»Es ist ein gefährliches Niveau des Leugnens«
In Deutschland sind in den vergangenen Jahren viele sogenannte Rote Gruppen entstanden, die von einem dogmatischen, autoritären Marxismus-Leninismus geprägt und straff organisiert sind – und mit entsprechender Bildsprache auftreten. Gibt es eine ähnliche Entwicklung in Großbritannien?
Die extreme Linke in Großbritannien ist eine Art Reenactment-Gesellschaft – ich nenne es auch Cosplay. So manche Linke orientieren sich vor allem an Symbolen, Ästhetik und revolutionärer Romantik, ohne die Gewalt und die Unterdrückung der historischen realsozialistischen Systeme ernst zu nehmen. Der linke Schriftsteller Ken MacLeod schrieb in den Neunzigern einen Science-Fiction-Roman, in dem er sich eine Zukunft vorstellte, in der der Kommunismus in Mode kommen würde. Er beschrieb sehr treffend, wie es aussehen würde, wenn die Menschen alles Schlechte am Stalinismus vergessen hätten und sich nur noch an dessen heroische Symbolik erinnern würden. Die traurige Tatsache ist, dass es in der internationalen Linken Leute gibt, die leugnen, dass während der durch Mao Zedongs »großen Sprung nach vorn« verursachten chinesischen Hungersnot mindestens 15 Millionen Menschen gestorben sind.
Sie kritisieren die Geschichtsvergessenheit kommunistischer Gruppen?
Wir befinden uns auf einem Niveau des Leugnens, das gefährlich ist. Aber ich will mir diese Menschen nicht zu Feinden machen. Ich verstehe, warum sie den Kapitalismus hassen, warum sie Unterdrückung hassen. Aber ich bin ein linker Sozialdemokrat, ich will noch zu meinen Lebzeiten Fortschritte in Richtung sozialer Gerechtigkeit erreichen. Lenin hatte zumindest einen Plan, die Macht auf jakobinische Weise in einem sehr schwachen Staat namens Russland mitten im Krieg zu ergreifen. Die Reenactment-Gruppen hingegen haben keine realistischen Ideen, wie sie ihre Ziele erreichen könnten.
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