Die Hitze, der Feind
Das Ärgerliche am Sommer ist die Sonne. Sie strahlt, sie blendet, sie nervt. Und sie baut sozialen Druck auf: Es wird heiß heute, lasst uns rausgehen, so schallt es einem allerorten bedrohlich entgegen. Aber man will ja gar nicht raus, man will rein. Drinnen ist es angenehm. Leider wird diese Einstellung für lebensfeindlich gehalten, dabei ist die Hitze der Feind. Sie will einen niederringen.
All das gilt ab ungefähr 24 Grad. Als es neulich über 40 Grad hatte, merkten sogar die irrsten Sunshine-Freaks, dass etwas nicht stimmte. Meine liebgewonnene Sommerskepsis erschien plötzlich erschreckend staatstragend: Der Umweltminister kündigte einen »nationalen Hitzeaktionsplan« an, was nach Bundesnichtraucherschutzgesetz und Notstand klang. Auf den Nachrichtenkanälen machte sich Panik breit, und weil alle Nachrichtenkonsumenten Kleinkinder sind, hagelte es pfiffige Hitzetipps: eincremen, Wasser trinken, in den Schatten gehen. Vielen Dank.
Der Sommer verlangt gute Laune, wie ein Vorstellungsgespräch in einer Werbeagentur mit flachen Hierarchien.
»Eiscreme, Sonnenöl / Leiden wird wieder schön«, so besang Peter Hein den Sommer, und das klingt natürlich super, ist aber nicht ganz korrekt: Im Winter leidet es sich schöner, das Leiden ist akzeptierter. Der Sommer verlangt gute Laune, wie ein Vorstellungsgespräch in einer Werbeagentur mit flachen Hierarchien.
Die im engsten Bekanntenkreis vorherrschende Erwartung, »Sonne zu tanken«, macht Feingeister wie mich schon fertig, bevor wir uns genötigterweise dieser Hölle aussetzen, um nicht als Sonderlinge zu gelten. Man kommt ins Schwitzen, ehe man ins Schwitzen kommt. Allein: Solche Sorgen, ein derart aristokratisches Privileg, muss man sich leisten können. Die Sonne abzulehnen, ist eine noch größere Frechheit, als sie zu genießen. Und ohne Klimaanlage auf engem Raum ist es drinnen vielleicht gar nicht so angenehm.
Das Wetter zu thematisieren, ist hingegen eine wichtige, fälschlicherweise verpönte Strategie zur unverbindlichen Aufrechterhaltung eines ins Stocken geratenen Gesprächs. Diese Form von Small Talk verhindert Schlimmeres – solange man nicht an Leute von Extinction Rebellion gerät. Wer aber schlicht darüber sinniert, wie warm oder kalt es draußen ist, tut (noch) niemandem weh. 1968 übernahm der SDS einen Werbeslogan der Deutschen Bundesbahn: »Alle reden vom Wetter. Wir nicht.« Doch hätten die eifrigen Studenten damals einfach vom Wetter anstatt von Mao geredet, hätte es später weder K-Gruppen noch RAF gegeben, und vielleicht wäre die Welt heute eine bessere. Oder eine noch schlechtere.