02.07.2026
Trumps Verschönerung der US-Hauptstadt zum 250jährigen Jubiläum der USA

Autoritärer Umbau

US-Präsident Donald Trump versucht, zum 250. Jahrestag der Staats­gründung am 4. Juli seinen autoritären Kurs ins Stadtbild von Washington, D.C., baulich einzuschreiben. Er trifft dabei auf hartnäckigen Widerstand.

Nicht nur hierzulande wird über den Umgang mit der Geschichte gestritten. Als der Bauunternehmer und Reality-TV-Star Donald Trump vor gut zehn Jahren die politische Bühne der USA betrat, war dort gerade eine Auseinandersetzung über den Umgang mit Denkmälern zum US-amerikanischen Bürgerkrieg aufgeflammt. Aktivistische Gruppen der Bewegung Black Lives Matter forderten lautstark, die Statuen von Militärs und Politikern aus den Südstaaten wegen ihres Kampfes für die Sklaverei von öffentlichen Plätzen zu verbannen, während rechte Organisationen die informell fortbestehende weiße Vorherrschaft in den USA in Gefahr sahen – ideales Material für einen Kulturkampf, den Trump zu seinem Vorteil anzuheizen verstand. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte das Ganze 2017 mit dem berüchtigten Aufmarsch »Unite the Right«, als neofaschistische Milizen in Charlottesville, Virginia, aufmarschierten, um den Abriss eines Reiterstandbilds des Südstaaten-Generals Robert E. Lee zu verhindern.

Jenseits der heftigen Zuspitzung der vergangenen Jahre ringt die US-amerikanische Gesellschaft seit Generationen darum, welche Lehren aus einer von Migration und Bürgerrechtsbewegungen, aber auch von Sklaverei und Segregation geprägten Geschichte zu ziehen sind. Welche Perspektiven werden berücksichtigt, welche nicht? Wie kann eine angemessene Repräsentation der nationalen Vergangenheit aussehen? In welche Projekte sollen öffentliche Ressourcen fließen? Washington, D.C., ist gewissermaßen ein Archiv gebauter Antworten auf solche Fragen.

Trump möchte offenbar zeigen, dass es nicht rechtsstaatliche Institutionen sind, die über das Erscheinungsbild der US-Hauptstadt zu entscheiden haben, sondern die Wünsche eines einzigen Manns im Weißen Haus.

Anders als praktisch alle europäischen Hauptstädte ist die der USA zuallererst eine Planstadt für die Institu­tionen der amerikanischen Demokratie und erst durch diese politische Rolle auch eine lebendige Metropole geworden. Große Teile der Stadt wurden nach Plänen des französischen Architekten Pierre Charles L’Enfant errichtet, der im US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der Vereinigten Staaten gegen Großbritannien ­gekämpft hatte und seinen Entwurf für eine Hauptstadt am Potomac River 1791 im persönlichen Auftrag der Staatsgründer George Washington und Thomas Jefferson erstellte.

National Mall: Symbolisches Gleichgewicht zwischen Exekutive und Legislative

Auf L’Enfant geht nicht nur das städtebauliche Grundraster der Hauptstadt zurück, sondern auch die Idee für die National Mall. In der gewaltigen zen­tralen Parkanlage in Washington stehen sich der Amts- und Wohnsitz des Präsidenten und das Parlamentsgebäude in einer Art symbolischem Gleichgewicht zwischen Exekutive und Legislative gegenüber. Mit dieser baulichen Abbildung der Gewaltenteilung beginnt die Geschichte der Hauptstadt als architektonische Repräsentation der US-Demokratie. Ein Großteil von L’Enfants Planungen wurde allerdings erst rund 100 Jahre später nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs realisiert.

Mit dem Potomac River als Grenzfluss zum Bundesstaat Virginia lag ­Washington direkt an der Grenze zwischen den Kriegsparteien. Das benachbarte Arlington, heutzutage Sitz des »Kriegsministeriums« im Pentagon, liegt bereits in Virginia und somit im Süden, Washington selbst gehörte zum Norden. Seitdem drückt die bauliche Entwicklung der Hauptstadt immer auch die Versöhnung zwischen politischen Lagern, eine Rückbesinnung auf die in der gemeinsamen Verfassung festgeschriebenen universellen Rechte und die Lern- und Entwicklungsfähigkeit der US-amerikanischen Demokratie aus. Vervollständigt wird die National Mall durch eine Vielzahl öffentlicher Museen und Denkmäler, die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gewidmet sind – vom National Museum of the American Indian bis zum spektakulären, 2016 eröffneten National Museum of African American History and Culture.

