Operation Gesichtswahrung
Die Panzer kommen! Am Donnerstag vorige Woche rollten mehrere Dutzend von ihnen neben weiteren Militärfahrzeugen auf der Landstraße Nummer 8, die Burkina Faso und sein westafrikanisches Nachbarland Mali miteinander verbindet. Am Übergang von Doulaï Diassa überschritten sie die Grenze nach Mali.
Die Panzer gehören zum russischen Afrikakorps, das in den vergangenen beiden Jahren in der Sahel-Zone die zuvor dort vor allem in Mali aktive Söldnerfirma Wagner ersetzt hat. Diese Ablösung geschah, nachdem die Wagner-Gruppe infolge eines Putschversuchs in Russland vom Juni 2023 beim Kreml in Ungnade gefallen war. Anders als die Wagner-Söldner untersteht das Korps direkt dem Verteidigungsministerium in Moskau. Wagner hatte mit den Militärregierungen Malis und anderer Länder der Sahel-Region ein Bündnis geschlossen. Die Präsenz der Söldnerfirma hatte für Russland den Vorteil, dass ihr Einsatz formal nicht als Militäraktion der Russischen Föderation galt. Das Afrikakorps lässt die russische Intervention nun expliziter als solche hervortreten.
Der Militärkonvoi, der in Togo aufgebrochen war, etabliert eine neue russische Versorgungsroute über Burkina Faso, nachdem die russischen Truppen zuletzt aufgrund zahlreicher Angriffe der malischen Rebellen in die Defensive geraten waren.
Der Militärkonvoi, der in Togo aufgebrochen war, etabliert eine neue russische Versorgungsroute über Burkina Faso, nachdem die russischen Truppen zuletzt aufgrund zahlreicher Angriffe der malischen Rebellen in die Defensive geraten waren. Bei den Gegnern, die sowohl die malische Armee als auch ihre russischen Verbündeten militärisch herausfordern, handelt es sich um ein Zweckbündnis zweier Gruppen: zum einen Jihadisten von der aus dem Netzwerk al-Qaida hervorgegangenen, in der Sahel-Zone aktiven »Gruppe zur Verteidigung des Islams und der Muslime« (JNIM); zum anderen Separatisten der »Front zur Befreiung von Azawad« (FLA), die sich aus der ethnischen Gruppe der Tuareg rekrutieren.
Bei seiner ersten koordinierten Offensive im April tötete das Bündnis unter anderem den damaligen Verteidigungsminister Malis, Sadio Camara, der bis dahin als zweitmächtigster Mann der seit 2020 regierenden, 2021 umgebildeten Militärregierung galt. Anschließend eroberten FLA-Verbände die Bezirkshauptstadt Kidal in Nordmali. Bei der zweiten Angriffswelle Anfang Juli nahmen die Rebellen unter anderem die strategisch wichtige Festung der Stadt Anéfis ein. Die malische Armee und das russische Afrikakorps eroberten sie am 10. Juli zwar wieder zurück, allerdings erst Tage nachdem sie voreilig über Whatsapp und andere soziale Medien Siegesmeldungen verbreitet hatten. Militärsprecher bestätigten die Einnahme am späten Vormittag jenes Freitags, während FLA-Sprecher mitteilten, man habe die Stadt verlassen, angeblich »aus eigener strategischer Entscheidung und um zivile Opfer zu vermeiden«.
Mit Blick auf die Offensiven im April und Anfang Juli hoben viele in Mali die relative Passivität der russischen Einheiten hervor – dem Analysten Thierry Vircoulon zufolge hatte die JNIM Russland vor diesem Hintergrund gar angeboten, Angriffe auf russische Truppen einzustellen, falls diese die Militärregierung nicht länger schützen würden. Um auf die Kritik zu antworten, zu wenig gegen die JNIM zu tun, weitete das Afrikakorps seinen Einsatz aus. Alles andere hätte höchstwahrscheinlich geopolitischen Einflussverlust in der Region zur Folge gehabt. Am 8. Juli hielt sich ferner der russische Außenminister Sergej Lawrow zu Regierungskonsultationen mit den Regierungen von Mali, Burkina Faso und Niger in der Hauptstadt der Republik Niger, Niamey, auf. Er versicherte diesen drei Militärregimen anhaltende Anstrengungen zu ihrer Verteidigung. Die französische Tageszeitung L’Humanité qualifizierte seinen Auftritt als einen »Versuch, das Gesicht gegenüber den Staaten der Sahel-Allianz zu wahren«. Gemeint war die Allianz der Staaten des Sahel (AES), die Mali, Burkina Faso und Niger 2023 gegründet hatten.
Um auf die Kritik zu antworten, zu wenig gegen die Jihadisten zu tun, weitete Russland seinen Einsatz aus. Alles andere hätte wahrscheinlich geopolitischen Einflussverlust in der Region zur Folge gehabt.
Der jüngst in Mali eingetroffene Nachschubkonvoi des Afrikakorps hatte zuvor mit logistischen Problemen zu kämpfen. Eigentlich hätte er über den Hafen von Conakry, der Hauptstadt der Republik Guinea, kommen sollen. Dieses westafrikanische Land wird seit September 2021 ebenfalls von einer Militärjunta regiert, die ähnlich wie die der AES einen antiimperialistischen Ton anschlägt. Allerdings pflegt die guineische Junta im Hintergrund, und ungeachtet ihrer Verlautbarungen, wohlwollende Kontakte sowohl zu den USA als auch zu Frankreich. Der Anführer der Militärregierung, Mamady Doumbouya, ist Veteran der französischen Fremdenlegion, mit einer französischen Gendarmin verheiratet, besitzt die französische Staatsbürgerschaft und einen Wohnsitz in Frankreich. Die Regierung in Conakry blockierte schließlich die russische Lieferung. Doch das Afrikakorps fand Ersatz und eröffnete eine neue Route über den Hafen von Lomé, der Hauptstadt von Togo.
Dessen Präsident, Präsident Faure Gnassingbé, Nachfolger seines von 1963 bis zu seinem Tod 2005 regierenden Vaters Gnassingbé Eyadéma, war zwar Jahrzehnte hindurch eher ein Vertreter postkolonialer französischer Interessen in der Region. Aus strategischen Gründen und solchen des Machterhalts hat er sich jedoch in den vergangenen zwei Jahren an die AES-Staaten angenähert, die ihrerseits Frankreich als militärischen Partner durch Russland ersetzten.
Noch eine weitere Großmacht machte in der Region zuletzt von sich reden: Der US-amerikanische Präsident Donald Trump teilte am vorigen Donnerstag mit, die USA könnten in Mali gegen die Gruppierung JNIM militärisch eingreifen. Das dementierte die dortige Militärregierung schnell, der dieser Vorschlag offenbar gar nicht recht war. Wahrscheinlich ist, dass Trump sich vorschnell äußerte, ohne sich der Folgen seiner Ankündigung bewusst zu sein. Es wäre ja nicht das erste Mal.