Drei Tage Sousse
Leyla Bouzid hat sich mit Filmen einen Namen gemacht, die innere Konflikte Heranwachsender auf poetische Weise verhandeln. Ihr Kino erkundet Gefühle und knüpft dabei explizit an die französische Tradition der éducation sentimentale an, die eine emotionale und mentale Reifung beschreibt. Dabei bricht die tunesische Regisseurin den stilprägenden Pessimismus des Konzepts durch eine gehörige Portion postmigrantischen Optimismus und schafft eine moderne Version der »Erziehung der Gefühle«. Ihr Kino ist tief melancholisch, aber ganz und gar nicht hoffnungslos, und es ist diese Mischung der Tonlagen, die den besonderen Zauber der Filme ausmacht.
»Eine Geschichte von Liebe und Verlangen« (»Une histoire d’amour et de désir«, 2021) ist der Flaubert-affinste ihrer bislang drei abendfüllenden Spielfilme. Ein algerischstämmiger Student versenkt sich in Paris in arabische Liebeslyrik, um sein Begehren akzeptieren zu können; die Literatur lässt ihn seine Sexualität entdecken, die von den Vorschriften eines Banlieue-Islam gehemmt ist. Eine forsche tunesische Kommilitonin trägt dann das Ihre zu seiner Befreiung bei.
Das Ende ist offen: Wie in einem Vexierbild kann man in der Schlussszene von »Mit leiser Stimme« den Wandel oder das Beharren sehen.
Es ist ein Film, der auch leicht ins Identitäre hätte abgleiten könnte, der aber auf feinfühlige und originelle Weise von heterosexueller Männlichkeit erzählt. Erfrischend ist das auch deshalb, weil Bouzid sich explizit dem Trend des aktuellen Kinos widersetzt, Männern weniger Sinnlichkeit zu erlauben als Frauen, wie sie in einem Interview angemerkt hat.
Die Protagonistin von Bouzids neuem Film »Mit leiser Stimme« (»À voix basse«), die lesbische Ingenieurin Lilia (gespielt von Eya Buteraa), hat die sexuelle Initiation längst hinter sich. Mit ihrer Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau) kommt sie von Paris in ihre tunesische Geburtsstadt Sousse zur Beerdigung eines Onkels. Als die beiden Frauen an einem diesigen Frühlingstag in Tunis landen, wirken sie wie unbeschwerte Touristinnen. Mit dem Mietwagen geht es in Richtung Küste, vorbei an Lastern mit flatternden Planen, Händlerinnen mit sonnengegerbten Gesichtern, einer Tankstelle, von der der Putz abblättert.
Lilia hat erst Mühe, den Familiensitz im Herzen von Sousse wiederzufinden. Das Gebäude ist fast vollständig von der Vegetation überwuchert. Die Hafenstadt wandelt sich, aber im Haushalt der resoluten Großmutter Néfissa scheint die Zeit stillzustehen (in der Rolle der strengen Matriarchin überzeugt die tunesische Politikerin und Regisseurin Salma Baccar). Drei Generationen von Frauen leben hier, auch die (vom »Succession«-Star Hiam Abbass gespielte) Mutter. Für Lilia ist das Haus ein Ort voller Erinnerungen, aber auch unausgesprochener Spannungen. Vor der Familie wird Alices Rolle verschleiert – die Französin mit dem hellblonden Bob ist eine »Mitbewohnerin«, die zufällig in einem Hotel Urlaub macht.
Zerstörerisches Schweigen
Elegant, feinfühlig und eindringlich erzählt Bouzid aus der Perspektive der homosexuellen Lilia von den Ereignissen, die sich am Tod ihres Onkels Daly entzünden. Ein dreitägiges islamisches Trauerritual rahmt die Handlung und zeigt die starren Strukturen der Gesellschaft. Bilder der Bestattungsrituale bilden eindrückliche tableaux vivants. Die ganze Wucht des Films liegt dabei in den unausgesprochenen Dingen und vergebenen Chancen, die nun mit Macht an die Oberfläche drängen.
Noch liegt der Leichnam des Onkels in seinem Zimmer. Ein Fremder schleicht herein, küsst seine Stirn. Unter Allahu-akbar-Rufen und den Schreien von Lilias Großmutter, die den Sohn ein letztes Mal berührt, schaffen Angehörige den Toten weg. Mehrmals wird das Zeremoniell, getaucht in eine Noir-Atmosphäre aus Licht und Schatten, durch das Auftauchen der Polizei gestört.
