Überleben als Bonus
In Venezuela ist der gesetzliche Mindestlohn lächerlich niedrig, und das bei einer jährlichen Inflationsrate von über 600 Prozent. Es gibt zwar ein kompliziertes System staatlicher Boni, mit denen der Mindestlohn der Venezolaner aufgestockt wird, den Grundbedarf an Lebensmitteln kann man aber auch damit nicht decken.
Interimspräsidentin Delcy Rodríguez hatte versprochen, den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn anzuheben, doch nun beschränkt sie sich darauf, das Bonussystem weiter auszubauen – und das auch nur im öffentlichen Dienst. Zuletzt hatte der damalige Präsident Nicolás Maduro den monatlichen Mindestlohn im März 2022 von 70 auf 130 Bolívares anheben lassen, das entsprach damals ungefähr 28 US-Dollar. Heutzutage sind 130 Bolívares noch 26 Cent wert.
Das muss man ins Verhältnis setzen: Dem Dokumentations- und Analysezentrum des venezolanischen Lehrerverbands (Cendas-FVM) zufolge benötigt eine fünfköpfige Familie ungefähr 629 US-Dollar monatlich, um ihren Grundbedarf abzudecken. Es würde also 2.661 Monatsgehälter in Höhe des Mindestlohns benötigen, um eine Familie einen Monat lang zu ernähren, oder aber etwas mehr als sieben Jahre Arbeit.
Es gibt ein kompliziertes System staatlicher Boni, mit denen der Mindestlohn der Venezolaner aufgestockt wird.
Einige Wochen hatte es auf den Straßen von Caracas kaum ein anderes Gesprächsthema gegeben als die in Aussicht gestellte Lohnerhöhung. Immer wieder war es auch zu gewerkschaftlichen Protesten gekommen. Leute versuchten, den genauen Betrag der Lohnerhöhung zu erraten, andere blieben lieber skeptisch. »Ich hatte schon den Verdacht, dass es eher auf einen Zuschlag hinauslaufen könnte als auf eine echte Lohnerhöhung, die sich auch auf Sozialleistungen der Arbeitnehmer auswirken würde«, sagt Natália Hernández*, eine Krankenpflegerin, die seit über zehn Jahren in der Klinik einer Justizvollzugsanstalt in Caracas arbeitet, der Jungle World.
Hernández sieht sich ebenso wie viele andere im öffentlichen Dienst Beschäftigte gezwungen, zusätzliche Einkommensquellen im informellen Sektor aufzutun. Sie arbeitet nebenher schwarz im Kosmetikbereich. Als sie am Vorabend des 1.Mai Delcy Rodríguez’ Erklärung hörte, atmete sie nur kurz tief durch und setzte ihre Arbeit fort. Denn die angekündigte Lohnanpassung stellte sich lediglich als eine Erhöhung der bereits bestehenden monatlichen Bonuszahlung heraus. Im öffentlichen Dienst können die Zuzahlungen für aktive Beschäftigte nun bis zu 240 US-Dollar im Monat betragen.
Viele stützten ihre Hoffnung auf eine allgemeine Lohnerhöhung auch darauf, dass sich das Land für ausländische Investitionen geöffnet hat. Anfang des Jahres hatte die Nationalversammlung gesetzliche Restriktionen beim Bergbau und der Öl- und Gasförderung beseitigt, um Investoren anzuziehen und die Wirtschaft zu stabilisieren, was auch Lohnanpassungen beinhalten müsste.
Zwar werden die unter den neuen Bedingungen zu erwartenden staatlichen Öleinnahmen für 2026 auf rund acht Milliarden US-Dollar geschätzt, doch unabhängige Ökonomen hatten bereits vor Rodríguez’ Ankündigung darauf hingewiesen, dass eine Anpassung des Mindestlohns selbst auf dieser Basis nicht realisierbar sei. Eine Mindestlohnerhöhung im öffentlichen Dienst beträfe rund 9,5 Millionen Menschen: nicht nur die 3,5 Millionen aktiven Beschäftigten, sondern auch sechs Millionen Rentner, wie der Arbeitsminister Carlos Alexis Castillo zuletzt erklärte. Er äußerte zudem die Befürchtung, dass die ohnehin galoppierende Inflation sich weiter beschleunigen könnte.
Nur einmal angenommen, man würde die acht Milliarden Dollar aus den Öleinnahmen ausschließlich für Personalkosten aufwenden, könnte der Mindestlohn bei etwa 800 bis 850 US-Dollar pro Jahr beziehungsweise 70 US-Dollar pro Monat liegen. Der Weg, wie eine Lohnerhöhung realisierbar wäre, die das Existenzminimum der Angestellten absichern würde, ist unangenehm: Man müsste den öffentlichen Personalbestand reduzieren. Der Arbeitsminister sagte dazu, dass dies derzeit geprüft werde.
Die nun beschlossene Zuzahlung wird nicht mit dem Lohn, sondern über die digitale staatliche Plattform Sistema Patria abgewickelt und soll den venezolanischen Arbeitnehmern im öffentlichen Dienst am 15. jedes Monats ausgezahlt werden. Die Auszahlung erfolgt in mehreren Tranchen: zunächst an die Beamten und Angestellten, dann an die Rentner. Wegen des raschen Wertverfalls der Landeswährung gegenüber dem Dollar bedeutet jeder Tag Verzögerung, dass die Zuzahlungen an Wert verlieren. Deshalb würden wohl alle versuchen, sie gleich in den der Auszahlung folgenden Stunden auszugeben, vermutet Laura Pernía, eine Chirurgin, die in einem öffentlichen Krankenhaus in Caracas arbeitet.
In Venezuela war einer jährlichen Umfrage der Universidad Católica Andrés Bello zu den Lebensbedingungen zufolge 2025 jeder siebte Einwohner über 60 Jahre alt. Diese Gruppe leidet am stärksten unter der Krise.
In Venezuela war einer jährlichen Umfrage der Universidad Católica Andrés Bello zu den Lebensbedingungen zufolge 2025 jeder siebte Einwohner über 60 Jahre alt. Diese Gruppe leidet am stärksten unter der Krise: Ihre Rente beträgt ebenfalls 130 Bolívar und ihre Zulage beläuft sich auf umgerechnet 70 Dollar. Die Grundbedürfnisse zu decken, wird für diese Altersgruppe immer schwieriger. So litten 2025 beispielsweise 34,23 Prozent der Bevölkerung an Bluthochdruck, der höchste Wert im lateinamerikanischen Vergleich. Der Großteil der Betroffenen ist über 55 Jahre alt. Die günstigste Packung mit 30 Tabletten zur Blutdrucksenkung kostete im Mai etwa 800 Bolívar, also 1,60 US-Dollar.
Viele Venezolaner haben weiterhin Angst vor staatlicher Repression und Verfolgung. »Es sind andere Gesichter«, sagt die Psychologin Viviana Ortíz der Jungle World über die politische Führung Venezuelas seit Nicolás Maduros Gefangennahme, »aber die Situation bleibt die gleiche: Das Leben ist teuer und wir kommen finanziell nicht über die Runden.«
* Name von der Redaktion geändert