Camping auf der Moorweide
Eine Woche lang schlug das Camp »Bridges of Resistance« seine Zelte in Hamburg auf. Bis Samstag war es auf der Moorweide nahe dem Bahnhof Dammtor zu finden. Bereits vor Beginn hatte es für Kontroversen gesorgt. Die Moorweide hatte während des Nationalsozialismus als Sammelstelle fungiert, von der aus Tausende Jüdinnen und Juden deportiert wurden.
Die Jüdische Gemeinde Hamburg kritisierte die Wahl des Ortes in einem offenen Brief an den Senat als »zynische Verhöhnung der Opfer der Shoah« und forderte, die Moorweide als geschützten Gedenkort anzuerkennen. Zwar versuchte die Versammlungsbehörde, den Protest in den Schanzenpark zu verlegen, doch die Anmelder:innen des Camps gingen juristisch dagegen vor – mit Erfolg.
»Zynische Verhöhnung der Opfer der Shoah«
Nikodem Kaddoura, der Pressesprecher des Camps, verteidigte die Ortswahl damit, dass man gegen »jeden Genozid« mit »besonderem Fokus auf die deutsche Mitverantwortung« protestiere. Ihnen gehe es gerade um die historische Bedeutung der Moorweide.
Daniel Sheffer, Mitglied der Jüdischen Gemeinde und Vorsitzender der Stiftung Bornplatzsynagoge, sagte der Jungle World: »Wer von allen möglichen Orten ausgerechnet den wählt, von dem aus unsere Vorfahren deportiert, entrechtet und in die Gaskammern geschickt wurden, der zeigt seine wahre Geisteshaltung.« Israel diene den Aktivist:innen lediglich als Vorwand für Antisemitismus, zeigte er sich überzeugt.
»Wer ausgerechnet den Ort wählt, von dem aus unsere Vorfahren deportiert und in die Gaskammern geschickt wurden, zeigt seine wahre Geisteshaltung.« Daniel Sheffer, Jüdische Gemeinde Hamburg
Das Camp, an dem die meiste Zeit etwa hundert Menschen teilnahmen, war Teil einer bundesweiten Aktionswoche unter dem Motto »Stop Nakba Now«. Zu den Veranstaltern gehörte die vom Verfassungsschutz beobachtete Gruppe Thawra, die bereits 2024 das Palästina-Camp Hamburg organisiert hatte. Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Palästina-Solidarität der Linkspartei trat als Mitveranstalter auf. Die Organisator:innen betonten, dass es ihnen um eine Vernetzung verschiedener linker Kämpfe wie Antimilitarismus oder soziale Gerechtigkeit gehe, die sich allesamt unter der Palästina-Frage vereinen ließen. Ihre Hauptforderung: ein Ende der Waffenlieferungen an Israel aus dem Hamburger Hafen.
Für die über 40 Veranstaltungen waren prominente antiisraelische Agitator:innen geladen, darunter Yasemin Acar, die bereits an der Gaza-Flottille im vergangenen Jahr teilgenommen hatte und die sich als Journalistin bezeichnende Hebh Jamal, die das Massaker vom 7. Oktober gleich am Tag des Geschehens in einem Tiktok-Video mit den Worten verteidigte: »Dekolonialisierung ist nicht hübsch anzusehen, sie ist furchterregend, aber sie ist absolut notwendig.«
Gleich am ersten Tag des Camps trat Zaid Tamim auf. Er ist ehemaliger Koordinator des inzwischen verbotenen Vereins Samidoun, der Schlagzeilen machte, weil er zur Feier des 7. Oktober in Berlin Süßigkeiten auf der Straße verteilte. Tamim, der auch als Zaid Abdulnasser auftritt, hatte den 7. Oktober in einem Interview als »Wiedergeburt der modernen palästinensischen Revolution« bezeichnet.
»Ich distanziere mich von gar nichts«
Einer Recherche des Vereins Democ ergab 2024, dass er Mitglied der Führungsgruppe des internationalen Netzwerks Masar Badil ist. Das Netzwerk veranstaltet Online-Seminare und Konferenzen mit Vertretern der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Jihad. Sein Ziel ist, antiisraelische Aktivisten in Europa auf deren Kurs einzuschwören: keine Verhandlungen, keine Zugeständnisse, Rechtfertigung des »Widerstands« gegen Israel, inklusive des 7. Oktober.
Am Sonntag gab es auf der Moorweide eine israelsolidarische Gegenkundgebung. Aufnahmen der Gegendemonstranten wurden auf den Social-Media-Kanälen von »Bridges of Resistance« gepostet. Dort gaben die Aktivist:innen auch Einblick in den Alltag des Camps. In einem von dem Account selbst geposteten Video wird ein Teilnehmer scherzhaft gefragt, ob er die Hamas verurteile. Er entgegnet: »Ich distanziere mich hier von gar nichts.«
Auf der eigens einberufenen Pressekonferenz haderte man mit einer Distanzierung von der Terrororganisation. Auf die Frage, wie die Organisator:innen des Camps zum Terror der Hamas stünden, sagte die Pressesprecherin Susanne Dzeik: »Wir sind uns einig, dass es um internationales Völkerrecht geht. Das heißt, es gibt ein Recht auf Widerstand gegen militärische Besatzung.«
»Globale Intifada«
Auf der anderen Seite falle das, was am 7. Oktober passiert sei, »irgendwie unter Kriegsverbrechen«. Die Moderatorin Hannah Bruns, ein Mitglied der BAG Palästina-Solidarität, ergänzte: Der 7. Oktober müsse »unabhängig und international untersucht werden«. Dem stehe nicht die Hamas, sondern Israel im Weg, meinte sie. Vergangenen Oktober bei einer Kundgebung in Berlin war Bruns deutlicher. In ihrer Rede forderte sie eine »globale Intifada«, die Hamas dürfe nicht entwaffnet werden, der Kampf müsse weitergehen, bis selbst Tel Aviv »frei« sei.
Die Aktionswoche endete am Samstag mit der Demonstration »Stop Nakba Now«, bei der Flaggen des iranischen Regimes prominent zu sehen waren. Die erwartete Massenmobilisierung blieb aus. Statt der angekündigten 10.000 nahmen nach Polizeiangaben nur etwa 1.100 Personen teil.