21.05.2026
Beim Eurovision Song Contest gab es aggressive Proteste gegen die Teilnahme Israels

Kein Platz im Kaffeehaus

Der Eurovision Song Contest ist nicht mehr bloß ein Gesangswettbewerb. In diesem Jahr wurde er von aggressiven Protesten gegen die Teilnahme Israels überschattet.

Der Eurovision Song Contest (ESC) geht schon lange nicht mehr als unpolitisches Fest der Popkultur, der Vielfalt und europäischen Offenheit durch. Tatsächlich ist der Wettbewerb seit Jahren eine Bühne politischer Konflikte – insbesondere dann, wenn Israel teilnimmt. Auch in Wien zeigte sich dieses Jahr rund um den ESC erneut, wie schnell aus antiisraelischem Aktivismus ein Klima wird, in dem jüdische und israelische Präsenz nicht mehr als selbstverständlich gilt. Proteste, Boykottforderungen und aggressive Stimmungsmache begleiteten die Ver­anstaltung über Tage hinweg.

Schon vor dem ESC kursierten in ­sozialen Medien Videos brennender ­Israel-Flaggen und Boykottaufrufe gegen die israelische Delegation. In der Wiener Innenstadt tauchten Plakate mit Parolen wie »Boycott Zionism« auf, dazu Graffiti und Sticker, die Israel des »Genozids« beschuldigten. Mehrere Demonstra­tionen richteten sich ausdrücklich ­gegen die Teilnahme des Landes am Wettbewerb. Selbst aus dem ESC-­Umfeld kamen Boykottforderungen. Der österreichische Vorjahressieger ­Johannes Pietsch, Künstlername JJ, sprach sich öffentlich gegen eine Teilnahme Israels aus und relativierte ­seine Aussagen erst nach deutlicher Kritik aus Politik und Öffentlichkeit.

In der Wiener Innenstadt tauchten Plakate mit Parolen wie »Boycott Zionism« auf, dazu Graffiti und Sticker, die Israel des »Genozids« beschuldigten.

Zum Song Contest selbst sollten schließlich bekannte Wiener Cafés die Patenschaft über Teilnehmerländer übernehmen. Im April hatten der Rundfunksender ORF, das Unterneh­men Echo-Medienhaus und der Kaffeehausbesitzerverein Wiener Kaffee­sieder den Teilnehmerländern per Los ihr jeweiliges Partnercafé ­zugeteilt, ­alles durchaus bekannte Alt-­Wiener ­Cafés. Deutschland landete beispielsweise im »Café Hummel«, Schweden im »Café Mozart«. Am Ende hatte nur ein Land keine Herberge: ­Israel.

Wie das passieren konnte, darüber gibt es unterschiedliche Versionen. Die höheren Sicherheitsauflagen spielten wohl eine Rolle. Beschämend war es ­allemal. »Ein Wien ohne Kaffeehaus für die israelische ESC-Delegation und ihre Fans schafft sich ab! Und es wäre nicht einmal schade um dieses Wien«, schrieb der Autor und ehemalige ­Bezirksrat der Sozialdemokratischen ­Partei Österreichs (SPÖ) Wien, Götz ­Schrage, auf Facebook.

Der Vorfall löste in der jüdischen Gemeinde starke ­Reaktionen aus und wurde auch in ­Israel diskutiert. Schließlich erklärte sich die »MQ-Kantine« im Kulturareal Museumsquartier – eher urbanes ­Szenelokal als klassisches Wiener Kaffeehaus – bereit, als ESC-Fancafé für ­Israel einzuspringen. Ihre Betreiberin Lisa Wegenstein sprach danach offen über die heftigen Anfeindungen, ­denen sie seitdem ausgesetzt war. Bereits kurz nach Beginn der Veran­staltung wurden Toiletten mit israel­feind­lichen Parolen beschmiert, in ­sozialen ­Medien folgten Drohungen und ­Beschimpfungen. Die Polizei musste ­danach sämtliche Veranstaltungen dort ­schützen.

Eine jüdische Veranstaltung galt als zu ­riskant

Gleichzeitig genehmigten die Be­hörden eine antiisraelische Protest­veranstaltung direkt gegenüber der »­MQ-Kantine«, auf dem Maria-There­sien-Platz. Dort versammelten sich ­Aktivisten unter dem Motto »No Stage for ­Genocide«. Palästina-Flaggen, Sprech­chöre und lautstarke Proteste prägten das Bild. Zu hören waren von der Bühne aus auch Parolen wie »Death to the IDF«. Dass eine derart aufgeheizte Kundgebung direkt neben einem ­jüdisch-israelischen Veran­staltungsort stattfinden konnte, blieb vielen Beobachtern unverständlich.

