16.07.2026
Homophobe Attacken

Verabredung mit der Eisenstange

Grindr-Dates können lebensgefährlich werden. Immer häufiger werden Männer über schwule Dating-Apps in eine Falle gelockt, erniedrigt, verprügelt und ausgeraubt.

Zunächst läuft alles wie immer: Ein Online-Profil macht neugierig, man kommt in Kontakt, wechselt ein paar Worte, tauscht Bilder aus und verabredet sich. Was folgt, kommt hingegen unerwartet, doch es hat System. Statt des vermeintlichen Dates tauchen gleich mehrere Männer auf. Die sind meist sehr jung, teils sogar minderjährig, und nicht selten bewaffnet, wahlweise mit Pfefferspray, Eisenstangen, Messern oder sogar Schusswaffen. Statt des erhofften romantischen Abenteuers erlebt man Demütigung, Misshandlung und Raub.

Berichte von Männern, die über schwule Dating-Apps wie Grindr oder Romeo in eine Falle gelockt wurden, häufen sich. Bundesweite Zahlen gibt es nicht, Beratungsstellen registrieren aber einen Anstieg. Das schwule Antigewaltprojekt Maneo berichtete allein in der sogenannten Regenbogenhauptstadt Berlin von elf ihm bekannten Fällen im vergangenen Jahr: Im August etwa landete ein Mann bei einem solchen Überfall im Landwehrkanal, nachdem vier Männer ihn verprügelt hatten.

 Schätzungsweise 80 bis 90 Prozent der queerfeindlichen Gewalt werden hierzulande nicht zur Anzeige gebracht, und das wissen die Täter.

In diesem Jahr könnten es noch mehr Fälle werden. Pünktlich zum Pride Month begann im Juni im Berliner Landgericht der Prozess gegen einen 20jährigen. Er soll, gemeinsam mit einem bislang Unbekannten, sieben Männer gequält haben. Ein Opfer hat er nach eigener Aussage gezwungen, ein Vogelskelett, das im Dreck lag, in den Mund zu nehmen und darauf zu kauen.

Angriffe in Privatwohnungen und auf Szene-Bars

»Ich habe mich so beschämt, erniedrigt und hilflos gefühlt«, berichtete der queere Sänger Leopold Ende Mai auf Instagram. Ihn hielten drei Personen über Stunden in seiner Wohnung fest, schlugen auf ihn ein, suchten nach Bargeld und erpressten seine Zugangsdaten zum Online-Banking. Außerdem wurde er gefilmt: »Ich musste in Unterwäsche auf dem Stuhl sitzen.« Nur wenige Tage davor war es zu ähnlichen Vorfällen in den Berliner Ortsteilen Schöneberg und Mitte gekommen.

Zu Jahresbeginn ging Quang Paasch, ehemaliger Sprecher von Fridays for Future, an die Öffentlichkeit, nachdem ihn vier Männer in Neukölln verprügelt hatten. Er habe schwere Verletzungen erlitten, sich tagelang nicht vor die Tür getraut und fremde Männer als potentielle Täter gefürchtet. Als sein Fall publik wurde, meldeten sich ihm zufolge etwa 30 Personen bei ihm, denen Ähnliches passiert sei. Schätzungsweise 80 bis 90 Prozent der queerfeindlichen Gewalt werden hierzulande nicht zur Anzeige gebracht, und das wissen die Täter. Das hat mit Scham zu tun, aber auch mit einem Misstrauen gegenüber der Polizei.

Orte, an denen sich LGBT-Personen sicher fühlen können, werden weniger. Nazis protestieren gegen CSD-Paraden, überfallen beliebte Cruising-Treffpunkte und auch Szene-Bars bleiben nicht verschont. Im Januar traf es das »Böse Buben« in Schöneberg. Ein Vermummter hatte einen Stein durch ein Fenster geworfen, hinter dem sich Gäste aufhielten, und eine Glasflasche durch eine Lüftung geschoben. Wäre die im Ventilator zerplatzt, wären Glasscherben durch den gesamten Raum geflogen. Ein Flirt auf der Straße? Zu groß ist die Angst, angegangen zu werden. Immerhin vergeht kaum ein Tag, ohne dass ein queerfeindlicher Übergriff gemeldet wird. Dem Bundeskriminalamt zufolge haben sich die registrierten Straftaten gegen LGBT-Personen von 2010 bis 2024 nahezu verzehnfacht.

Nimmt die Gewalt im öffentlichen Raum zu, verlagert sich das sexuelle Begehren in den digitalen. Der wird von den meisten bislang noch als sicher wahrgenommen. Insbesondere im Ländlichen, wo es oft keine anderen Angebote gibt, bieten Dating-Apps zudem die einzige Möglichkeit, jemanden kennenzulernen. Die stärkere soziale Kon­trolle, die mangelnde Anonymität und die fehlenden Rückzugsorte haben außerdem zur Folge, dass schwule Männer ihre Sexualität eher geheim halten. Apps erlauben es ihnen, sie weitestgehend anonym auszuleben. Etwa 60 Prozent der Plattformnutzer sind nicht geoutet, schätzen Beratungsstellen. Das mache sie leicht erpressbar. Die Gefahr bei Blind Dates zu Opfern von Gewalt zu werden, steigt dadurch.

Insbesondere im Ländlichen, wo es oft keine anderen Angebote gibt, bieten Dating-Apps die einzige Möglichkeit, jemanden kennenzulernen.

Oft rechtfertigen die Täter ihre Gewalt damit, Kinder zu »schützen«. Die Gleichsetzung von Homosexualität und Pädophilie hat Tradition in der extremen Rechten und auch die Masche, Homosexuelle über Dating-Apps zu jagen, hat sich etabliert. In den zehner Jahren sorgte eine Gruppe namens »Occupy Pedophilia« für Aufsehen, nachdem sie die Videos ihrer Gewalttaten stolz im Internet veröffentlicht hatte. Im vergangenen Jahr kam es zu Verhaftungen österreichischer Rechtsextremer, die nach dem gleichen Muster unter der Bezeichnung »Pedo Hunter« Jagd auf Homosexuelle machte. Nun ist das Vorgehen auch in Deutschland zu beobachten.

Einiges, was mit Homosexualität zu tun hat, steht seit einer Weile bereits unter Generalverdacht von Konservativen bis Rechtsextremen, die etwa behaupten, Kinderbuchlesungen von Drag-Darstellern förderten die »Frühsexualisierung« und CSD-Paraden seien zu obszön. Im April war in der rechten Presse zu lesen, die queere Berliner Buchhandlung »Prinz Eisenherz« bereite »Pädophilie den Weg«. Wie gut diese Ressentiments verfangen, sagte Anne Brügmann von »Opferperspektive«, einer Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt, dem Tagesspiegel: »Wir beobachten an einzelnen Orten in Ostbrandenburg ein für uns neues Phänomen, dass sich Jugendliche zusammentun, bei denen das auf den ersten Blick gar nicht passt, nämlich junge Neonazis und Jugendliche mit Migrationsgeschichte.«

Manche Opfer sind nach der Tat schwer verletzt und einige haben nur mit knapper Not überlebt. In jedem Fall wird sie das Erlebte noch lange verfolgen und einen immensen Einfluss auf ihr Privatleben haben. Immerhin trifft die Gewalt Menschen auf der Suche nach Zuneigung. In den sozialen Medien tauschen sich schwule Männer bereits aus, wie sie sich schützen können: ein Video-Call vor dem Treffen, zunächst an einem öffentlichen Ort verabreden und Freunde informieren. Männer, die nicht geoutet sind, können viele dieser Tipps allerdings nicht befolgen.