Auf der Suche nach dem gesellschaftlichen Gesamtsubjekt
Mit der Rezeption von Adornos Nachlass in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre geriet eine Vorstellung ins Wanken, die damals noch verbreitet war: die Vorstellung, es handele sich bei Adornos kritischer, philosophischer Theorie der Gesellschaft um ein überwundenes Paradigma, welches allenfalls noch von wissenschaftsgeschichtlichem Interesse sei, nachdem Jürgen Habermas (der von vielen als Adorno-Schüler gelesen wurde) zu Beginn der 1980er Jahre einen Paradigmenwechsel zur Kommunikationstheorie propagiert hatte.
Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre hatten der epochale Triumph des nordatlantischen Modells der kapitalistischen Produktionsweise und die globale Durchsetzung ihrer politisch-bürokratischen Verwaltung mitsamt deren kulturell-ideologischen Spiegelungen und Mystifikationen die kulturwissenschaftlich dominante Rationalitätsskepsis der Postmoderne noch nicht erschüttert. Mit guten Argumenten brachte Habermas seine Verständigungstheorie als Fortsetzung des ›Projekts der Moderne‹ dagegen in Stellung. Aber die postmoderne Legendenbildung, dass es sich lediglich um eine ›Erzählung‹ unter vielen handele, wenn von gesellschaftlichen Antagonismen die Rede ist, fand immer weniger Zustimmung. Nach und nach kehrte die Erinnerung an die ideologiekritischen Analysen der sogenannten älteren Kritischen Theorie zurück. Denen zufolge handelt es sich bei jenen Antagonismen nicht um narrative Konstrukte, sondern um Manifestationen der Klassenstruktur der Weltgesellschaft, die zu begreifen und zu kritisieren sind, und, wenn möglich, durch eine vom Verwertungszwang befreite, solidarische Praxis zu überwinden wären.
Seit den 1950er Jahren hatte Adorno sein Augenmerk darauf gerichtet, was er und Max Horkheimer als »verwaltete Welt« bezeichneten: die durchrationalisierte, tendenziell globale, administrative Herrschaft.
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