Die Flaschenpost aus Wilna
»Dem 11. Juli, s’is a schojner Somertog, mir hern as fun der sejt, fun Wald schist man, wos ken dos sejn?« übersetzt Rachel Margolis in ihrem warmen und weichem Jiddisch aus den in polnischer Sprache verfassten Aufzeichnungen Kazimierz Sakowiczs, der sich seine Frage, was die Schüsse zu bedeuten haben, selbst beantwortet: »S’is drej a zejger, Nochmitog, mir wejsen schojn, as dos hot man geschosn Jidn.«
Der polnische Journalist war Augenzeuge und Chronist der Massenexekutionen im litauischen Ponary. In dieser kleinen Ortschaft, unweit von Wilna, wurden von Juli 1941 bis Juli 1944 circa 100.000 Menschen ermordet – die Mehrheit von ihnen waren jüdische Frauen, Männer und Kinder. Rachel Margolis (1921–2015), eine Widerstandskämpferin aus dem Ghetto Wilna, ist es zu verdanken, dass Sakowiczs einzigartige Aufzeichnungen publiziert wurden und den NS-Massenmord ans Licht der Öffentlichkeit gebracht haben.
Einen Großteil der Aufzeichnungen haben jüdische Überlebende gefunden. Jahrzehntelang lagen diese mit dem Stempelaufdruck »unleserlich« versehenen Papiere unbeachtet im Zentralarchiv Litauens.
Kazimierz Sakowicz war Inhaber einer Druckerei und Herausgeber der polnischen Wochenzeitung Przegląd Gospodarczy (Wirtschaftsrundschau); er wohnte unweit der Massenexekutionsstätte in einem Häuschen mit Garten im Wald von Ponary. Instinktiv erkannte er, dass er Zeuge unfassbarer Ereignisse wurde: der beginnenden Vernichtung der litauischen Juden. Fortan notierte Sakowicz über mehr als zwei Jahre – anfänglich eher emotionslos und distanziert – akribisch seine Beobachtungen. »Es wurden über 200 Frauen und Kinder hergebracht. Sie nahmen den Frauen ihre Babys weg und erschlugen sie mit Gewehrkolben. Sie machten sich nicht die Mühe, jeden Bengel einzeln zu erschießen, sie warfen sie einfach in die Gruben.«
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