Zu heiß? Ab in die Kirche!
Spätestens wenn in den Straßenbahnschienen die Fugenmasse schmilzt und die Fahrzeuge blockiert – wie in Leipzig geschehen – und auf der Autobahn A2 Hitzeschäden an der Fahrbahn zur Vollsperrung führen, weiß man: Diese Temperaturen liegen über den in der zweiten Junihälfte bislang üblichen. In diesem Zeitraum brachte eine Hitzewelle die Infrastruktur in Deutschland an ihre Grenzen. Doch nicht nur bauliche Schäden waren zu verzeichnen. Allein während der Hitzewelle zwischen dem 22. und dem 28. Juni sind in Deutschland nach Angaben des statistischen Bundesamtes 5.486 mehr Personen gestorben als im Mittel der vergangenen drei Jahre.
In dieser Situation wird vielerorts festgestellt, dass Deutschland auf die bevorstehenden klimatischen Entwicklungen nicht vorbereitet sei. So sieht es auch Carsten Walther, Co-Geschäftsführer der Beratungsfirma Greenadapt. Der Physiker berät seit 2017 Kommunen bei dem Versuch, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen und entsprechende Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Im Gespräch mit der Jungle World stellt er fest, dass in Deutschland zwar Schutzkonzepte existieren, man aber »viel früher hätte anfangen müssen, Maßnahmen der Klimaanpassung umzusetzen«.
Die Vorstellung von Schulen, die auf dem eigenen Dach den Strom erzeugen, den sie brauchen, um das Gebäude abzukühlen, kollidiert mit der Realität, in der den Kommunen das Geld für bauliche Maßnahmen fehlt.
Im Jahr 2008 beschloss die damalige Bundesregierung die erste »Klimaanpassungsstrategie« für die Bundesrepublik. 16 Jahre später trat das Bundesklimaanpassungsgesetz in Kraft, das Bund, Länder und Kommunen verpflichtet, Strategien zur Anpassung an die stattfindenden klimatischen Veränderungen zu entwickeln. Insbesondere die Kommunen sind für einen funktionierenden Hitzeschutz relevant. Denn sie tragen die Verantwortung für große Teile der Infrastruktur, für Bebauungspläne und verschiedene kleinere Maßnahmen, mit denen sich die Auswirkungen des Klimawandels auf den Alltag der meisten Menschen beeinflussen lassen. Auf kommunaler Verwaltungsebene werde heute, sagt Walther, auch »nicht mehr die Frage gestellt, ob der Klimawandel wirklich passiert, sondern vielmehr die, was wir tun müssen«.
Vorbild Frankreich
Doch in weiten Teilen Deutschlands hat man kaum Erfahrungen mit effektivem Hitzeschutz, gerade in den nördlichen Bundesländern bestand bis vor kurzem auch keine Notwendigkeit dafür. In den vergangenen Wochen wurde in den Medien wiederholt auf andere europäische Länder verwiesen, die in diesen Belangen schon weiter seien. So war zum Beispiel aus der Zeit zu erfahren, dass »Frankreich sich besser gegen Hitze schützt«. Walther zufolge ist dies eine Folge dessen, dass Frankreich schon früher von katastrophalen Hitzewellen heimgesucht wurde: »In Paris sind 2003 in drei Wochen 15.000 Menschen gestorben, oft allein lebende Alte, viele hat man erst nach Tagen gefunden. Das hat die Franzosen so schockiert, dass danach ein Hitzeaktionsplan für ganz Frankreich entwickelt wurde.« Eine besondere Gefahr besteht in schlecht gedämmten Wohnungen, die ab einer bestimmten Außentemperatur keinen Schutz mehr vor der Hitze bieten. Gerade von hohen Temperaturen besonders gefährdete, alleinlebende ältere Menschen haben häufig nicht die Möglichkeit, eigenständig in ihren Wohnungen Hitzeschutzmaßnahmen zu ergreifen beziehungsweise sich entsprechend mit Getränken zu versorgen oder anderweitig Hilfe zu organisieren.
