09.07.2026
Erste repräsentative Studie zur Gewalt an Schulen

»Es bräuchte ein einheitliches Verständnis davon, was Gewalt ist«

Gewalt an Schulen wird immer häufiger. Bisher fehlten umfassende Untersuchungen. Ende Juni haben der Berliner Senat für Bildung, Jugend und Familie und das Meinungsforschungsinstitut Allensbach das »Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer« vorgestellt. Für die repräsentative Studie wurden berlinweit Schulen befragt. Die Jungle World sprach mit Marc Grimm von der Bergischen Universität Wuppertal, der mit anderen die Studie wissenschaftlich geleitet hat, über die Ergebnisse.

Mehr als die Hälfte der befragten Lehrkräfte bezeichnete Gewalt an ihrer Schule als großes oder sehr großes Problem. Jeder vierte von fünf befragten Sechstk­läss­ler:in­nen hat Gewalt von Mit­sc­hü­ler:in­nen erlebt. Waren Sie von den Ergebnissen überrascht?

Wir folgen der Diskussion sehr intensiv und haben die Berichte, die wir aus den Schulen bekamen, ernst genommen. Daraus zeichnete sich schon ab, dass etwas passiert ist: Wir haben ein Nachlassen von Jugenddelinquenz über die Jahrzehnte, und wir sehen in der Corona-Zeit ein Ansteigen. Seit 2025 fallen diese Zahlen zwar wieder, außer bei einer Gruppe, den unter 14jährigen. Ob uns also die Studie überrascht hat? Nein, aber dass wir einige bemerkenswerte Ergebnisse haben, damit war nicht zu rechnen.

Wir haben ein Nachlassen von Jugenddelinquenz über die Jahrzehnte, und wir sehen in der Corona-Zeit ein Ansteigen. Seit 2025 fallen diese Zahlen zwar wieder, außer bei einer Gruppe, den unter 14jährigen.

41 Prozent der befragten muslimischen, 33 Prozent der christlichen und 19 Prozent der konfessionslosen Neuntk­läss­ler:in­nen sind der Meinung, dass religiöse vor schulischen Regeln Vorrang haben sollten. Ist das ein Hinweis auf eine muslimische Dominanzkultur an den Schulen?

Diese Frage können wir auf Grundlage der Daten erst einmal nicht beantworten. Wir haben den Punkt aufgenommen, weil sich Hinweise darauf finden lassen, dass insbesondere aus konservativen muslimischen Milieus Druck auf liberale Muslime ausgeübt wird – ein Thema, das immer wieder auch zugespitzt an die Öffentlichkeit kommt. Daher wollten wir hier eine Datengrundlage schaffen. Was die Zahlen angeht, könnte man sie als allgemeinen Autoritätsverlust interpretieren, der alle Schülergruppen umfasst. Ich halte aber die unbequemere Interpretation mindestens genau so für plausibel: dass sich ein normativer Anspruch durchsetzt, der in einem konservativen muslimischen Milieu verankert ist.

Neben queeren klagen vor allem jüdische, afrikanische und indische Sc­hü­ler:in­nen über Gewalterfahrungen. Braucht es eine Neuausrichtung der Präventionskonzepte?

Das ist mit Sicherheit sinnvoll, gerade wenn man sieht, dass an Schulen häufig kein verbindliches Konzept im Umgang mit Gewalt existiert. Was in der Schlussfolgerung bedeutet, dass es auch kein einheitliches Verständnis von physischer und verbaler Gewalt gibt. Wo wird interveniert und was lässt man laufen? Hier bräuchte es ein schlüssiges Verständnis davon, was Gewalt ist und wie man als Schule darauf reagiert.