28.05.2026
Die AfD empört sich über einen unweit des Hermannsdenkmals geplanten Windpark

Deutsche Aussicht in Gefahr

Die AfD läuft Sturm gegen den Bau von Windkraftanlagen in Sichtweite des Hermannsdenkmals bei Detmold. Dabei geht es nicht zuletzt um nationalistische Projektionen auf die Varusschlacht, die eine lange Geschichte haben.

Rund 2.000 Jahre nach der Niederlage der römischen Truppen des Heerführers Varus gegen das germanische Heer unter Führung des Arminius tobt im Teutoburger Wald erneut eine Schlacht. Nicht gegen das Imperium Romanum, sondern gegen einen geplanten Windpark, der allerdings ebenfalls die »nationale Identität« bedroht, wie Götz Frömming, der kulturpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, warnt. Und so zieht seine Partei in den Kulturkampf: Denn die Windkraftanlagen sollen in Sichtweite des 1875 errichteten Hermannsdenkmals gebaut werden.

Die AfD rief am 8. Mai zu einer Demonstration in Detmold gegen die Turbinen auf. Deren Aufbau, so zitiert der Deutschlandfunk die AfD, würde zur »Zerstörung unseres kulturellen Erbes« führen. Auch zu einer Gegendemonstration wurde aufgerufen. Einige der AfD-Gegner lehnten den Windpark ebenfalls ab, wie es im selben Beitrag heißt, allerdings aus Sorge um den Artenschutz.

Hermann sollte zum Ahnherr eines wiedergeborenen deutschen Reichs stilisiert werden, in dem, wie der Historiker Wilhelm Giesebrecht forderte, fortan »nichts römisch, alles deutsch« sein solle.

So entzünden sich einmal mehr um den Cheruskerfürsten, der irgendwann in Hermann umgetauft wurde, weil Arminius dann doch zu römisch klang, ganz große Gefühle. Schließlich gilt der Sieger der Varusschlacht (9 n. Chr.), spätestens seit Luther ihn als wackeren Vorkämpfer gegen Rom entdeckte, als früher deutscher Nationalheld. Seine Statue eröffnet als »erster großer Deutscher« die Ahnenreihe der Helden der Walhalla in Donaustauf, diesem der bayerischen Staatsregierung zufolge »bedeutendsten deutschen Nationaldenkmal«.

Im frühen 19. Jahrhundert nämlich war in der deutschnationalen Gedankenwelt aus Rom Paris geworden und es galt, die germanischen Stämme gegen Napoleon als den neuen Cäsar zu einen – und gegen all jene in deutschen Landen, die mit dem welschen Feind kollaborierten. Solch »Buben und Knechte«, drohte Ernst Moritz Arndt 1813 in seinem schwerterklirrenden »Vaterlandslied«, müssten die Rache derjenigen fürchten, die siegreich aus den »Befreiungskriegen« gegen Frankreich, dieser Neuauflage der Hermannsschlacht, zurückkehrten.

Überhaupt verwandelten sich damals bei der Beschäftigung mit dem Cherusker viele deutsche Dichter in blutrünstige Furien. Einen vorläufigen Höhepunkt markierte Heinrich von Kleists Drama »Die Hermannsschlacht«, in dem das Thema Kollaboration mit dem Feind eine besondere Note bekam. Denn wie Kleist schildert, soll Thusnelda, die Gattin des Arminius, die Vorzüge der römischen Lebensweise und Zivilisation den feuchtkalten germanischen Wäldern vorgezogen haben. Ein Motiv, das jahrelang die franzosenfeindliche deutschnationale Publizistik bestimmte: Verweichlicht und lüstern verführten die Romanen mit perfiden Tricks seit jeher die biederen, eigentlich treuen und braven deutsch-germanischen Frauen, die aufgrund dieser Eigenschaften, wie schon der römische Historiker Tacitus berichtete, besondere Wertschätzung durch ihre Gatten erfuhren.

