Männer im Gebüsch
Ein Mann steht in einem Park und merkt plötzlich, dass er beobachtet wird. Er dreht sich um und sieht einen anderen Mann, der ihn, indem er den Kopf kurz zur Seite neigt, auffordert, ihm zu folgen. Wenige Meter später bleibt der zweite Mann stehen und sieht sich um, um zu prüfen, ob der erste noch hinter ihm ist. Es folgen das Anbieten einer Zigarette und schließlich das Wechseln der ersten Worte. Diese Cruising-Szene entstammt dem Film »All of Us Strangers« (2023) von Andrew Haigh. Die Pointe ist, dass es sich bei dem auffordernden Mann, der offensichtlich jünger ist als der erste Mann, um dessen Vater handelt. Offenbar wird hier phantasiert und offenbar hat das eine ödipale Komponente. Dem Film gelingt es, mit einer kurzen Sequenz von Blicken und Bewegungen schwules Begehren darzustellen. Das liegt daran, dass es kaum etwas Schwuleres gibt als Cruising.
In Berlin hat das Cruising im Frühsommer 2026 zu medialen Auseinandersetzungen geführt, und zwar in Bezug auf die »Zustände« an den im Osten der Stadt gelegenen Kaulsdorfer Seen an der Grenze zwischen den Ortsteilen Kaulsdorf und Mahlsdorf im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Beim Cruising streifen (zumeist) Männer auf der Suche nach anonymem Sex in einem leicht zugänglichen Raum umher – einem Park, einer öffentlichen Toilette, einem Darkroom, an einem Badeseeufer – und kommunizieren in einer einzigartigen aus Bewegungsmustern und Blicken zusammengesetzten stummen Sprache miteinander über ihr Begehren. Ziel ist der sexuelle Akt – an Ort und Stelle oder auch anderswo.
Die mittlerweile konformistisch gewordene liberale Integration der sexuellen und geschlechtlichen Diversität wird begleitet von offenem Ressentiment – die Transe, die Kindern vorliest, gehört zum festen Inventar rechter Skandalisierungsversuche
Die für Mahlsdorf im Berliner Abgeordnetenhaus sitzende Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Katharina Günther-Wünsch (CDU), skandalisierte Anfang Juni das Cruising an den Kaulsdorfer Seen, die seit Jahrzehnten zum FKK-Baden genutzt werden. Sie verfasste gemeinsam mit dem in Kaulsdorf lebenden ehemaligen CDU-Generalsekretär Mario Czaja ein Schreiben, in dem der mögliche Kontakt zwischen cruisenden Männern und Familien problematisiert wird: Eltern hätten ihnen geschildert, dass sie mit ihren Kindern bestimmte Bereiche mieden.
Der CDU-Bezirksverband fordert nun schärfere Kontrollen durch Polizei und Ordnungsamt. Der SPD-Politiker Alfonso Pantisano, seit 2023 »Ansprechperson« des Senats »für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt«, widersprach auf Instagram, es gebe der Berliner Polizei zufolge keine Zunahme von Belästigungen in der Gegend. Er kritisierte mögliche Repressalien gegen schwule Cruiser, schließlich hätten »an diesem See auch ›Paare‹ und Frauen Sex«.
Cruising als schwule Praxis
Seit den zehner Jahren zeichnet sich in Westeuropa immer deutlicher eine höchst ambivalente Entwicklung der öffentlich artikulierten Haltungen gegenüber sexuellen Minderheiten ab. Die mittlerweile konformistisch gewordene liberale Integration der sexuellen und geschlechtlichen Diversität wird begleitet von offenem Ressentiment – die Transe, die Kindern vorliest, gehört zum festen Inventar rechter Skandalisierungsversuche. Wenn es stimmt, dass es kaum Schwuleres als Cruising gibt, dann wird in der lokalpolitischen Auseinandersetzung ums Cruising sichtbar, dass es an den Schwulen etwas gibt, das sich der Integration im allseits hochgehaltenen Diversitätsparadigma widersetzt. Das schwulenfeindliche Ressentiment von rechts nutzt diese Irritation auf seine Weise.
