Jungle+ Artikel 21.05.2026
András Jámbor, progressiver Politiker, im Gespräch über die neue Regierung und Linke in Ungarn

»Ein überwältigendes Gefühl der Befreiung«

Nach 16 Jahren Herrschaft von Viktor Orbán und seiner rechtsnationalen Partei Fidesz regiert in Ungarn eine neue politische Mehrheit. Die »Jungle World« sprach mit András Jámbor, einem der profiliertesten linken ungarischen Politiker, über die Unterstützung für Péter Magyars Partei Tisza, den Zustand der ungarischen Linken und die Schwächung der Gewerkschaften.

Was hat sich in Ungarn verändert im Vergleich zu den vergangenen 16 Jahren unter Viktor Orbán?
Alles fühlt sich anders an. Sogar die Sonne scheint schöner. Es ist ein überwältigendes Gefühl der Befreiung. Kurz nach der Wahl im April habe ich mich den ganzen Tag einem Hobby gewidmet. Mein Handyakku war leer, sechs Stunden lang war ich nicht erreichbar. Früher hätte das sofort Stress in mir ausgelöst: Was, wenn Fidesz mich angreift? Was, wenn etwas passiert, worauf ich reagieren muss? Es war wunderbar, diesen Druck plötzlich nicht mehr zu spüren, mit leerem Akku unterwegs zu sein und sich trotzdem sicher zu fühlen.

»Fachliche Debatten konnte man gar nicht mehr führen. Wenn sie nicht möglich sind, kann ich noch so links sein, ich werde meinen Prinzipien keine Wirkung verschaffen.«

Das klingt nicht nur nach politischem Druck, sondern nach persönlicher Angst.
Ich glaube, jeder Vertreter der Opposition in Ungarn hat in den vergangenen Jahren irgendwann durchgespielt, was passiert, wenn plötzlich die Polizei vor der Tür steht, wenn man festgenommen oder die Wohnung durchsucht wird. Allein diese Angst loszuwerden, setzt enorme mentale Energie frei. Ganz verschwunden ist das alte System aber noch nicht. Auch jetzt verbreitet es noch täglich Verleumdungen über mich. Ende April etwa veröffentlichte die Fidesz-nahe Tageszeitung Magyar Nemzet einen Leitartikel über mich und Bálint Ruff, der seit dem 13. Mai das Büro des Ministerpräsidenten leitet. Darin nannten sie uns Stalinisten. Mein Beiname lautete: »der wie ein Penner aussehende Leierkastenmann«. Dar­über kann ich jetzt leichter lachen als früher. Aber in den vergangenen Jahren wurden einfache Bürger, Aktivisten und Politiker unablässig mit solchen Schmutzkampagnen überzogen.

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