Transpirierend transzendieren
Die meisten Menschen begehen bei Hitze, die sie nicht gewohnt sind, zwei kardinale Fehler. Der erste ist eine hektische Suche nach einem Gegenmittel. Rasch zum Baumarkt, Ventilator kaufen, Eiswasser im Kühlschrank vorbereiten, Badesee aufsuchen und Ähnliches. Beim zweiten geht es darum, etwas unbedingt zu wollen, sich zu etwas zwingen, das gar nicht dem inneren Zustand entspricht. »Jetzt gib einmal Ruhe« als Aufforderung an sich oder andere ist das wirksamste Instrument zur Verbreitung von Unruhe. Es ist vollkommen sinnlos, sich zu einer Pause oder gar zu einer »Siesta« zu zwingen, wenn im Hirn einfach noch zu viel los ist. Dieses arme Hirn nämlich benötigt in der Hitze doppelt so viel Anstrengung für jeden erbittert verbleibenden oder gar erzwungenen Gedanken (Wo habe ich eigentlich meinen Geldbeutel hingelegt, was hat Immanuel Kant mit der Transzendenz im Sinn gehabt?) als gewöhnlich eh schon.
Der doppelte Rat: erstens radikale Entschleunigung. Und zweitens: vollkommene Freigabe aller Gedanken.
Daher der doppelte Rat: erstens radikale Entschleunigung. Und zweitens: vollkommene Freigabe aller Gedanken. So kann man zusehen, wie sich die Transzendenz in den Geldbeutel schleicht, oder es fällt einem plötzlich wieder ein, wie Marilyn Monroe ihren Zeh in den Badewannenhahn gekriegt hat.
Der beste Ort für eine solche Doppelstrategie ist ein Biergarten. Er muss eine gewisse Weitläufigkeit haben, möglichst viel Bäume aufweisen (ein Schirmschatten ist mit einem Baumschatten überhaupt nicht zu vergleichen), auf dem Boden sollte Kies sein, aber schon auch ein bissl Gras oder was halt so wächst, wo man es nicht haben will. Und die beste Haltung zu allem, was gegen einen Aufenthalt hier spricht (alles zwischen Berufspflicht und medizinischem Ratschlag), ist: »Leckt’s mich am Arsch.«
Man hockt sich hin vor seine Halbe Bier, die, wenn man Glück hat, eine Kellnerin bringt, die sich auch nicht mehr hetzen lässt als unbedingt nötig, nimmt einen tiefen Schluck und sagt dann gemächlich zum Sitznachbarn. »Jaja, is’ scho sauber hoas heit.« Nach etwa drei Minuten antwortet der Nachbar. »Ja, hoas is scho heit. Gestern war’s genau a so.« Nach weiteren vier Minuten: »Und morgen soll’s ja a no sauber heiß wern.« Nun vergehen fünf Minuten. Dann seufzt der Sitznachbar wohlig: »Ja, mei. Is halt a so.« Und während Sie ein frisches Bier bekommen, sagen Sie: »Kann man nix machen.« Nun, der Nachmittag schreitet trotz allem voran, so dauert es schon sechs Minuten, bis der Nachbar sagt. »Hilft ja nix. Es ist halt ein Klima, und alles.«
Es ist dabei wichtig, die entstehenden Pausen keineswegs einfach mit gar nichts zu füllen. Gar nichts gibt es nämlich gar nicht. Aber auch nicht mit einer Erwartung an seinen Tischnachbarn oder irgendwen sonst. Es gilt vielmehr zu lauschen, auf das Knirschen von Schuhen auf dem Kies, und zu sehen, welchen Effekt die Verdunstungskälte am Bierglas zeitigt. Es geht darum, andächtig die Zeit vergehen zu lassen.
Am Ende dieses glücklichen Nachmittags hat man die Hitze vollkommen vergessen. Aber vielleicht rein zufällig verstanden, was Immanuel Kant mit der Transzendenz gemeint hat. Oder man ist einfach besoffen.