11.06.2026
Die Fußball-WM bittet die Fans zur Kasse

Die Spree für mich allein

Die nun beginnende Fußballweltmeisterschaft bittet die Fans mit grotesken Preisen zur Kasse.

Es war einer dieser viel zu heißen Berliner Sommertage während einer Fußball-WM, an dem auch das deutsche Team spielte. Die Hitze drückte auf eine Stadt im Ausnahmezustand – die Straßen leer, die Ufer verlassen. Nur ab und zu hörte man aus der Ferne ein kollektives Jubeln oder Stöhnen. Für Menschen wie mich, die mit derlei Massenereignissen nichts anzufangen wissen, wirkte das stets befremdlich. Man spürt, dass etwas geschieht, ohne daran teilzuhaben.

Vielleicht war es diese Mischung aus Hitze und Entrücktheit, die mich schließlich, um nicht zu verdampfen oder vollends wahnsinnig zu werden, unerlaubt in die Spree springen ließ. Während Millionen Menschen auf Bildschirme starrten, hatte ich den Fluss fast für mich allein. Eine wunderschöne Erinnerung.

Kaum ein anderes kulturelles Phänomen verbindet Menschen so selbstverständlich über Klassen- und Milieugrenzen hinweg. Für viele ist Fußball weit mehr als ein Sport.

Nun steht erneut eine WM vor der Tür, diesmal in den USA, Kanada und Mexiko. Meine Gefühle gegenüber dem Fußball haben sich seit jenem Tag in der Spree nicht verändert. Dennoch muss ich zugestehen: Kaum ein anderes kulturelles Phänomen verbindet Menschen so selbstverständlich über Klassen- und Milieugrenzen hinweg. Für viele ist Fußball weit mehr als ein Sport.

Doch noch bevor das Spektakel begonnen hat, sorgt es bereits für Kopfschütteln. In den vergangenen Wochen wurde über eine Preisgestaltung berichtet, die selbst hartgesottenen Fans die Stimmung verdirbt.

Für eine Zugfahrt von New York City zum Finalstadion in New Jersey hielt man zunächst 150 US-Dollar für angemessen. Dieselbe Strecke kostet normalerweise 12,90 Dollar. Ein offizielles WM-Sondertrikot gibt es für 375 Dollar. Für Finaltickets werden teilweise mehr als 10.000 Dollar verlangt. Und Hotelpreise vervielfachten sich in einigen Austragungsorten praktisch über Nacht.

Selbst die Leidenschaft hat ihre Preisgrenze

Reichlich amüsant ist, wenn viele Verantwortliche nun irritiert scheinen, weil Hotelbuchungen hinter den Erwartungen zurückbleiben, Tickets nicht ausverkauft sind und die große Euphorie stellenweise ausbleibt. ­Offenbar hat selbst die Leidenschaft ihre Preisgrenze.

Der Profifußball hat mich schon immer ratlos zurückgelassen. Doch selbst für Fußballverhältnisse wirkt vieles an dieser Weltmeisterschaft grotesk. Ich verstehe wenig von Fußball, aber durchaus, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das Menschen lieben, bis zur Unkenntlichkeit verwertet und ihnen dadurch verleidet wird. Ich denke wieder an die Spree. Sollte ich mich hinreißen lassen, während dieser Weltmeisterschaft erneut hineinzuspringen, werde ich den Fluss vermutlich nicht mehr für mich allein haben.

Stilisierte Doris Belmont

In der Kolumne »Tuntenspalten« von Doris Belmont, der extrem gut geschminkten Tunte mit dem Charme einer Gründerzeitbibliothekarin, ist thematisch alles möglich – von absurdem Szenetratsch bis hin zu politischen Pamphleten.

Bild:
Jungle World