Rechtsextreme Medienmacht
Paris. Der 74jährige Multimilliardär Vincent Bolloré gewinnt als Haupteigentümer des Mischkonzerns Groupe Bolloré, der unter anderem im Bereich der Öllogistik tätig ist, immer mehr Einfluss auf die Ausrichtung wichtiger französischer Medien und Verlagshäuser. Seit 20 Jahren verbinden ihn zudem freundschaftliche Bande mit dem militanten Rechtskatholiken Gabriel Grimaud, einem einflussreichen und gut vernetzten Priester der Diözese Paris.
In Bollorés Medien haben Grimauds Leute weitgehend freie Hand, vor allem bei dem seit 2016 zur Groupe Bolloré gehörenden Privatfernsehsender CNews, der damals noch I-Télé hieß. Seinerzeit war die Übernahme von einem Streik der Beschäftigten begleitet worden und schließlich kündigten mehr als drei Viertel des bisherigen Personals.
Nachdem Éric Zemmour 2022 mit seiner Präsidentschaftskandidatur gescheitert war, wandte sich Bolloré immer mehr dem Rassemblement national zu.
CNews ist der Rund-um-die-Uhr-Nachrichtensender in Frankreich mit der zweithöchsten Einschaltquote, hinter BFM, ungeachtet der Tatsache, dass die Liste der presserechtlichen Rügen lang ist; der Sender steht im Ruf, einseitig zu berichten sowie Falschmeldungen und Verschwörungstheorien zu verbreiten. CNews wird oft als das französische Fox News bezeichnet, Bolloré ist bekannt dafür, sich in die inhaltliche Ausrichtung einzumischen.
Sonntags wird auf dem Kanal die dem Kampf für das Christentum gewidmete Sendung »En quête d’esprit« (Auf der Suche nach Geist) ausgestrahlt. Diese ist nicht etwa das Pendant zum »Wort zum Sonntag« im Ersten Deutschen Fernsehen, sondern dauert annähernd eine Stunde und ist im Ton extrem.
In den Politiksendungen von CNews dürfen sich konservative Politiker und solche aus der extremen Rechten streiten, obwohl sie sich inhaltlich einig sind. Bevor Éric Zemmour 2021 seine rechtsextreme Kleinpartei Reconquête gründete, war er zwei Jahre Kolumnist bei CNews; dem Sender warf man 2022 vor, Zemmours Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen offen unterstützt zu haben. Nachdem Zemmour gescheitert war, wandte sich Bolloré immer mehr dem Rassemblement national zu und unterstützt in der Partei die Kräfte um den Parteivorsitzenden Jordan Bardella, dessen Ambitionen auf das Präsidentenamt er zu protegieren scheint und dessen beide Bücher in einem seiner Verlage erschienen sind.
Protest und Kündigungen
Erst kürzlich führte Bollorés personelle und inhaltliche Einflussnahme auf die zu seinem Konzern gehörenden Medien erneut zu Protest und Kündigungen. Mehr als 300 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter Prominente wie Virginie Despentes, Leïla Slimani und Emmanuel Carrère, haben einen Mitte April veröffentlichten offenen Brief unterzeichnet, in dem sie ankündigten, ihre Bücher künftig nicht mehr bei dem renommierten und 2023 in den Besitz von Bolloré übergangenen Verlag Grasset zu veröffentlichen oder dort aus dem Programm zu nehmen und anderen Verlegern anzubieten. Auslöser war die von Bolloré veranlasste Kündigung des langjährigen Leiters von Éditions Grasset & Fasquelle, Olivier Nora.
Der Entlassung Noras vorausgegangen waren Vorwürfe Bollorés, dieser habe zu wenig Engagement bei der Veröffentlichung von Boualem Sansals neuem Buch gezeigt. Nora hatte Sansals Manuskript für noch nicht ausreichend überarbeitet befunden und es ins Herbstprogramm nehmen wollen. Bollorés Vorwurf wirkt vorgeschoben.
Eher dürfte es darum gegangen sein, dass Nora sich geweigert hatte, seinen für Bolloré arbeitenden Verlegerkollegen Nicolas Diat als Autor zu publizieren. Diese Vermutung äußerte zumindest die linksliberale Wochenzeitung Le Nouvel Obs. Diat tritt als Verfasser von pamphletartigen Essays auf, als Mitverantwortlicher des Fayard-Verlags verlegt er vor allem dem rechtsextremen Lager zuzurechnende Autoren. Zu denen zählen Jordan Bardella, Marine Le Pen, deren Nichte Marion Maréchal, Éric Zemmour sowie der rechtsextreme EU-Gegner Nicolas Dupont-Aignan.
»Schwarze Liste« für Bolloré-Kritiker:innen?
