Die Literatur ist tot, es lebe die Literatur
Wenn man etwas über das derzeit vieldiskutierte Verhältnis von Künstlicher Intelligenz und Literatur erfahren möchte, konsultiert man am besten die KI selbst. Schlau, wie sie ist, informiert sie den Fragesteller innerhalb von zwei Sekunden, dass dabei ein »Werkzeug-Thema-Verhältnis« vorherrsche. Auch ihr Resümee ist wirklich klug: Sie stehe »nicht nur neben Literatur«, sondern werde »teils in Literaturprozesse eingebunden«, und damit beeinflusse sie »sowohl die Praxis des Schreibens als auch die Debatten darüber, was Literatur ausmacht«. Offensichtlich hat sie genau gemerkt, wie die Diskussion derzeit läuft: Künstliche Intelligenz lässt noch ein bisschen fraglicher erscheinen als ohnehin schon, was ein Autor, eine Autorin überhaupt ist; was es für Fragen von Urheberrechten bedeutet, wenn literarische Texte komplett maschinell entstehen; was fortan unter literarischer Originalität oder gar Authentizität zu verstehen ist.
So sehr diese Debatten durch das Auftauchen von KI befeuert worden sind – es sind letztlich alte Hüte, denn über diese Fragen wird bereits seit den Sechzigern regelmäßig diskutiert. Schon die Poststrukturalisten Roland Barthes und Michel Foucault ließen den Autor verschwinden, der Semiotiker Max Bense speiste seinen Computer mit Wortmaterial, der spuckte gehorsam experimentelle Poesie aus. Italo Calvino sprach in seinem Vortrag »Kybernetik und Gespenster« von 1967 bereits von »Maschinen, die imstande sind, Gedichte und Romane zu erdenken«. Und er mutmaßte, dass eine solche schreibende Maschine über kurz oder lang aus »Unzufriedenheit über ihren eigenen Traditionalismus (…) das Bedürfnis verspüren« werde, Avantgarde herzustellen, »um ihre Schaltkreise freizupusten, die von einer zu lange anhaltenden Produktion von Klassizismus verstopft sind«. Das Ganze sei nicht weiter schlimm, das Einzige, was dabei verschwinde, sei »der Autor als Aussteller der eigenen Seele auf der Dauerausstellung der Seelen (… ), diese anachronistische Figur«.
Schon James Joyce war der Meinung, es gäbe im Grunde nur zehn bis zwölf Urgeschichten, alles andere seien Variationen.
Wenn man selbst Autor ist, schmerzt das ein wenig. Man fragt sich, ob Calvino das nicht nur ironisch gemeint hat. Es wäre doch schade um sein Werk, wenn es gar nicht entstanden wäre. Es könnte dann heutzutage kaum in dieser Form von einer Künstlichen Intelligenz abgekupfert werden. Aus dem »Baron auf den Bäumen« wird so vielleicht »Der Graf im Gestrüpp«. Und das zeigt: Originalität kann KI nicht herstellen, jedenfalls noch nicht. Die Arbeit eines Autors, einer Autorin, der oder die wirklich etwas auf sich hält, lebt ja nicht nur vom Plot oder einer Idee. Schon James Joyce war der Meinung, es gäbe im Grunde nur zehn bis zwölf Urgeschichten, alles andere seien Variationen. Es kommt also vor allem darauf an, was man daraus macht – wie Joyce etwa aus der Odyssee: Stil und Form sind untrennbar mit der individuellen ästhetischen Physiognomie ihres Schöpfers verbunden.
Klar steht jeder, wie Robert Schumann treffend sagte, auf den Schultern eines anderen. Geschult an, inspiriert und beeinflusst von – aber am Ende ist die Mixtur bei Nichtepigonen doch höchst originell und auf jeden Fall etwas Neues. Etwas, das aufs Innigste verquickt ist mit Sein und Bewusstsein der Person, die es verzapft hat. Daran muss KI noch arbeiten, wird aber, das muss man zugeben, immer souveräner. Den Auftrag, ein originelles Gedicht zu verfassen, das keinerlei Ähnlichkeit mit den Arbeiten toter oder lebender Autorinnen und Autoren hat, erfüllt sie postwendend. Die Frage, wer das »Ich«, das in diesem Gedicht auftaucht, eigentlich ist, beantwortet sie völlig ungerührt mit: eine »lyrische Sprechinstanz«. Und wenn man nach dem Verfasser des Produkts fragt, heißt es ohne künstliche Bescheidenheit: »Das Gedicht wurde von mir als KI-Assistent erstellt; es hat keinen menschlichen Verfasser.«
Schriftsteller und Schriftstellerinnen müssen sich also warm anziehen. Die Zukunft könnte den kalten Atem einer Maschinenliteratur mit sich bringen, die sämtliche menschlichen Machwerke, was immer da denkt und drängt, obsolet erscheinen lässt. Aber das gilt ja nicht nur für Literatur, sondern für die gesamte Welt der Produktion: Am Ende können die Maschinen alles besser als Menschen, und es muss einen nicht wundern, wenn sie rein aus rationalen Erwägungen heraus im Produktionsprozess lieber auf die Menschen verzichten.
