Die trüben Quellen der »Zionologie«
Ein Sticker, gefunden im Berliner Bezirk Neukölln, zeigt eine Figur, in der linken Hälfte dargestellt als IDF-Soldat mit Sturmgewehr, rechts als Tourist mit Hawaiihemd. Die linke Seite ist überschrieben mit »Vergewaltiger, Nazis, Mörder, Verbrecher«, die rechte mit »als Touristen getarnt unterwegs«. Es mündet in der Warnung: »Murderer Nazi Israelis. You are not safe« (Mörder Nazi-Israelis. Ihr seid nicht sicher).
Diese Gleichsetzung des Zionismus mit dem Nationalsozialismus folgt einer langen Tradition. Spätestens nach Israels Sieg im Sechstagekrieg 1967 wurde die bundesrepublikanische Linke zu großen Teilen israelfeindlich. Der Sozialistische Studentenbund (SDS) verabschiedete 1967 eine Resolution, in der Israel als der »vorgeschobene Posten des US-Imperialismus« identifiziert wurde, und markierte damit den Wendepunkt, an welchem der vorherige Fokus der bundesrepublikanischen Linken auf Holocaust und Vergangenheitsbewältigung in einen wiedergutgewordenen Antizionismus umkippte, den Jean Améry damals als »ehrbaren Antisemitismus« bezeichnete – als Antisemitismus, der »enthalten (ist) im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke«.
Darstellungen wie die eines Schläfenlocken und SS-Hut tragenden, vampirbezahnten Juden auf der Documenta 15 im Jahr 2022 wirken wie ein Echo der propagandistischen Ikonographie, die sich nach 1967 in der deutschen Linken etablierte.
Darstellungen wie die eines Schläfenlocken und SS-Hut tragenden, vampirbezahnten Juden auf der Documenta 15 im Jahr 2022 wirken wie ein Echo der propagandistischen Ikonographie, die sich nach 1967 in der deutschen Linken etablierte. Damalige Karikaturen zeigen etwa einen Davidstern, dessen Zacken sich kreisförmig in ein Hakenkreuz verlängern; eine aufrecht stehende Davidstern-Statue, deren Schatten sich zu einem Hakenkreuz verformt; oder einen IDF-Soldaten, dessen Gliedmaßen, hakenkreuzförmig verzerrt, eine flüchtende Frau mit Olivenzweig in der Hand niederschlagen. »Nazisrael« und »Zionazis« sind geläufige Schlagwörter der Zeit.
In diesen Jahren setzten sich international neue Arten durch, den Zionismus aus einer vermeintlich linken, progressiven und antifaschistischen Position heraus zu denunzieren. 1975 verabschiedete die UN-Vollversammlung die berüchtigte Resolution 3.379, die feststellte, »dass der Zionismus eine Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung ist«. Die Resolution kam maßgeblich auf Betreiben des Sowjetblocks und der arabischen Staaten zustande und es bedurfte des Zusammenbruchs der Sowjetunion, bevor die UN-Generalversammlung sie im Dezember 1991 für ungültig erklärte.
Die internationale sowjetische Propagandakampagne gegen Israel
Dass die UdSSR eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Antisemitismus innerhalb der globalen Linken spielte, dürfte bekannt sein, weniger hingegen die Herkunft ihrer antizionistischen Tropen aus offen rechtsextremen und antisemitischen Texten.
Die Historikerin Izabella Tabarovsky hat die internationale sowjetische Propagandakampagne gegen Israel erforscht, deren Dauer sie von 1967 bis 1988 ansetzt. Der von der Sowjetunion entwickelte und verbreitete Antizionismus, der der Propaganda im Ausland diente und sich gleichzeitig gegen die vermeintliche Gefahr eines jüdischen »Nationalismus« im Inland richtete, beruhte nach Tabarovskys Ansicht wesentlich auf antisemitischen Verschwörungstheorien, die älteren antisemitischen Texten wie den »Protokollen der Weisen von Zion« und der nationalsozialistischen Ideologie nicht nur ähnelten, »sondern in ihnen verwurzelt sind«.
Viele jener Männer und Frauen, die die sowjetisch-antizionistische Propaganda produzierten, rekrutierten sich Tabarovsky zufolge aus einer losen großrussisch-nationalistischen Bewegung, die als Russische Partei bezeichnet wurde. Entstanden sei diese Bewegung in den fünfziger und sechziger Jahren, in der »bedrückenden Atmosphäre der Nach-Stalin-Ära, die auch die liberale Dissidentenbewegung hervorgebracht hatte«. Anders als diese orientierte sich die Russische Partei nicht an liberalen Ideen, sondern am antiwestlichen Nationalismus des vorrevolutionären Russland und an antikommunistischen Nationalisten. Ihre Anhänger lasen »Texte von Emigranten der Weißen Garde, die den Mythos des Judeobolschewismus populär gemacht hatten: die antisemitische Erfindung, der zufolge Juden die Revolution von 1917 angezettelt und Russland unterjocht hätten, was zu einem zentralen Element nationalsozialistischer Propaganda wurde. Einige lasen ›Mein Kampf‹.«
So wahnhaft die sowjetische Propagandakampagne gegen Israel war, politisch erwies sie sich als zweckrational: Sie fungierte unter anderem als ideologischer Kitt für Beziehungen ins Ausland.