Kurzum: Es ist nicht irgendein Ort, dem Präsident Trump derzeit autoritär seinen Stempel aufzudrücken versucht. Gerade in ihrer politischen Grundstruktur und im Hang zu gemäßigtem imperialem Pomp sind Washington, D.C., und die National Mall Ausdruck einer demokratischen Kultur, die trotz aller Fehler bislang zu den ältesten und stabilsten der Welt zählt, nun aber offensichtlich eine der tiefsten Krisen ihrer Geschichte durchlebt. Während Trump in seiner ersten Amtszeit (2017–2021) ein auffälliges Desinteresse an der Hauptstadt erkennen ließ und auch offizielle Termine häufig in sein pri­vates Anwesen Mar-a-Lago in Florida verlagerte, ist er nun wesentlich präsenter im Weißen Haus. Nicht nur die Demontage demokratischer Institutionen, auch seine Pläne für die Hauptstadt treibt der Präsident seit seiner Wiederwahl 2024 mit weit größerer Entschlossenheit voran.

Trumps megalomanische Planungen

Anlässlich der anstehenden Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der US-amerikanischen Staatsgründung am 4. Juli hat Trump eine Reihe von Projekten lanciert: So soll auf der Memorial Avenue, der Straße, die Arlington und Washington verbindet, der größte Triumphbogen der Welt entstehen. Am Ufer des Potomac ist ein Skulpturenpark mit 250 überlebensgroßen Standbildern von Figuren aus der US-amerikanischen Geschichte geplant. Bereits im Bau ist ein Ballsaal, der den 1902 gebauten und 1942 erweiterten Ostflügel des Weißen Hauses ersetzen soll.

Was die architektonische Erscheinung angeht, sind die Projekte eigentlich kaum der Rede wert. Sie sind Ausdruck der Vorliebe des Präsidenten für pseudoklassische Formen in Marmor, Messing und Blattgold. Manche sprechen von Diktatoren-Chic, ästhetisch ist aber nicht mehr als der billige Protz von Golfclubs und Casino-Hotels zu erkennen, wie sie Trumps Unternehmen seit Jahrzehnten errichten.

Viel interessanter als das Was ist das Wie und Warum der Projekte – und der Widerstand, auf den sie treffen. Das autoritäre Vorgehen scheint das Wesentliche an Trumps Vorhaben zu sein. Jedes seiner Projekte für Washington ist mit einem Streit über die Befugnisse des Präsidenten verbunden. Hätte der Senat angehört werden müssen? Sind alle Genehmigungen eingeholt worden? Entsprechen die Pläne dem Baurecht, den Gestaltungsvorschriften und dem Denkmalschutz? Trump geht es offenbar darum zu zeigen, dass es nicht rechtsstaatliche Institutionen sind, die über das Erscheinungsbild der US-Hauptstadt zu entscheiden haben, sondern die Wünsche eines einzigen Manns im Weißen Haus.

Das Gelingen dieses Umbaus ist jedoch keineswegs garantiert. Bei vielen seiner Projekte für die Hauptstadt sind Gerichtsverfahren anhängig. Sicher ist: Rechtzeitig zum Staatsjubiläum werden weder Triumphbogen noch Skulpturenpark oder Ballsaal fertig. Bereits abgeschlossen ist dagegen die Sanierung des Capitol Reflecting Pool – jenes Wasserbeckens in der National Mall, vor dessen Kulisse einige der wichtigsten Kundgebungen der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung stattfanden. Trump ließ das Bassin ohne öffentliche Ausschreibung von einer Baufirma, die schon vielfach für seine Unternehmen tätig war, im Farbton »American Flag Blue« streichen. Der Präsident berief sich dabei wie so oft auf einen vermeintlichen allgemeinen Volkswillen. Kaum fertiggestellt strahlte das Becken allerdings nicht in patriotischem Blau, sondern in giftigem Algengrün; hektisch lässt Trump seither nach den Ursachen forschen, während er öffentlich schon einmal Saboteure verantwortlich macht.

Mindestens bis zu den 250-Jahr-Feiern am 4. Juli wird außerdem die Bühne auf dem Rasen des Weißen Hauses zu sehen sein, die Trump für die Mixed-Martial-Arts-Kämpfe anlässlich seines 80. Geburtstags am 14. Juni errichten ließ. Das ist – man kann es nicht anders sagen – bislang eine klägliche Ausbeute für den Präsidenten. Um Bauten und das anstehende Staatsjubiläum geht es Trump aber ohnehin nur nebenbei. In erster Linie geht es um den Konflikt zwischen der Exekutivgewalt unter Präsident Trump und den Institutionen, die einer Allmacht des Präsidenten im Wege stehen. Davon, wer sich am Ende durchsetzt, hängt nicht nur das künftige Erscheinungsbild von Washington, D.C., ab, sondern womöglich auch die Zukunft der US-Demokratie.