Verstörender Kanon
Der Zusammenhang von Rechtsextremismus und Architektur wird seit vielen Jahren diskutiert, zuletzt unter dem Begriff »rechte Räume«, die es nicht nur zu erforschen, sondern auch zu bekämpfen gilt. Doch was ließe sich in Anbetracht des Kritisierten als wünschenswertes Gegenstück zu »rechten Räumen« propagieren? Linke Räume etwa?
Die sind als Konzept merkwürdig unkonturiert geblieben – trotz Dutzender Regalmeter Forschungsliteratur zu sozialistisch und kommunistisch inspirierter Architektur in verschiedenen Kontexten. Umso interessierter schlägt man ein Buch auf, das jüngst erschienen ist: »Antifascist Architecture« von Daniel Jonas Roche und Andrew Santa Lucia.
Das Herzstück des Bands bildet ein durchaus verdienstvoller antifaschistischer Gegenkanon der Architektur, der nicht nur mit etablierten Namen wie der österreichischen Architektin und kommunistischen Widerstandskämpferin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) aufwarten kann, sondern auch hierzulande kaum bekannte Personen vorstellt. Beispielsweise Pastorita Núñez González (1921–2010), eine Guerillakämpferin, die an der Kubanischen Revolution teilnahm und anschließend – von 1959 bis 1962 – als Leiterin des Nationalen Spar- und Wohnungsbauinstituts (INAV) in nur 27 Monaten 8.533 Wohnhäuser errichten ließ, die heutzutage umgangssprachlich als »Repartos Pastorita« (Pastoritas Häuser) bekannt sind.
Roche und Santa Lucia verweigern eine klare Begriffsbestimmung von Faschismus und Antifaschismus, weshalb sie auch keinen kohärenten, reflektierten Begriff antifaschistischer Architektur entwickeln können.
Der antifaschistische Architekturkanon des Buchs besteht jedoch nicht nur aus Personen, sondern auch aus Bauwerken. Unter diesen ist der Wiener Karl-Marx-Hof hierzulande wohl am bekanntesten. Der Paradebau des Roten Wien wurde in den Jahren 1927 bis 1933 errichtet und diente während der Februarkämpfe 1934 als Rückzugsort der aufständischen Kämpfer gegen den Austrofaschismus.
Eine wechselvolle Nutzung erfuhr der 1972 im Auftrag von Salvador Allende fertiggestellte Komplex Unctad III in Santiago de Chile, der der gleichnamigen Dritten Weltkonferenz der Vereinten Nationen über Handel und Entwicklung Quartier bot und anschließend das Kulturzentrum »Gabriela Mistral« (Centro GAM) beherbergte. In einer krassen Wendung der Geschichte wurden in dem für den »neuen Menschen« erbauten Komplex nach Augusto Pinochets Staatsstreich 1973 zentrale Machtstellen der brutalen Militärdiktatur untergebracht. Seit 2010 wird es wieder als Kulturzentrum genutzt und gilt als Touristenattraktion.
Zu den noch verzeihlichen Schwächen des Buchs gehört die Unklarheit darüber, warum bestimmte Personen oder Gebäude aufgenommen wurden und andere nicht. Margarete Schütte-Lihotzky ja, aber nicht der Architekt des Karl-Marx-Hofs, Karl Ehn, und auch nicht die des Centro GAM um José Covacevic und andere. Ebenso rätselhaft erscheint, weshalb die Bauten von Schütte-Lihotzky oder Núñez González nur indirekt über den biographischen Zugang gewürdigt werden und nicht als Artefakte Beachtung finden.
Dadurch bleibt der Zusammenhang zwischen Architektur und politischer Haltung vage. Roche und Santa Lucia erklären das so: »Manchmal sieht antifaschistische Architektur aus wie eine Schule für algerische Kinder aus der Arbeiterklasse, eine Sozialwohnungssiedlung für kubanische Revolutionäre, ein Manifest oder ein Denkmal für die Niederlage des Kolonialismus. In anderen Fällen ist ein Werk antifaschistischer Architektur ein sabotiertes Gefängnisprojekt oder der Akt, ein Gefängnis schlichtweg nicht existieren zu lassen.«*
Der analytischen Unschärfe steht bei den Autoren eine ikonoklastische Wut gegenüber. Mit Blick auf postmoderne oder dekonstruktivistische Architektur, auf die computergenerierte Geschmeidigkeit des Parametrizismus oder nachhaltige green buildings rufen sie aus: »Das muss alles weggefegt und in den Müll geworfen werden.«
Roche und Santa Lucia verweigern eine klare Begriffsbestimmung von Faschismus und Antifaschismus, weshalb sie auch keinen kohärenten, reflektierten Begriff antifaschistischer Architektur entwickeln können. Einen Faschismus- und damit auch einen Antifaschismusbegriff halten sie schlicht für verzichtbar: »Erstens der Kürze halber und zweitens, weil andere Autoren bereits weitaus ausführlichere und gründlichere Beschreibungen des Faschismus geliefert haben.«
An einer Stelle weisen sie in Klammern darauf hin, dass in einer Fußnote eine »strengere Definition sowohl des Faschismus als auch des Antifaschismus« folge, doch auch dort stößt man nur auf eine zusammenhanglose Ansammlung von Faschismus-Zitaten aus den Federn von Aimé Césaire, Filippo Tommaso Marinetti, Karl Polanyi, Ernst Thälmann und Clara Zetkin.
