfe erhöben, seien letztlich gar verantwortlich dafür, dass selbst »tatsächliche Fälle von Antisemitismus« in der Linken nicht ernst genug genommen würden.

Merkwürdig, dass etliche Leute in aller Welt seit über 50 Jahren schon das dringende Bedürfnis haben, die Regierung ausgerechnet Israels zu »kritisieren«, und zwar egal welche. Gäbe es die religiösen Chauvinisten in Benjamin Netanyahus Kabinett nicht, man müsste sie erfinden.

Kurz, schuld sind in Wahrheit die anderen. Das Problem des Antisemitismus bestehe hauptsächlich in dessen »Instrumentalisierung«, also eigentlich darin, dass Menschen mit berechtigten Sorgen und Ängsten, wie man sie hierzulande nennt, Böses unterstellt wird. Merkwürdig immerhin, dass etliche Leute in aller Welt seit über 50 Jahren schon das dringende Bedürfnis haben, die Regierung ausgerechnet Israels zu »kritisieren«, und zwar egal welche. Gäbe es die religiösen Chauvinisten in Benjamin Netanyahus Kabinett nicht, man müsste sie erfinden.

Premierminister Keir Starmer nannte die Tat einen »Angriff auf ganz Großbritannien«. Persönlich fürchten müssen solche Angriffe allerdings nur 0,4 Prozent der britischen Bevölkerung, darunter auch Polanski, der im Falle eines Falles nicht erst nach seinem Verhältnis zu Israel gefragt werden würde. Den Täter von Golders Green übrigens bekam die Polizei mit Unterstützung freiwilliger Helfer der Shomrim zu fassen, einer jüdischen Selbsthilfeorganisation. Auf »ganz Großbritannien« können sich die Juden, wenn es brennt, ebenso wenig verlassen wie die Menschheit auf die Menschenrechte.