30.07.2026
Die Kakerlaken-Bewegung in Indien

Aufstand der Kakerlaken

Eine Protestbewegung junger Menschen in Indien hat den Rücktritt des Bildungsministers Dharmendra Pradhan durchgesetzt. Die sogenannten Kakerlaken-Proteste fordern Reformen im Bildungssystem und eine Aufarbeitung staatlicher Repression.

Die Kakerlaken haben sich durchgesetzt. »Das ist nur der Anfang«, fasste am Samstag vergangene Woche der informelle Anführer der sogenannten Kakerlaken-Proteste, Abhijeet Dipke, die Stimmung zusammen, als er nahe dem historischen Observatorium Jantar Mantar in der Hauptstadt Neu-Delhi eine Rede hielt. Grund für Dipkes Feierlaune war der Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan am selben Tag, eine zentrale Forderung der Protestbewegung. Veröffentlicht wurde dies auf dem von 24 Millionen Followern abonnierten Instagram-Account »Cockroach Janta Party« (CJP), dessen satirischer Name eine Anspielung auf die rechte, hindunationalistische Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) ist.

Dipke rief dazu auf, die Proteste einzustellen, da die Regierung nach Gesprächen mit der Protestbewegung auf alle drei weiteren Forderungen der Bewegung eingegangen sei: Bildungsreformen, die Einstellung der Repression gegen die Protestbewegung und finanzielle Kompensation für die Familien jener, die sich selbst getötet hatten, weil sie ihre Studienplätze aufgrund von Korruption in Pradhans Ministerium verloren hatten. Allerdings stellte er klar, dass die Regierung ihren Teil der Abmachungen einhalten müsse, damit die Proteste nicht von neuem beginnen würden. Am Sonntag kündigte Premierminister Narendra Modi schließlich die Einrichtung einer Arbeitsgruppe für Bildungsreformen an.

Mehrere Aktivisten, vor allem Angehörige der Universitäten in Delhi, aber auch aus anderen Landesteilen, traten Ende Juni in den Hungerstreik.

Hintergrund der wochenlangen Proteste waren Missstände in der Bildungspolitik Indiens. Der sogenannte National Eligibility cum Entrance Test (NEET) entscheidet in Indien, wer Medizin studieren darf und wer nicht. Es handelt sich dabei um eine der wenigen – und entsprechend äußerst umkämpften – Möglichkeiten sozialen Aufstiegs. Doch wurde durch Bestechung und das Durchstechen von Prüfungsaufgaben an einige Wohlhabende immer wieder dafür gesorgt, dass die Tests keineswegs fair waren. Gerade weil so viel auf dem Spiel steht, ist der Druck auf die, die sich dem NEET unterziehen, enorm. Immer wieder kommt es zu Suiziden, wenn sich die Hoffnung auf einen Studienplatz nicht erfüllt. Weil dieses Jahr die Prüfungsaufgaben vorher an einige Bewerber und Bewerberinnen durchgesickert waren, wurden die diesjährigen Prüfungen wiederholt. Das Resultat waren über ein Dutzend Selbstmorde, weil damit sicher geglaubte Studienplätze wieder auf der Kippe standen.

Ungerechte Studienplatzvergabe

Als die Ankündigung, den Test zu wiederholen, Proteste auslöste, bezeichnete der Oberste Richter Indiens, Surya Kant, die Protestierenden als »Kakerlaken«, die keinen Job bekämen und keinen Platz in der Arbeitswelt hätten. Doch statt sich einschüchtern zu lassen, eigneten sich die Studierenden die Beleidigung an. Am 16. Mai postete einer von ihnen, Abhijeet Dipke, auf X: »Und was, wenn alle Kakerlaken zusammenkommen?« Damit war die Cockroach Janta Party (CJP) geboren – die wichtigste Aufnahmebedingung, so hieß es von der Partei, abgesehen davon, faul und chronisch online zu sein, sei die Fähigkeit, sich professionell aufzuregen. Die Bewegung gewann rasch an Schwung und forderte den Rücktritt des Bildungsministers Dharmendra Pradhan.

Mehrere Aktivisten, vor allem Angehörige der Universitäten in Delhi, aber auch aus anderen Landesteilen, traten Ende Juni in den Hungerstreik. Darunter befand sich auch Sonam Wangchuk, der vielen wegen seines Eintretens für Bildungsreformen als Inspiration des indischen Films »3 Idiots« gilt. »Das Leben ist ein Wettrennen; wenn du nicht schnell genug rennst, wirst du zermatscht wie ein Ei«, heißt es dort gleich zu Beginn. Die Komödie aus dem Jahr 2009 macht sich über die Betonung des reinen Auswendiglernens im indischen Bildungssystem lustig und gilt bereits als einflussreicher Filmklassiker. Als Wangchuk gegen seinen Willen von der Polizei in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, verkündete die Cockroach Janta Party, am 20. Juli einen Protestmarsch zum Parlament zu unternehmen.

Es folgte eine Woche von Kundgebungen und Protesten. Eine große Gruppe junger Studierender aus diversen gesellschaftlichen Gruppen harrte Tag und Nacht aus, versorgt mit Essen, das Menschen aus aller Welt für sie über Online-Lieferdienste bestellten. In den sozialen Medien, auch in der indischen Diaspora in Deutschland, verbreiteten sich die Botschaften besonders gut – nicht nur weil die düsteren Bildungsaussichten vielen vertraut sind, sondern auch weil der Humor der Plakate ein verbindendes Element der Proteste bildete. Viele spielten auf Modis Vergangenheit als Chaiwalla (Teeverkäufer) an. Ein Slogan fragte etwa: »Where is the accountabili-tea?«

Zwar setzte die Polizei Gewalt ein, doch anders als bei Protestbewegungen von Minderheiten ließ sich diese Bewegung nicht einfach mit Prügel zerschlagen. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen ist in Indien von so entscheidender Bedeutung, dass die Frage auch die Wählerschaft der Regierungspartei bewegt.

Der breite gesellschaftliche Rückhalt der Proteste machte es der Regierung schwer. Zwar setzte die Polizei Gewalt ein, doch anders als bei Protestbewegungen von Minderheiten ließ sich diese Bewegung nicht einfach mit Prügel zerschlagen. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen ist in Indien von so entscheidender Bedeutung, dass die Frage auch die Wählerschaft der Regierungspartei bewegt. Eindringliche Videobotschaften von Premierminister Narendra Modi an die Jugend blieben ebenso wirkungslos wie der Versuch, die Protestierenden wahlweise als pakistanische oder chinesische Spione zu diffamieren. Statt die Bewegung zu schwächen, gaben solche Angriffe nur der Meme-Produktion weitere Nahrung.

Dass die Regierung am 25. Juli schließlich einlenkte und Dharmendra Pradhan entließ, lag wohl nicht nur an der großen Wirkung der Proteste im Netz. Sie hatten auch im Alltag viele Fragen aufgeworfen und Gespräche initiiert. Die Protestierenden zu diffamieren, verfing nicht, weil viele die Kritik aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnten.

Auch der Film »3 Idiots« über den enormen Druck im indischen Bildungssystem hat ein Happy End und lässt erkennen, dass ein erfülltes Leben eher dort beginnt, wo Menschen tun, was sie wirklich wollen. Mit ihren Protesten haben die Studierenden der Gen Z gezeigt, dass das zumindest für einen kurzen Moment auch außerhalb des Kinos möglich sein kann.