Man wähnt sich bei der Lektüre zurückversetzt in den Stalinismus von 1924 ff.
Die Autoren ignorieren nicht nur das weite wissenschaftliche Feld der Geschichte und Theorie des Faschismus, sie agitieren auch vehement gegen jegliche intellektuelle Beschäftigung mit dessen architektonischen Produkten: »Hört auf, faschistischen Mist zu glorifizieren.« Damit delegitimieren sie die kritische Auseinandersetzung von (im Übrigen jüdischen) Architekten beziehungsweise Theoretikern wie Peter Eisenman und Bruno Zevi mit Giuseppe Terragni, dem wichtigsten modernen Architekten des italienischen Faschismus.
Und nicht nur das: Mit kurz angetipptem Verweis auf Alberto Toscano erklären sie Kapitalismus und Neoliberalismus inklusive aller Architekturbüros, die – wie etwa Rem Koolhaas’ Office for Metropolitan Architecture (OMA) – mitunter für globale Konzerne bauen, zu Phänomenen des Spätfaschismus. Man wähnt sich bei der Lektüre zurückversetzt in den Stalinismus von 1924 ff., der nicht zuletzt Sozialdemokraten, die die bürgerliche Demokratie verteidigen wollten, zu »Sozialfaschisten« erklärte.
Es dürfte ungefähr diese Linie sein, entlang derer Roche und Santa Lucia unter Bezugnahme auf die utopieorientierte Befreiungstheologie Franz Hinkelammerts »knappheitsgetriebene, wertorientierte Modelle der zeitgenössischen kapitalistischen Architekturpraxis« durch den farbenfrohen »Maximalismus« eines »transnationalen Weltkommunismus« einschließlich des »zapatistischen Muralismus« ersetzen wollen.
Der bunte Traum entpuppt sich als antizionistisches Gruselszenario autoritärer Linker.
Der bunte Traum entpuppt sich jedoch als antizionistisches Gruselszenario autoritärer Linker. Israel wird von den Autoren gleichsam leitmotivisch delegitimiert. So werden »Eisenman und seine Kumpane« dafür kritisiert, dass sie 1971 mit ihrem Institute for Architecture and Urban Studies (IAUS) der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir eine Studie zu »neuen ›städtischen Siedlungen‹ in Palästina« präsentierten.
Den Landesnamen Israel scheinen sie nur dann verwenden zu wollen, wenn er als Teil einer Gewalterzählung instrumentalisiert werden kann. Zum Beispiel, wenn sie das 1988 während der Ersten Intifada eröffnete Rashad al-Shawa Cultural Center im Gaza-Streifen, das der syrische Architekt Sa’ad Mohaffel entworfen hat und das später als Kommunalverwaltungsbau der Hamas diente, als »antifaschistische Architektur« präsentieren, die 2023 »Israels völkermörderischen Bombenangriffen gegen die Palästinenser« zum Opfer fiel.
Verstörende Zelebrierung »antifaschistischer« Folterzellen
Stolz betonen die Autoren, dass es sich bei der »Besetzung von Gebäuden zur Unterstützung der palästinensischen Befreiung«, die es seit 2023 in New York City und vielen US-amerikanischen Großstädten gibt, nicht nur um »die folgenreichste Studentenprotestbewegung in der Geschichte der USA« seit dem Vietnam-Krieg handle, sondern auch um den »heißen revolutionären Moment«, der die Entstehung des Buchs befeuerte.
Der Einstieg in den Band bildet die verstörende Zelebrierung der »checas« genannten »antifaschistischen« Folterzellen, die Alphonse Laurencic im Jahr 1938 im Spanischen Bürgerkrieg als Mitglied der republikanischen Streitkräfte im Kampf gegen Francos Armee erbaute. Ob die von der Formensprache Luis Buñuels, Salvador Dalís und Wassily Kandinskys inspirierten Räume für systematischen Schlafentzug und Schlimmeres jemals einen Faschisten in einen Antifaschisten verwandelt haben, darf stark bezweifelt werden.
* Alle Zitate von der Redaktion aus dem Englischen übersetzt
Daniel Jonas Roche und Andrew Santa Lucia: Antifascist Architecture. Park Books, Zürich 2026, 256 Seiten
