09.07.2026
Wütende Hitzköpfe

Von der Hitze getrieben

Wie sich die Hitze auf den menschlichen Körper auswirkt -- und auf das Verhalten gegenüber Mitmenschen.

Auch wenn abgesehen von einigen Naturmystikern (wie Waldorfppädagogen) heutzutage niemand mehr an die von der antiken Humoralpathologie abgeleitete Temperamentenlehre glauben mag, hat sich die Vorstellung von einem hitzigen Charakter in der Sprachwelte gehalten: Dampf ablassen, vor Wut kochen oder explodieren, ein Hitzkopf sein und vor Zorn glühen. Die Sprache ist reich an einer Temperatur-Metaphorik, die Gefühle von (unkontrollierter) Aggression mit Hitze verbindent. Physiologisch betrachtet steckt darin wenigstens eine Halbwahrheit: Gesteigerte Erregung führt zwar nicht zu einer Temperaturerhöhung des Körpers, doch durch die Erweiterung der Blutgefäße wird mehr warmes Blut aus dem Inneren des Körpers an die Hautoberfläche transportiert – was als Wärmegefühl spürbar und in Form von Errötung sichtbar wird. Literarisches Sinnbild ist die »dunkle Röte« im Gesicht von Michael Kohlhaas, wenn Wut durch empfundenes Unrecht in ihm aufsteigt. 

Zahlreiche Studien belegen, dass aggressiv-impulsives Verhalten bei höheren Temperaturen zunimmt, auch dass in heißeren Jahren mehr Gewalttaten begangen werden als in kühleren und im Sommer mehr Morde als im Winter

Doch kann sich die Wirkung auch in die Ursache verkehren? Im Hitzedelirium, an einem Tag, der »in einem Ozean aus kochendem Metall vor Anker gegangen« war, schlägt Camus’ Romanfigur Meursault den nur als »Araber« vorgestellten Mann tot. Die mörderische Erregung des innerlich indolenten Täters kommt gänzlich von außen: in Form der schlicht nicht mehr zu ertragenden, aber ihr schutzlos ausgelieferten, sengenden Hitze.

Zahlreiche Studien belegen, dass aggressiv-impulsives Verhalten bei höheren Temperaturen zunimmt, auch dass in heißeren Jahren mehr Gewalttaten begangen werden als in kühleren und im Sommer mehr Morde als im Winter. Was genau diese Korrelation erklärt, bleibt indes unklar: vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen, damit zusammenhängende Gereiztheit, verminderte kognitive Leistungsfähigkeit oder der zufällige Umstand, dass bei warmen Temperaturen mehr Menschen draußen sind, ergo mehr Reibungspunkte und Gelegenheiten entstehen.

Vielleicht ist Hitzestress in einer Gesellschaft allseitiger Konkurrenz aber auch einfach einer von vielen möglichen Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen können. Ein Anlass für das fragile Ich zu dekompensieren, angesichts der steten Bedrohung, durch die als feindselig empfundene Außenwelt oder durch das in sie hineinprojizierte innere Andere – wer will das schon so genau unterscheiden können – übermannt zu werden. Allzu klar liegt also auf der Hand, wie sich die durch die Klimakrise verursachten Hitzewellen und weiteren ökonomischen Krisen auswirken werden, wenn alles so bleibt, wie es ist. Bleibt nur die bescheidene Hoffnung, dass die Not die Arbeitswütigen zur Siesta zwingt, oder vielleicht, um es sachte zu sagen, zum Kampf für die Veränderung der Verhältnisse.