Pantheon ukrainischer Helden und Schurken
Ein Gespräch im Zug vor knapp zehn Jahren. Ein junger Mann berichtete aus seinem aktivistischen, mit Nationalisten in anderen Ländern vernetzten Milieu. Die jungen ukrainischen Nationalisten, wie er einer sei, sagte er, wüssten durchaus um die problematischen Seiten von historischen Bezugsfiguren wie Stepan Bandera. Einige suchten deshalb nach anderen Vorbildern: Jewhen Konowalez zum Beispiel, der die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) bis zu seiner Ermordung 1938 führte.
In der Geschichte der militanten Strömung des ukrainischen Nationalismus des 20. Jahrhunderts gab es seiner Ansicht nach weniger kompromittierte Persönlichkeiten als Bandera, einen radikalen Nationalisten mit Hang zu faschistischer Symbolik und Programmatik, der während des deutschen Einmarschs in die Sowjetunion mit den Nazis kollaborierte; OUN-Einheiten kämpften erst ab 1943 gegen die Wehrmacht. Oder als Banderas langjährigen Mitstreiter innerhalb der OUN und späteren bitteren Rivalen, Andrij Melnyk.
Im Mai ließen ukrainische Behörden Melnyks Überreste mit jenen seiner Frau in Luxemburg exhumieren und bestatteten sie mit einer Ehrenzeremonie auf dem bei Kiew gelegenen Militärfriedhof. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte Melnyk bei dieser Zeremonie einen »Helden«.
Letzterer ist Stein des Anstoßes einer heftigen geschichtspolitischen Kontroverse, die unter anderem zu mehrfachen diplomatischen Schlagabtauschen mit Polen geführt hat. Im Mai ließen ukrainische Behörden Melnyks Überreste mit jenen seiner Frau in Luxemburg exhumieren und bestatteten sie mit einer Ehrenzeremonie auf dem bei Kiew gelegenen Militärfriedhof. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte Melnyk bei dieser Zeremonie einen »Helden«.
Die Umbettung soll nur vorläufig sein. Denn der Bau eines Nationalen Pantheons im Zentrum der Hauptstadt ist in Planung, wo dann auch Melnyk seine letzte Ruhestätte finden soll, neben den Ehrenmalen für andere »herausragende« Personen der ukrainischen Geschichte seit dem 9. Jahrhundert. Geehrt werden Personen für ihre Rolle im Kampf um Unabhängigkeit, vor allem wenn sie in diesem ihr Leben gelassen haben. Zu diesen Auserwählten sollen sich ehemalige Präsidenten, Nobelpreisträger oder Künstler gesellen. Das Pantheon ist nicht nur historisch, sondern beinhaltet unter anderem auch ein Projekt zur Identifikation seit 2014 vermisster Soldaten mittels DNA-Proben. Weitere Umbettungen sind geplant, zum Beispiel die des in Rotterdam begrabenen Konowalez.
Gescheiterte Republik
Jewhen Konowalez war im Ersten Weltkrieg Offizier der österreichisch-ungarischen Armee, Andrij Melnyk Offizier der sogenannten Ukrainischen Legion, eines Freiwilligenverbands innerhalb dieser Armee. Beide lernten sich 1916 in russischer Kriegsgefangenschaft kennen. Nach ihrer Flucht beteiligten sie sich in führenden Positionen unter dem Heerführer Symon Petljura an der Verteidigung der Ukrainischen Volksrepublik (UNR), der ersten ukrainischen Staatsgründung in der Moderne.
Die UNR hatte eine minderheitenfreundliche Verfassung, war sozialdemokratisch geprägt und besaß einen jüdischen Minister für jüdische Angelegenheiten. Doch ging der neue Staat bald infolge des polnisch-ukrainischen sowie des polnisch-sowjetischen Krieges unter. Sein Territorium wurde zwischen der Sowjetunion und der Zweiten Polnischen Republik aufgeteilt. Polen erhielt Ostgalizien und Wolhynien; abgesehen von kleineren Teilen, die an Rumänien und die Tschechoslowakische Republik gingen, fiel der Rest des Landes an die Sowjetunion.
