15.07.2026
Das Sommerloch in Zeiten des Klimawandels

»Fotzenrap« im Sommerloch

Popkolumne. Ikkimel, Christopher Nolan und Philippe Djian.

Gibt es das Sommerloch eigentlich noch? Wenn plötzlich alle Medien über den Auftritt von Ikkimel im ZDF-Morgenmagazin berichten? »Fußballmänner, alles Penner. Bierbauch, Bratwurst, leckerschmecker«, rappt sie ihren Senf auf alle Deutschländer-Würstchen. Der Sommerhit zum Sommerloch? Oder ist nicht inzwischen wegen des Klimawandels und Hitzerekorden der Sommer längst die brisanteste Jahreszeit von allen? Und wird das Sommerloch dieses Jahr womöglich von der Fifa präsentiert – unterbrochen von Kriegsnachrichten aus der Ukraine? Und Tank(er)-Updates von der Straße von Hormuz? Und der Bundesregierung, die uns Anfang Juli dreist ihr asoziales Reformpaket reinreicht? Zum 250. Geburtstag der USA und neusten Trump-Unverschämtheiten? Zum AfD-Parteitag?

Wollte man durch extra profane Mitteilungen einfach so etwas wie Ferienstimmung verbreiten? Genießt euren Pauschalurlaub, hier verpasst ihr nix! Dies ist ein Erholbefehl!

Oder war das Sommerloch womöglich nur eine Erfindung der Boomer-Generation, um das Runterfahren des Medienbetriebs in der Urlaubszeit zu legitimieren? Wollte man durch extra profane Mitteilungen einfach so etwas wie Ferienstimmung verbreiten? Genießt euren Pauschalurlaub, hier verpasst ihr nix! Dies ist ein Erholbefehl!

Selbst Blockbuster wie Christopher Nolans »Odyssee« feiern inzwischen den Kinostart mitten im Juli! Womöglich sind klimatisierte Kinos aber einfach die coolere Alternative zu gekühlten Shopping Malls. Die ständigen Konzert- und Festivalabsagen wegen Starkregens oder extremer Hitze in unseren Timelines summieren sich aber auch zu einer Art schwarzem Sommerloch.

Wenn dann bald sengende Hitze den Mittelmeerraum im Sommer ungenießbar macht, fährt auch keiner mehr dorthin in den Urlaub. Vielleicht übernimmt dann der milliardenschwere Kunstbetrieb die verlassenen Touristenbunker. Biennale Mallorca! Florentina Holzinger grillt ein Opferlamm im Hotelzimmer!

Philippe Djians neuer Roman »Offene Rechnung« spielt dagegen im klirrendsten Winter. In den Achtzigern, als es das Sommerloch noch gab, las man »Betty Blue. 37,2 Grad am Morgen«. Seitdem bringt Djian fast jedes Jahr einen Pageturner heraus. Ohne seine lakonische Weltanschauung und die sympathischen Außenseiter, die seine Romane bevölkern, wäre das Leben noch schwerer erträglich als ohnehin schon. In »Offene Rechnung« schlägt sich Nathan als Journalist durch, aufgrund einer missglückten Vasektomie bekommt er keine Erektion mehr, zu allem Elend begehrt er seine Schwiegermutter und liebt seine Frau. Und es gibt Tote. Nur ein Hund, den er gar nicht wollte, steht ihm treu zur Seite. Ist zwar kein Brandenburger Sommerloch-Löwe, aber immerhin. Unterm Strich: Gewohnt tröstlich – allen Widrigkeiten zum Trotz.