Plädoyer zur Rückkehr zu alten römischen Tugenden

Die Germanen selbst haben schriftlich nichts über sich überliefert, Tacitus allerdings hat Germanien nie besucht. Die Wälder und Sümpfe, in denen die Germanen lebten, beschrieb er ungefähr Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts in seiner Schrift »Germania« als »trostlos, schaurig, scheußlich und darüber hinaus noch ziemlich windig«, die Germanen selbst tränken viel und gerne (»Tag und Nacht ununterbrochen fortzuzechen, ist für keinen eine Schande«), hätten »stechende blaue Augen, rotes Haar«, seien »tapfer im Kampf, treu, redlich« und von »hochgewachsener Gestalt«, mutig im Kampf, aber »nicht widerstandsfähig gegenüber Mühsal und harter Arbeit«.

Heutzutage ist man sich in der Forschung weitgehend einig, dass es Tacitus weniger darum ging, reale Germanen zu beschreiben, als darum, seinen von ihm als dekadent und verweichlicht wahrgenommenen Landsleuten einen Spiegel vorzuhalten. Seine Schrift war also vor allem ein Plädoyer zur Rückkehr zu alten römischen Tugenden.

Schon immer haftete deshalb auch diesem Germanenmythos das Manko an, dass sein Begründer eigentlich zu den Feinden zählte. Dabei sollte Hermann nach der deutschen Reichseinigung 1871, die als Sieg germanischer Stämme über das »neue Rom« gefeiert wurde, zum Ahnherrn eines wiedergeborenen deutschen Reichs stilisiert werden, in dem, wie der völkisch erglühte Historiker Wilhelm Giesebrecht forderte, fortan »nichts römisch, alles deutsch« sein solle.

Historische Umdeutung des Hermann-Mythos

Zwischen den Befreiungskriegen gegen den ersten und dem Sieg über den dritten Napoleon im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 erfuhr der Hermann-Mythos deshalb eine historische Umdeutung. Galt Hermann erst als eine Art antiimperialistischer Held, der den Vormarsch römischer Legionen ins freie Germanien aufgehalten hatte, verwandelte ihn preußische Geschichtsschreibung in eine Art frühen Reichsgründer, einen Vorläufer von Kaiser Wilhelm I. Deshalb steht seitdem auch im Teutoburger Wald seine gigantische Statue herum. Auf dem über 50 Meter hohen Sockel des Denkmals befindet sich eine Bronzefigur des 1871 zum »Deutschen Kaiser« gekrönten Wilhelm mit der Inschrift:

»Der lang getrennte Staemme vereint mit starker Hand, / Der welsche Macht und Tücke siegreich überwand, / Der längst verlorne Söhne heimführt zum Deutschen Reich, / Armin, dem Retter ist er gleich.«

Arminius hatte damit als Antiimperialist ausgedient, das neue Deutsche Reich strebte selbst nach Kolonien und als Weltmacht nach einem »Platz an der Sonne«. Dies wird, so zumindest die Idee der Erbauer des Monuments, symbolisiert durch die Haltung des Helden, dessen linker Bronzefuß auf zwei zertretenen Symbolen des Römischen Reichs ruht, einem Liktorenbündel (fasces) und einem Adler. Liktorenbündel waren das Symbol oberster römischer Herrschaftsgewalt und wurden deshalb später von Benito Mussolini, der den Glanz des alten Rom wiederauferstehen lassen wollte, als Namensgeber seiner politischen Bewegung gewählt.

»Arminius, der Antifa«?