Aus der Sicht derjenigen, die den Staat erkämpft hatten, waren die Ukrainer damit die größte Nationalität in Europa, die beim Zerfall der Imperien in Mittel- und Osteuropa nach dem Weltkrieg leer, will sagen: staatenlos ausgegangen war. Die Mehrheit der organisierten ukrainischen Nationalisten in Galizien und Wolhynien waren allerdings moderat eingestellt und akzeptierten die Versprechen der polnischen Regierung – die diese allerdings nie erfüllte –, der Region Galizien Autonomie zu gewähren und beispielsweise eine ukrainische Universität zu errichten. Einige waren in den zwanziger Jahren, als die Behörden in der Ukrainischen Sowjetrepublik zunächst die Entwicklung der im Russischen Reich seit 1860 im Druck verbotenen ukrainischen Sprache und Kultur beförderten, prosowjetisch eingestellt.
Allein auf dem Gebiet des Russischen Reichs kamen (die Kriegspogrome der zaristischen Armee in Galizien nicht mitgezählt) über 100.000 Juden zu Tode, über eine Million flohen oder wurden vertrieben. Soldaten nahezu aller Parteien und warlords beteiligten sich, auch aus den Reihen der Bolschewiki.
Doch ein Teil der ukrainischen Nationalisten kannte fortan vor allem zwei Feindstaaten: Polen und die Sowjetunion, insbesondere nach dem sogenannten Holodomor, dem massenhaften Hungertod im Zuge der Zwangskollektivierung unter Stalin, dem in den frühen dreißiger Jahren allein in der Sowjetukraine mehrere Millionen zum Opfer fielen, und dem eine Terrorkampagne gegen ukrainische Politiker, Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller und andere Repräsentanten nationaler Kultur folgte (in der Ukraine heutzutage oft als »exekutierte Renaissance« bezeichnet).
1920 gründete Konowalez die Ukrainische Militärische Organisation (UWO). Sie unternahm 1921 unter anderem ein Attentat auf Polens Staatsoberhaupt Józef Piłsudski. Die polnische Regierung reagierte mit Verhaftungen, Konowalez floh ins Exil, während Melnyk die Leitung der Untergrundorganisation übernahm.
Pogrome waren im ehemaligen »jüdischen Ansiedlungsrayon« des ab 1917 zerfallenden Russischen Reiches in den Jahren von Bürgerkriegen und Revolutionen häufig, ebenso in den östlichen Grenzgebieten des Habsburgerreichs. Allein auf dem Gebiet des Russischen Reichs kamen (die Kriegspogrome der zaristischen Armee in Galizien nicht mitgezählt) über 100.000 Juden zu Tode, über eine Million flohen oder wurden vertrieben. Soldaten nahezu aller Parteien und warlords beteiligten sich, auch aus den Reihen der Bolschewiki.
1926 erschoss der Anarchist Scholom Schwartzbard, der Angehörige in Pogromen verloren hatte, den ukrainischen UNR-Kommandanten Petljura in Paris. Historische Forschung zeigt indes, dass die UNR-Führung Pogrome nicht guthieß oder initiierte, aber auch nicht wirkungsvoll verhinderte. Melnyk setzte sich zumindest pro forma für die Unterbindung von Pogromen und gegen Aufrufe zu antisemitischer Gewalt ein – ganz anders als 1941 während des Einmarschs seiner Anhänger an der Seite der rumänischen Armee in die im Jahr zuvor von der Sowjetunion annektierte Bukowina, wo diese sich aktiv am Holocaust in dieser Region beteiligten.
Die OUN war 1929 aus der UWO hervorgegangen. Konowalez führte sie bis zu seiner Ermordung im Jahr 1938 durch denselben NKWD-Agenten, der dann ein Jahr darauf Leo Trotzki in Mexiko umbrachte, danach übernahm Melnyk das Kommando. Zu dieser Zeit pflegte dieser längst, wie davor in gewissem Maße auch schon Konowalez, Kontakte zur Abwehr, dem Nachrichtendienst der Wehrmacht.
1940 spaltete sich die OUN. Weil die von Stepan Bandera angeführte Fraktion (OUN-B) kompromisslos einen ukrainischen Staat anstrebte und diesen am 30. Juni 1941 im von der Wehrmacht besetzten Lwiw ausrief, fiel sie bei den Deutschen bald in Ungnade und Bandera wurde am 12. Juli verhaftet. Die gegen Rote Armee, prosowjetische Partisanen, den polnischen Untergrund und die Wehrmacht weiterkämpfende OUN-B war strikt vertikal in Kampfstrukturen organisiert. Im Verlauf des Kriegs hängte sie ihren Antisemitismus immer weniger an die große Glocke, auch weil sie auf Unterstützung der West-Alliierten hoffte.