Die Sicherheitslage wirkte sich auch auf jüdische Studierende aus. Die ­Jüdischen österreichischen Hochschü­ler:innen (JöH) wollten, wie auch in den Jahren zuvor, ein public viewing auf dem Campus veranstalten. Das Vorhaben musste jedoch abgesagt werden. In ihrer Stellungnahme teilten die JöH mit, man habe von Behörden wiederholt signalisiert bekommen, eine ­öf­fentliche Ausstrahlung sei aufgrund der Sicherheitslage derzeit nicht ausreichend zu schützen. Für viele jüdische Studierende war das ein alarmierendes Signal: Während der ESC offi­ziell unter dem Zeichen von Offenheit und Diversität stand, galt ausgerechnet eine jüdische Veranstaltung als zu ­riskant.

Schließlich fand das public viewing vor rund 100 Leuten im Rahmen einer Solidaritätskundgebung der JöH statt, um so das public viewing durch die ­Polizei schützen zu lassen.

Wiens lange Geschichte des Antisemitismus

Die Entwicklung ist keineswegs los­gelöst von der politischen Stimmung in Österreichs Hauptstadt zu betrachten. Wien besitzt eine lange Geschichte des Antisemitismus – von Karl Luegers politischer Agitation im späten 19. Jahrhundert bis zur begeisterten Beteiligung vieler Wiener an den national­sozialistischen Novemberpogromen. Auch heutzutage registriert die Anti­semitismus-Meldestelle der Israeli­tischen Kultusgemeinde Jahr für Jahr steigende Zahlen antisemitischer ­Vorfälle in Wien, die sich häufig in anti­israelischer Form artikulieren.

Die erhitzte Stimmung zeigte sich auch bei einem offiziellen ESC-Fest in der Innenstadt. Eine kleine Gruppe propalästinensischer Aktivisten störte dort die Reden von Bürgermeister ­Michael Ludwig (SPÖ) und Außen­ministerin Beate Meinl-Reisinger von der liberalen Partei Neos mit Triller­pfei­fen, Zwischenrufen und »Geno­zid«-Rufen. Ludwig reagierte unge­wöhnlich scharf. Mit Blick auf die enormen Sicherheitsvorkehrungen rund um den ESC verlautbarte er in Richtung der Demonstrierenden: »Wir lassen uns hier nicht wegterrorisieren!« Und weiter: »Das ist nicht unser Wien.«

»Beim ESC wird gerne betont, dass man gegen jede Form von Diskriminierung steht – wenn es aber um Antisemitismus geht, wird oft geschwiegen, relativiert oder geleugnet«, sagte Philipp Kothe, der Bundessprecher der österreichischen Grünen Jugend.

Am Samstagnachmittag sollte dann die größte Demonstration gegen die Teilnahme Israels beim ESC stattfinden. Unter dem Motto »Keine Bühne für den Völkermord« zogen etwa 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Richtung Austragungsort, deutlich ­weniger als ursprünglich angekündigt.

Ein Zeichen gegen Boykott- und ­Ausschlussforderungen setzte die Grüne Jugend mit einer Banneraktion ­gegenüber der israelischen Delegation. »Beim ESC wird gerne betont, dass man gegen jede Form von Diskriminierung steht – wenn es aber um Antisemitismus geht, wird oft geschwiegen, relativiert oder geleugnet«, sagte Philipp Kothe, der Bundessprecher der Grünen Jugend, in ­einer Pressemit­teilung. Österreich trage eine beson­dere ­historische Verantwortung, sich ­jeder Form von Antisemitismus ent­gegen­zustellen. Gegen den »grassierenden antizionistischen Boykott-Wahnsinn« protestierten auch die Gruppen »Bünd­nis gegen Antisemitismus« und ­»Artists Against Antisemitism Wien« am Urban-Loritz-Platz mit einer Kundgebung und einem Informationsstand, um ein »Zeichen für Gastfreund­schaft und Solidarität« zu setzen.

Bemerkenswert blieb am Ende vor allem der Kontrast zwischen öffent­lichen antiisraelischen Protesten und Zuschauerreaktionen. Trotz der vielen Demonstrationen und der Stimmungsmache in den sozialen Medien erhielt Israel beim Publikumsvoting breite Unterstützung und belegte den ­zwei­ten Platz. Offenbar wollten viele Zuschauer den Versuch politischer und kultu­reller Ausgrenzung nicht mit­tragen.