Auf den Protestbrief der Schriftsteller reagierte Bolloré in der extrem rechten Sonntagszeitung Journal du dimanche (JDD), die ebenfalls in seinem Besitz ist. Er schrieb, die Unterzeichner des Briefs verträten lediglich einen »Mikrokosmos«, Nora und die 38 Mitarbeiter, die mit ihm den Verlag verließen, bezeichnete er als »kleine eigennützige Clique«, »die sich über alles und jeden erhaben wähnt«; den Aufruhr um Noras Entlassung empfindet Bolloré als aufgeblasen »angesichts der besorgniserregenden finanziellen und sozialen Lage von Millionen Franzosen«.
Am 11. Mai erschien in der Tageszeitung Libération unter dem Titel »Zapper Bolloré« (Bolloré wegschalten) eine weitere Protestnote, dieses Mal von Filmschaffenden. Inzwischen wird der offene Brief von 600 Technikerinnen, Regisseuren sowie französischen und internationalen Schauspielern unterstützt. Auslöser des Protests war Bollorés Ankündigung, bis 2028 den Branchengiganten UGC – der in Frankreich und Belgien sowohl eine Kinokette betreibt als auch Filme produziert – vollständig zu übernehmen.
Am 17. Mai bei einem Podium auf dem Filmfestival von Cannes drohte der Direktor des ebenfalls von Bolloré kontrollierten Fernsehsenders Canal Plus, Maxime Saada, künftig nicht mehr mit Leuten zusammenzuarbeiten, die diese Petition unterstützen. Diese Aussage erregte größtes Aufsehen, da der Sender die inländische Filmproduktion derzeit zu gut 40 Prozent finanziert. Am vergangenen Wochenende präzisierte Saada, man habe nicht vor, eine »Schwarze Liste« von aus dem Berufsleben zu Verbannenden anzulegen. So war seine Äußerung allerdings vielfach interpretiert worden.
»Offene und brutale Zensur«
Daraufhin entspann sich eine Debatte, die vornehmlich in der Tageszeitung Le Monde geführt wurde. Während Caroline Fourest, eine Erstunterzeichnerin des Grasset-Briefs, dafür plädierte, die Kritik an Canal Plus nicht zu übertreiben, und dort nach wie vor eine gewisse Meinungsvielfalt sieht, äußerten andere die Befürchtung, in der nahen Zukunft könne Bolloré durch den Aufkauf von UGC auch dort die bisherige Leitung absetzen.
In der Diskussion ging bislang vollständig unter, dass auch Canal Plus inhaltlich bereits ein anderer Sender ist als noch vor zehn Jahren – eine Folge dessen, dass Bolloré Anfang 2015 den Vorstandsvorsitz des Medienhauses übernahm.
Und das merkte man schnell. Die linke Internetzeitung Mediapart berichtete am 29. und 30. Juli jenes Jahres, der Vorstand habe die Entscheidung getroffen, einen Dokumentarfilm aus inhaltlichen Gründen zu zensieren. »In 15 Jahren Tätigkeit habe ich noch nie eine derart offene und brutale Zensur gesehen«, schrieb dessen Regisseur, Jean-Pierre Canet.
Die entscheidende Frage ist, ob die rechtsextremen Kulturkämpfer überhaupt noch aufgehalten werden können.
In seinem Film ging es um rechtswidrige Praktiken des Schweizer Kreditinstituts Pasche, einer Filiale der französischen Großbank Crédit Mutuel – ihr wurde vorgeworfen, vermögenden Kunden aktiv und bewusst Beihilfe bei der Steuerhinterziehung geleistet zu haben. Bolloré hatte dem Bericht von Mediapart zufolge persönlich eingegriffen, um die Zensur des Dokumentarfilms zu erreichen; die Bank hatte ihn zuvor bei Übernahmegeschäften beraten.
Im Juli 2015 ersetzte Bolloré den bisherigen Direktor des Senders, Rodolphe Belmer, durch Maxime Saada. Im selben Monat wurde die Entscheidung bekannt, die beliebte Satiresendung »Les Guignols de l’info« solle eingestellt werden. Nach Protesten – eine Petition zum Erhalt des Formats wurde damals innerhalb von vier Tagen von 115.000 Menschen unterzeichnet – modifizierte der Milliardär seine Pläne: Die Sendung wurde einstweilen nicht gestrichen, sondern wechselte zunächst vom kostenlos zugänglichen Teil des Angebots von Canal Plus in dessen Bezahlfernsehsparte; die vier bisherigen Textschreiber wurden gefeuert. Das Profil der Sendung galt bis dahin als respektlos gegenüber Autoritäten, geistreich und scharf. Drei Jahre später wurde sie dann definitiv abgesetzt.
Auch wenn Canal Plus nun wiederum vielen Kulturschaffenden – in seinem derzeitigen Zustand – fast als bewahrenswertes Biotop der Seriosität erscheint, das es gegen einen noch heftigeren Zugriff von Bolloré und seinen Leuten zu schützen gelte: Die jüngere Vergangenheit des Senders zeigt, dass sie auch dort bereits dauerhafte Schäden angerichtet haben. Die entscheidende Frage ist, ob die rechtsextremen Kulturkämpfer überhaupt noch aufgehalten werden können.