Zugleich waren die OUN-B und die aus ihr gegründete Ukrainische Aufständische Armee (UPA) an ethnischen Säuberungen gegen polnische Zivilisten beteiligt. Die OUN hatte bereits ab den dreißiger Jahren, und dann verschärft mit Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion, mörderischen Terror auch gegen aus ihrer Sicht propolnische, prosowjetische oder einfach politisch indifferente ethnische Ukrainer ausgeübt. 1943 töteten Einheiten der UPA dann vor allem in Wolhynien circa 40.000 bis 60.000 polnische Zivilisten, insgesamt in den Jahren 1942 bis 1947 circa 100.000. Exzesse der polnischen Untergrundarmee forderten zwischen 1942 und 1947 mindestens 15.000 zivile ukrainische Todesopfer, jedoch weniger in Wolhynien und Galizien als in weiter westlich gelegenen Regionen.
Ukrainische Hilfspolizei
Der Melnyk-Flügel, die OUN-M, war mit Banderas Flügel bitter verfeindet, auch vor Morden schreckte man nicht zurück. Trotz des herrschenden Führerprinzips war die OUN-M in den Kampfverbänden lockerer organisiert, stand bis Ende 1944, ungeachtet deutscher Repressionen gegen einige ihrer Mitglieder ab 1942, an der Seite der Wehrmacht und kooperierte von Anfang an mit deutschen Besatzungsorganen. Das galt insbesondere für die Ukrainische Hilfspolizei und lokale Verwaltungsorgane, welche die Deutschen unter anderem zum Identifizieren und Zusammenpferchen von Juden benötigten.
Nach Melnyks Inhaftierung in recht komfortabler Sonderhaft im KZ Sachsenhausen – unweit von Bandera, der dort von 1941 bis 1944 mit einigen Untergebenen einsaß – war er weiterhin die Führungsfigur der OUN-M. Überlebende des Massakers von Babyn Jar in Kiew, wo Deutsche am 29. und 30. September 1941 in 36 Stunden laut Polizeibericht 33.771 jüdische Menschen erschossen, berichteten später, einige der Aufseher an Absperrungen auf dem Weg zum Erschießungsort hätten mit galizischer Mundart gesprochen. Melnyks OUN-M hatte in der ukrainischen Hauptstadt im September eine Stadtverwaltung unter deutscher Kontrolle eingerichtet und Bürgermeister aus der OUN-M bestimmt.
Anders als die OUN-B distanzierte sich die OUN-M vor 1945 nie öffentlich von ihrem militanten Antisemitismus. Ab 1945 verdrängten ihre Mitglieder ihre Verstrickungen in den Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands.
Anders als die OUN-B distanzierte sich die OUN-M vor 1945 nie öffentlich von ihrem militanten Antisemitismus. Ab 1945 verdrängten ihre Mitglieder, ebenso wie geflohene Mitglieder der OUN-B in DP-Camps in Europa oder später im Exil, ihre Verstrickungen in den Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands. Im Kalten Krieg produzierten beide OUN-Flügel bereinigte Versionen ihrer Geschichte, was bis heute fortwirkt.
Die OUN-M verschwand nach Vorrücken der Roten Armee aus der heutigen Ukraine, während die OUN-B und die UPA, die seit 1943 Verbindungen zu den West-Alliierten suchten, den antisowjetischen Kampf fortsetzten. Die OUN-M geriet deshalb weitestgehend in Vergessenheit. Der Versuch, sie nach 1991 aus dem Exil in die Ukraine quasi wieder zu reimportieren, wie es der heutige Anführer der OUN-M in der Ukraine, Bohdan Tscherwak, unternommen hatte, zeitigte nie nennenswerten Erfolg.
Die OUN-B und die UPA kämpften hingegen bis in die frühen fünfziger Jahre im Partisanenkrieg in der heutigen Westukraine gegen die Rote Armee. Die sowjetische Propaganda im In- und Ausland bewirkte, dass später »Banderismus« als diskreditierendes Synonym für die nationalukrainische Sache an sich verwendet wurde. In der Westukraine, wo die UPA schließlich nach der Deportation von Hunderttausenden mit ihren Kämpfern in Sippenhaft genommenen Zivilisten in den fünfziger Jahren zerschlagen worden war, wurde es in den Folgejahren üblich, sich das Label des »Banderismus« trotzig und oft in subversiver Absicht wieder anzueignen. Nach Beginn des russisch-ukrainischen Kriegs im Jahr 2014 geschah das auch in liberalen Milieus, etwa bei einigen jüdischstämmigen Ukrainern, die sich in einer Mischung aus Ironie und Nationalstolz als »Judeo-Banderiten« bezeichneten. Letzteres spiegelt allerdings auch die ab den späten fünfziger Jahren entwickelte sowjetische antizionistische Propagandaformel, der zufolge ukrainische und jüdische Nationalisten gleichermaßen Verräter der Sowjetunion im Dienste des kapitalistischen Westens seien. In antisemitisch gefärbten Tiraden russischer Nationalisten lebte diese Rhetorik ab 2013 wieder auf.