Literaturmarkt im Umbruch
Ein Stück Weg ist es noch bis dahin. Auch die Literatur hat vielleicht ein bisschen Zeit, durchzuschnaufen und irgendwas zu versuchen. Spannend wird sowieso die Frage nach der Verwertung. Werden Verlage wirklich weiter existieren können, wenn sie ausschließlich KI-übersetzte oder gar KI-generierte Texte anbieten (oder KI-generierte KI-übersetzte Texte)? Wozu dann überhaupt noch Verlage? KI-geschriebene Bücher kann jeder eigenständig sehr schnell produzieren und via Amazon vermarkten. Wie man hört, hat der Buchgroßhändler den Selbstverlagsautoren nun eine Klausel auferlegt, nicht mehr als 15 Bücher pro Tag zu veröffentlichen. Was aber kein Problem darstellt, es gibt ja immer noch die Möglichkeit, weitere Bände unter Pseudonym herauszuhauen.
Allerdings werden diese bald nicht mehr benötigt, denn die potentiellen Kunden sterben aus. Leserinnen und Leser können doch von sich aus bestimmen, was sie gerne lesen möchten, und die KI kostenlos mit der Erstellung eines entsprechenden Texts betrauen. Die Literatur wird zum Selbstbedienungsladen: Schreibe mir einen Krimi in der Tradition des Nordic Noir, es soll um dunkle Familiengeheimnisse gehen. Außerdem spielt eine rechtsextreme Sekte eine Rolle. Die Hauptfigur, ein desillusionierter Polizist, soll so aussehen wie ich. Für letztere Zuschreibung braucht es noch ein paar Hinweise, ansonsten ist die Sache geritzt. Die Ergebnisse werden nicht berauschend sein, aber okay. Reiselektüre für einen sechswöchigen Trip in weniger als fünf Minuten hergestellt. Wofür braucht man da noch Autorinnen und Autoren und erst recht: wozu noch einen literarischen Betrieb – Feuilletons, Literaturveranstaltungen, Messen, Preise, Buchhandlungen?
Mittlerweile geht es nicht mehr, nicht einmal bei ambitionierten Kleinverlagen, rein um literarische Qualität, sondern vorrangig um Marktsegmente, »Aufmerksamkeitstrigger« und Verwertungsschubladen à la: »für Leser und Leserinnen von … «.
Das Problem mit der KI ist also in Wahrheit vielmehr eines der Entwicklung der zeitgenössischen Literatur und ihres Marktes selbst: die simple Tatsache, dass die Akteure im literarischen Feld (Medien, Verlage und die Schreibenden) sich schon längst vom Gedanken einer Literatur als Originalkunstwerk verabschiedet haben. Begonnen hat das in den frühen Neunzigern, als die Warenlogik überhandnahm und nicht mehr Bücher, sondern verstärkt Produkte gesucht wurden. Mittlerweile geht es nicht mehr, nicht einmal bei ambitionierten Kleinverlagen, rein um literarische Qualität, sondern vorrangig um Marktsegmente, »Aufmerksamkeitstrigger« und Verwertungsschubladen à la: »für Leser und Leserinnen von … «.
Das Gros der Produktion (gefolgt von Distribution und Rezeption, professioneller wie privater) hat sich auf ein stromlinienförmiges Mittelmaß eingependelt, für das der Germanist Moritz Baßler vor einer Weile den 1960 von Dwight Macdonald geprägten Begriff »Midcult« hervorgekramt hat. Die fast schon vollzogene Abschaffung des Literaturunterrichts an den Schulen garantiert, dass es so bleibt und kein neuer Sachverstand nachwächst. Die angebotene Dutzendware wird sich jeder selbst schreiben lassen können, wenn die KI in zwei oder drei Jahren gelernt haben wird, das Midcult-Niveau problemlos zu erreichen, woran kein Zweifel bestehen kann.
Literarisch schreiben kann man weiterhin, auch wenn es nicht sicher ist, ob ein allzu großes Publikum dafür bleibt. Geld verdienen kann man damit kaum. Doch der Zusammenbruch des Literaturbetriebs, wie man ihn heutzutage kennt, könnte solchen ambitionierten Autorinnen und Autoren auch neue Möglichkeiten eröffnen. Abseits der tradiertem Vertriebswege könnten sie ihre Werke direkt anbieten, ob gedruckt oder digital – weil es eh nichts anderes mehr gibt als Direktvermarktung.
Die Nachricht ist also bitter und tröstlich zugleich: KI mag kommen und vielleicht sogar das Feld übernehmen, aber Literatur, die echte, ernstgemeinte, engagierte, kompromisslose, radikale, ästhetisch gewagte – sie wird immer bleiben.
Enno Stahl ist Schriftsteller und Literaturkritiker und Mitglied von PEN Deutschland. In seinem 2026 veröffentlichten Roman »Menschmaschinen« zeichnet er eine dystopische, von Klonen bevölkerte Zukunftsgesellschaft.