Es schlägt die Stunde der »Reisebegleiterin und Gästeführerin in Lippe«, Cornelia Müller-Hisje. Sie, die dem Tourismus-Portal des Teutoburger Walds zufolge seit 2019 auch als »Bierbotschafterin der Strate-Brauerei in Detmold« fungiert, führte Journalisten vom Deutschlandfunk auf die Aussichtsplattform des Denkmals, wo der Blick bald von Windparks verschandelt werden soll. Dort gab sie eine historische Lektion, die darin gipfelte, dass die AfD und andere Rechtsextreme sich ganz fälschlich positiv auf Arminius bezögen. Denn der sei, man sehe es an Ort und Stelle, eigentlich ein früher Antifaschist gewesen, denn er zertrampele die fasces, diese Symbole des Faschismus.

Auf diese glorreiche Idee waren nicht einmal Historiker aus der verblichenen DDR gekommen, die sich doch so redlich abmühten, aus deutschen Nationalerzählungen, die samt und sonders dafür so wenig hergeben, irgendwelche antifaschistischen Funken zu schlagen.

Endet der Kulturkampf im Teutoburger Wald also mit einer erneuten Neuerfindung des Hermann-Mythos? »Arminius, der Antifa«? Wäre das nicht ein zeitgemäßer Titel für eine Ausstellung im »Hermanneum«, jenem Museum zu Füßen des Kolosses, in dem »mit Hilfe modernster digitaler Anwendungen sowie einem Breitwand-Kino die Geschichte des Hermannsdenkmals und seines Vorbildes Arminius erzählt und erlebbar« gemacht wird? Dann bekäme der Einiger »deutscher und germanischer Identität« eine ganz neue Bedeutung; vielleicht böte es sich sogar an, ihn für den ökologisch motivierten Widerstand gegen die Windkraft in Dienst zu nehmen und damit Hermann nicht der AfD zu überlassen.

Brücken über die Gräben des Kulturkampfs schlagen

Schließlich galten die Germanen schon Tacitus in ihren unwirtlichen Landstrichen als sehr naturverbundene Völker, was Arndt wiederum dazu veranlasste, Deutschland als »Vaterland grüner Eichen« zu besingen. Daraus leitet ihrerseits Martin Sellners Identitäre Bewegung ihr ganz zeitgemäßes Motto »Bäume haben Wurzeln, Menschen auch« ab. Gibt es etwas Passenderes für die Mythenbildung als den deutschen Wald, den es vor überall lauernden Gefahren zu schützen gilt? Das könnte, wie schon einmal in der Öko-Bewegung der achtziger Jahre, helfen, Brücken über die Gräben des Kulturkampfs zu schlagen.

Dabei wäre es gar nicht so schwer, wollte man es denn unbedingt, aus dem ganzen Elend einen kleinen Gegenmythos zu schmieden. Er würde sich ganz feministisch um die Figur der Thusnelda ranken, die schon damals zur Einsicht kam, dass römische Zivilisation dem Leben in germanischer Tristesse allemal vorzuziehen sei.
Ähnliche Fragen trieben schon Heinrich Heine um, dem das ganze deutschvölkische Germanengemache höchst suspekt war, weshalb die eigentlich einzig überliefernswerte Poesie zur Varusschlacht auch aus seinem »Wintermärchen« stammt:

»Das ist der Teutoburger Wald, /  Den Tacitus beschrieben, / Das ist der klassische Morast, / Wo Varus steckengeblieben.

Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, /  Der Hermann, der edle Recke; / Die deutsche Nationalität, / Die siegte in diesem Drecke.

Wenn Hermann nicht die Schlacht ­gewann, / Mit seinen blonden Horden, / So gäb es deutsche Freiheit nicht mehr, / Wir wären römisch geworden!

In unserem Vaterland herrschten jetzt / Nur römische Sprache und Sitten, /  Vestalen gäb es in München sogar, /  Die Schwaben hießen Quiriten!«

Wie, fragt man sich abschließend, Cornelia Müller-Hisje dann wohl hieße? Und wäre sie, da den Römern Bier ja als barbarisches Getränk galt, wohl Botschafterin ostwestfälischer Weinkultur geworden?