Das Cruising von Männern, die Sex mit Männern suchen, hat eine Geschichte, die mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. So berichtet Eugen Wilhelm, ein früher Kämpfer für die Rechte Homosexueller, in seinem Tagebuch von einem Aufenthalt in Kopenhagen 1901, wo er auf einer Wiese neben einer Kaserne die Husaren wie »blaue Blumen« gepflückt habe. Und Kurt Hiller, ein expressionistischer Dichter, der sich ebenfalls für Homosexuellenrechte einsetzte, erinnert sich in seiner 1973 veröffentlichten erotischen Autobiographie »Leben gegen die Zeit (Eros)« an einen nächtlichen Besuch im Berliner Tiergarten 1905, bei dem die »dort Wandelnden oder auf Bänken Wartenden« nur schemenhaft zu erkennen gewesen seien. Von dort habe ihn ein muskulöser Tätowierter mit nach Hause genommen.
Literarische und filmische Denkmäler wurden dem Cruising zu Beginn der Liberalisierung in der Bundesrepublik ab Mitte der sechziger Jahre gesetzt. Der Journalist und Schriftsteller Felix Rexhausen veröffentlichte 1969 unter dem Pseudonym »Stefan David« das pornographische Buch »Berührungen«, das in einer Vielzahl von Episoden vom Cruising in der Bundesrepublik, in Südeuropa, Nordafrika und Amerika erzählt. In Rosa von Praunheims für die Schwulenbewegung epochemachendem Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« von 1971 setzt in der Mitte des Films plötzlich die Tonspur aus, um in einer mehr als fünfminütigen Sequenz dem Cruising schwuler Ledermänner im Park die Bühne zu überlassen. Durch den filmischen Kunstgriff wird der Akzent auf die Blick- und Bewegungssprache des Cruising gesetzt.
Häufig wurde und wird das Cruising mit schwulenfeindlicher Unterdrückung in Verbindung gebracht. In diese Kerbe schlägt auch der Praunheim-Film. Die stummfilmartige Cruising-Sequenz weist jedoch zugleich auf eine Faszination, die nicht in dieser Erklärung aufgeht. Diese ist nach mehr als einem halben Jahrhundert schwuler Emanzipation mit der Frage konfrontiert, warum es Cruising immer noch gibt. Nur mit Unterdrückung lässt sich das nicht erklären.
Ein Triebschicksal scheint schwule Männer in die Parks und an die Badeseen zu treiben – wo sie auf Menschen treffen, die ein anderes Triebschicksal zur Fortpflanzung getrieben hat.
Vielmehr scheint ein bestimmtes Triebschicksal einen Teil der schwulen Männer in die Parks, Klappen und eben auch an die Badeseen zu treiben – wo sie zuweilen auf Menschen treffen, die ein anderes Triebschicksal zur Fortpflanzung getrieben hat. An der Panik, dass der eigene Nachwuchs schwulen Sex sehen könnte, wird deutlich, dass sich etwas an der schwulen Sexualität nicht reibungslos im Diversitätsparadigma neutralisieren lässt.
Selbst wer sich offiziell zur Toleranz bereit erklärt, fürchtet sich vor schwulem Sex: vor einer sexuellen Kultur, die Lust um ihrer selbst willen ausstellt, auch und gerade in ihren destruktiven Momenten. In den cruisenden Schwulen wird etwas an der Sexualität ansichtig – auch der Sexualität der Familienheterosexuellen –, das sich gegen die Bindung richtet. In der Angst der Familienväter und -mütter und ihrer konservativen Fürsprecherinnen macht sich bemerkbar, dass auch ihr Blick auf die cruisenden Schwulen von Faszination geprägt ist.
Das erkennt man an der Art, wie das lokale Online-Medium Alles Mahlsdorf über das Cruising am See berichtet: »Viele sonnen sich nackt und verschwinden, meist nur mit Schuhen bekleidet, von Zeit zu Zeit in das von Pfaden durchzogene angrenzende Wäldchen und den blickdichten Uferbereich. Dort gibt es versteckte Ecken, in denen bereits weitere Männer warten, es kommt regelmäßig zu entsprechenden sexuellen Begegnungen.« Das nimmt sich aus wie das Drehbuch zu einem Porno und man bekommt gleich Lust, sich mit ins Gebüsch zu schlagen.