Als Reaktion darauf werden in einigen Kommunen sogenannte Hitzetelefone betrieben. Seniorinnen und Senioren können dort anrufen und sich registrieren lassen. Während Hitzephasen kontaktiert man die potentiell hilfebedürftigen Menschen und erkundigt sich nach deren Befinden, um im Notfall Rettungsdienste dorthin schicken zu können. Eine weitere Schutzmaßnahme gegen hitzebedingte Gesundheitsschäden, die immer mehr Kommunen einrichten, besteht darin, kühle Orte gesondert auszuweisen. Damit sind Orte gemeint, an denen Menschen auch bei extremem Wetter die Möglichkeit haben, sich vom Hitzestress zu erholen. Das kann ein altes Kirchengebäude sein, dessen Mauerwerk die Hitze draußen hält, eine Parkbank im Schatten oder auch ein klimatisiertes Einkaufszentrum. Diese Beispiele zeigen, dass mit der Ausweisung solcher kühlen Orte, wie Walther sagt, auch »Fragen in Richtung Umweltgerechtigkeit« verbunden sind. Eine solche Frage ist die nach dem Zugang zum öffentlichen Raum und dessen Nutzungsmöglichkeiten. In klimatisierten Einkaufszentren wird es in der Regel nicht gerne gesehen, wenn sich Menschen dort aufhalten, ohne zu konsumieren. Außerhalb gastronomischer Einrichtungen gibt es dort nur wenige Sitzgelegenheiten. Und auch in öffentlichen Parks sind, um Obdachlose zu vertreiben, häufig Bänke so gestaltet worden, dass man auf ihnen nicht länger als unbedingt nötig verweilen möchte.
In klimatisierten Einkaufszentren wird es in der Regel nicht gerne gesehen, wenn sich Menschen dort aufhalten, ohne zu konsumieren. Außerhalb gastronomischer Einrichtungen gibt es dort nur wenige Sitzgelegenheiten.
Unter dem Gesichtspunkt der Umweltgerechtigkeit ist es auch problematisch, wenn Schulen sich bei hohen Temperaturen nicht anders zu helfen wissen, als den Kindern hitzefrei zu geben. Eingedenk dessen, dass es bei vielen zu Hause wahrscheinlich nicht kühler sei, müssten gerade die Schulen ein Ort sein, an dem Schülerinnen und Schüler vor der Hitze geschützt würden, meint Walther. Dazu sei es natürlich notwendig, bauliche Veränderungen vorzunehmen. Der rapide voranschreitende Klimawandel verändere dabei auch den Umfang der notwendigen Baumaßnahmen: »Vor zehn Jahren hätte ich noch nicht zu Klimaanlagen geraten, doch heute sehen wir, dass Orte, an denen sich vulnerable Gruppen aufhalten, Schulen, Krankenhäuser, Altenheime, gekühlt werden müssen.« Hinsichtlich der Diskussion über den Energiebedarf der dafür notwendigen Klimaanlagen verweist Walther darauf, dass »aus Klimaschutzsicht die Kühlung an Hitzetagen weniger problematisch« werde, schließlich könne »gerade dann besonders viel Solarstrom erzeugt werden«. Die Vorstellung von Schulen, die auf dem eigenen Dach den Strom erzeugen, den sie brauchen, um das Gebäude abzukühlen, kollidiert jedoch mit einer Realität, in der sich Schulgebäude oft in einem allzu erbärmlichen Zustand befinden. Schon für alltägliche Erhaltungs- und Instandsetzungsarbeiten sind meist nicht die notwendigen Mittel da. Die Finanznot der Kommunen macht sich nicht nur an dieser Stelle als Hindernis für effektiven Hitzeschutz bemerkbar.
Formal haben die Kommunen, wie Walther konstatiert, »viele Möglichkeiten, um zum Beispiel in der Bauleitplanung Hitzeschutzmaßnahmen zu verankern«. Von besonderer Relevanz sind hier Gewerbegebiete. Mit wenig Grün und großen versiegelten Flächen, zum Beispiel Parkplätzen, bieten diese in der Regel wenig Möglichkeiten zur Abkühlung. Theoretisch ließe sich hier stadtplanerisch eingreifen. Dies setzt jedoch voraus, dass Kommunen sich im Ernstfall dem Interesse von Investoren an möglichst billigem Bauen entgegenstellen. Das ist aber angesichts der Konkurrenz zwischen den Gemeinden um potentielle Zahler von Gewerbesteuern eher unwahrscheinlich. Neben der chronischen Finanzknappheit sind es auch bundespolitische Entwicklungen, die kommunalen Hitzeschutz verhindern. So beschloss im vergangenen Jahr der Bundestag den sogenannten Bauturbo, die Vereinfachung von baurechtlichen Planungs- und Genehmigungsverfahren. Diese zielt darauf ab, durch die Erleichterung von Neubauvorhaben auf Brachflächen die Bauindustrie zu Investitionen zu veranlassen. Damit wird der weiteren Zerstörung unbebauter, nicht versiegelter Flächen Vorschub geleistet, was die Idee des kommunalen Hitzeschutzes konterkariert.
All das zeigt, dass Diskussionen über Mängel im deutschen Hitzeschutz, die diese einfach als gescheiterte Modernisierung skandalisieren, zu kurz greifen, indem sie Klimaanpassung zu einem technischen Problem vereinfachen. Das wird der wirtschafts- und sozialpolitischen Dimension des Problems nicht gerecht.