Aus dem Trauerfall wird ein Kriminalfall, in dessen Zentrum die Frage steht, ob ein Herzinfarkt, wie es der Autopsiebericht besagt, oder ein homophobes Gewaltverbrechen hinter dem plötzlichen Tod stecken. Der Film zeigt, wie ein Tabu aus der Vergangenheit die Gegenwart einer Familie bestimmt und wie zerstörerisch das Schweigen auf die nächste Generation wirkt. Aber er weist auch einen Weg aus der Sprachlosigkeit, indem er die Stimme Lilias immer lauter macht. Diese erkennt, dass sie drauf und dran ist, selbst ein Doppelleben zu führen. Freier als ihr Onkel, der sich nie zu seiner großen Liebe bekannt hat, aber nicht frei genug, um der Familie ihre Homosexualität zu zeigen. Im Kontakt mit der queeren Szene Tunesiens beginnt Lilia, die innere Spaltung zu überwinden.
Die Dialoge wechseln zwischen den Sprachen; mit der Geliebten spricht Lilia Französisch, die Sprache der Libertinage, mit der Mutter Arabisch, die Sprache der Tradition. In einer entscheidenden Szene in einem Polizeirevier bekennt sie sich zu ihrem Lesbischsein in der Landessprache.
Die Inszenierung arbeitet mit starken Bildern, Hell-dunkel-Kontrasten, Elementen des Traums und sorgsam gesetzten filmischen Referenzen. Als Lilia das Privatarchiv des Onkels durchsucht, entdeckt sie die Zeugnisse eines verpassten Lebens: nicht verschickte Liebesbriefe, Bilder einer arrangierten Hochzeit, auf der der Bräutigam neben seiner Angetrauten seltsam abwesend wirkt. Wie mit dem legendären Fotoroman in Chris Markers Science-Fiction-Film »Am Rande des Rollfelds« (»La Jetée«, 1962) wird die Geschichte Dalys in lauter Standbildern enthüllt. In seiner Biographie spiegelt sich die Ablehnung der als Makel begriffenen Homosexualität in dem islamischen Land, das diese unter Strafe stellt. Teil der Handlung ist die von NGOs gebrandmarkte, schockierende Praxis von »Anal-Tests«, Zwangsuntersuchungen, aus denen absurderweise geschlossen werden soll, ob eine Person regelmäßig Analverkehr habe. Der Film flicht diese Information auf überzeugende Weise ein, es ist eines der wenigen aktivistischen Elemente in einem Film, der sich kompromisslos der Aufrichtigkeit des Gefühls verpflichtet sieht und die Balance aus queerer Thematik und universeller Liebesgeschichte bis zum Ende durchhält.
Das Haus, das mit seiner Atmosphäre verblassenden bürgerlichen Chics auf Anhieb bezaubert, gehörte der Großmutter der Regisseurin. Der Dreh war die letzte Chance, seine Aura einzufangen, bevor das Haus neuen Wohnblocks weichen musste.
»Mit leiser Stimme« ist eine poetische Verdichtung von Geschichte und Beobachtungen. Erinnerungen und Gegenwart verschmelzen im Stil des magischen Realismus. Daly schaltet sich beim Fernsehquiz ein, Lilia tobt als Schulkind in den Ferien durchs Haus. Zusätzliche Tiefe erhält der Film durch die Authentizität des Hauptschauplatzes: Das Haus, das mit seiner Atmosphäre verblassenden bürgerlichen Chics auf Anhieb bezaubert, gehörte der Großmutter der Regisseurin. Der Dreh war die letzte Chance, seine Aura einzufangen, bevor das Haus neuen Wohnblocks weichen musste, wovon Bouzid im Regiekommentar berichtet. Die tiefe Melancholie des Films mag dem Wissen um den Verlust mit geschuldet sein, aber die Stimmung sanfter Traurigkeit ist keine Schwelgerei und kein Selbstzweck, sie vermittelt vielmehr ein Gefühl dafür, was für Lilia alles auf dem Spiel steht.
»Mit leiser Stimme« zeigt die Gefahren gesellschaftlicher Repression, aber ermutigt auch zu Verantwortung, Aufrichtigkeit und Selbstbestimmung. Das Ende ist offen: Wie in einem Vexierbild kann man in der Schlussszene den Wandel oder das Beharren sehen.
Mit leiser Stimme (Frankreich/Tunesien 2026). Buch und Regie: Leyla Bouzid. Darsteller: Eya Buteraa, Marion Barbeau, Hiam Abbass, Salma Baccar. Filmstart: 9. Juli