Schlecht, schlechter, Geschlecht
Für alle erdenklichen sexuellen und geschlechtlichen Mehr- und Minderheiten hat man Bezeichnungen ersonnen. Wer keinen Sex mit Gelegenheitsbekanntschaften mag, ist demisexuell; wem es Tierkostüme angetan haben, der ist ein Furry; und cisgender ist, wer sich dem auf dem Geburtsschein verzeichneten Geschlecht zuordnet. Doch es gibt eine Ausnahme: Noch nie hat man von binären Menschen gehört oder gelesen – obwohl doch die überwältigende Mehrheit nicht nichtbinär sein soll.
So nennt man bekanntlich jene, die sich nicht einem der beiden Geschlechter zurechnen, die aus der Biologie bekannt sind. In dieser ist allerdings ohnehin so ziemlich gar nichts binär, also strikt zweiwertig. Hermaphroditismus ist seit Menschengedenken bekannt und die moderne Forschung hat unser Wissen über den Variantenreichtum und die Komplexität der Geschlechtlichkeit nur vermehrt.
Ob sozial oder biologisch, der Begriff der Binarität kann sich eigentlich nur auf die Geschlechterordnung als ganze beziehen.
Freilich soll »nichtbinär« keine biologische Eigenschaft bezeichnen, sondern eine Klasse von Geschlechtsidentitäten; bei diesen handelt es sich um ein soziales Phänomen, dessen Verhältnis zur Biologie kompliziert und wandelbar ist. Doch ob sozial oder biologisch, der Begriff der Binarität kann sich eigentlich nur auf die Geschlechterordnung als ganze beziehen. Diese ist nichtbinär, wenn auf die Frage nach dem Geschlecht mehr als zwei Antworten möglich sind – was in Deutschland selbst im amtlichen Sinne der Fall ist, wenn auch erst seit 2018. Daher ist es irreführend, zwei der möglichen Antworten als »binärgeschlechtlich« zu bezeichnen.
Gebräuchlich ist aber einzig das Wort »nichtbinär« – eine kuriose Geschlechtsbezeichnung, die (wie auch die ungefähr zur selben Zeit in Mode gekommenen Adjektive »queer« und »trans«) den Bezug auf Geschlechtlichkeit sprachlich eliminiert, selbst um den Preis sinnwidriger Verkürzung, und gerade von jenen gebraucht wird, die zu Recht darauf hinweisen, dass Geschlecht gar nicht binär ist, woraus doch unmittelbar zu folgern wäre, dass Männer und Frauen ebenso »nichtbinär« sind wie alle anderen.
Neologismen wie dieser wurden auch in der Annahme eingeführt, dass Sprache unser Bewusstsein präge und daher ein entscheidender Schau- und Kampfplatz des sozialen Wandels sei. Wer Begriffe jedoch bloß instrumentell gebraucht, achtlos gegen sachliche Korrektheit und Folgerichtigkeit, dessen Sprache taugt vielleicht als Waffe im metapolitischen Machtkampf, nicht jedoch als Mittel der Erkenntnis und der Emanzipation.