Während manche als Gegner des Sowjetsystems in Lagerhaft landeten, hätten andere es vermocht, ihre Ideen »mit der marxistisch-leninistischen Sprache des Systems zu verbinden«, und konnten so in der Sowjetunion Karriere machen. Die Aufwertung ihres »Wissens« um die verborgenen Machenschaften der Juden koinzidierte mit der Krise, in die der Ostblock nach der Niederlage der von der Sowjetunion aufgerüsteten arabischen Staaten gegen Israel im Sechstagekrieg gestürzt war, und damit mit dem Bedürfnis des Parteiapparats, Verschwörungen für eigene Misserfolge verantwortlich zu machen. Die sogenannten Zionologen waren geboren: eine Gruppe von Propagandaexperten, beauftragt mit der Ausarbeitung und Verbreitung eines »wissenschaftlichen« Antizionismus im In- und Ausland.
Zu ihnen gehörten Männer wie Jewgenij Jewsejew, Autor von »Faschismus unter dem blauen Stern« (1971), der sich für seine Veröffentlichungen bei den »Protokollen der Weisen von Zion« und der Literatur vorrevolutionärer russischer Pogromisten bediente, sowie, dank seiner Arabischkenntnisse, bei der unter nationalsozialistischem Einfluss entstandenen arabisch-antisemitischen Propaganda.
Ihr prominentester Vertreter, Jurij Iwanow, schuf mit »Vorsicht: Zionismus!« (1969) wohl den Grundlagentext des sowjetischen Antizionismus und einen Bestseller, der sich in der UdSSR rund 800.000 Mal verkaufte und in mindestens sechzehn Sprachen übersetzt wurde. Den Kern des Zionismus definierte er darin als: »kriegerischer Chauvinismus und Antikommunismus«. »Iwanow gelang es«, so zitiert Tabarovsky die Memoiren eines weiteren Zionologen, »mit Hilfe der Werke von Marx und Lenin, gegen die niemand Einwände erheben konnte, eine feste theoretische Grundlage für die offene Kritik am Zionismus zu schaffen.«
So wahnhaft die sowjetische Propagandakampagne war, politisch erwies sie sich – auch gerade deshalb – als zweckrational: Sie schwächte den politischen Gegner, rechtfertigte die antiisraelische und proarabische Politik im Inland und fungierte zudem als ideologischer Kitt für Beziehungen ins Ausland.
Immer wieder gelang es den Zionologen und ihren Mitstreitern, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, zum Beispiel mit einem 1971 veröffentlichten Artikel in der New York Times unter dem Titel »Eine sowjetische Sicht auf Juden«. In dem Text, der offenbar darauf zielte, die Gleichung Zionismus = Faschismus einem internationalen Publikum geläufig zu machen, ist von den »Führern (deutsch im Original), den Sturmtruppen und den Hohepriestern« einer »neorassistischen Kampagne« in Israel die Rede, deren »rassistische Arroganz nur von der Hitlers erreicht wird« sowie von einer »kleinen Bande zionistischer Fanatiker«, die den Weltfrieden gefährde.
Die sowjetischen Ideologen lancierten in zahlreiche Sprachen übersetzte Pamphlete, die so griffige Titel wie »Zionism: An Instrument of Imperialist Reaction«, »Enemy of Peace and Progress: On the Criminal Policy of Israel’s Zionist Regime« oder »Criminal Alliance of Zionism and Nazism« trugen (»Zionismus: Ein Instrument der imperialistischen Reaktion«; »Feind des Friedens und des Fortschritts: Über die kriminelle Politik von Israels zionistischem Regime«; »Die kriminelle Allianz zwischen Zionismus und Nazismus«).
Diese Texte richteten sich an eine vornehmlich linke Leserschaft. Dafür, dass sie diese erreichten, sorgten die Sowjets mit großzügigen Alimenten an moskautreue kommunistische Parteien in Ländern wie Frankreich und den USA, die zu ihrer Verbreitung angehalten waren. Abweichen von der korrekten Linie in der »Zionismusfrage« wurde sanktioniert. Als etwa der hochrangige jüdisch-italienische Kommunist Umberto Terracini 1971 den Antizionismus öffentlich kritisierte, beeilte sich das Politbüro der Kommunistischen Partei Italiens, ihrem Bedauern über den Vorfall Ausdruck zu verleihen. Als Mahnung erhielt es aus Moskau ein Abonnement der russischen jiddischsprachigen Zeitschrift Sovetish heymland (»Sowjetisches Heimatland«). Dessen moskautreue jüdische Redaktion sowie die jüdische Abstammung einiger Zionologen dienten der sowjetischen Führung immer wieder als Beweismaterial, um abzustreiten, dass ihr Antizionismus antisemitisch sei. Dass Ideologen des sowjetischen Antizionismus sich in Wirklichkeit aus einer Gruppe rechtsextremer glühender Antisemiten rekrutierten, ist in der globalen Linken bis heute nicht aufgearbeitet.