OUN-Verehrung in Gesetzesform gegossen
Die Verabschiedung eines seit Jahren durch einen Planungsfachausschuss vorbereiteten Gesetzes für den Bau eines Nationalen Pantheons durch das ukrainische Parlament am 1. Juli hat den bereits zuvor schwelenden geschichtspolitischen Konflikt mit Polen weiter verschärft; das Büro des nationalkonservativen Präsidenten Polens, Karol Nawrocki, der der rechtskonservativen Partei PiS nahesteht und lange das Polnische Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) geleitet hat, nannte das Vorhaben Anfang Juli eine »Eskalation«. Höchste ukrainische Regierungsvertreter antworteten, niemand werde der Ukraine die Art der Erinnerung an ihre eigene Geschichte diktieren.
Selenskyj selbst hatte sich zu Beginn seiner Amtszeit als Präsident ambivalent zur Heroisierung der OUN und der UPA verhalten, beispielsweise betont, dass diese Organisationen in großen Teilen der ukrainischen Gesellschaft indifferent bis kritisch gesehen werden, und die staatliche Affirmation abgemildert. 2022 änderte sich das. Der russische Präsident Wladimir Putin, der 2005 die Leiche seines Lieblingsphilosophen, des russischen Faschisten Iwan Iljin, aus der Schweiz unter hohen Ehren ins Donskoj-Kloster in Moskau umbetten ließ, hatte seine Absicht, die Ukraine zu vernichten, nicht nur mit einer vermeintlichen Entnazifizierung begründet, sondern in seiner Ansprache am Vorabend des Einmarschs auch argumentiert, die Ukraine sei ein vom Lenin’schen Sowjetrussland geschaffenes Konstrukt. Die Identifikation mit dem historischen Kampf der OUN und der UPA für für eine unabhängige Ukraine gegen die Sowjetunion und Russland dient in der Ukraine auch dazu, dieser Auffassung entgegenzutreten.
Dass OUN und UPA bei staatlichen Erinnerungsritualen eine so zentrale, seit 2015 sogar gesetzlich verankerte Stellung einnehmen, ist die Folge langjähriger Arbeit aktivistischer Historiker.
Jedoch ist die Entwicklung rund um das Pantheon und Melnyks Umbettung nicht nur damit zu erklären, dass die Regierung im Krieg entsprechende Stimmungen in Armee und Gesellschaft bedienen will. Dass die OUN und die UPA in staatlichen Erinnerungsritualen eine so zentrale Stellung einnehmen, ist die Folge langjähriger Arbeit aktivistischer Historiker, denen es ab 2015 und im Kontext des russischen Kriegs gegen die Ukraine gelang, eine solche Heroisierung in der Erinnerungspolitik gesetzlich zu verankern. Diese geschichtspolitischen Gesetze schrieben die Ehrung sogenannter staatsgründender Formationen fest, was die OUN mit einschloss.
Über die Errichtung eines Nationalen Pantheons wurde bereits in den Neunzigern und erneut seit 2005 diskutiert. Doch erst nach dem Maidan-Umsturz, dem Beginn der russischen Invasion im Donbass und auf der Krim 2014 und durch die sogenannten Geschichtsgesetze ab 2015, auch »Dekommunisierungsgesetze« genannt, erhielt das Projekt eine solide Grundlage.
Die affirmativen Ansätze in Bezug auf die OUN und die UPA kamen damals aus dem Ukrainische Institut für Nationale Erinnerung (UINP) und einem für die Planung des Pantheons zuständigen Fachausschuss. Während einige Historiker lange über die populistischen Gesetze von 2015 mit Hinweisen, Papier sei geduldig, am Rande von Konferenzen, in Social-Media-Posts oder beim Kaffeetrinken den Kopf schüttelten oder publizistisch Kritik übten, hat sich eine Dynamik entwickelt, die der Historiker und Publizist Wassyl Rassewytsch kürzlich in zwei Beiträgen in dem Online-Medium Lviv Media folgendermaßen zugespitzt hat: Das polnische IPN und das ukrainische UINP überbieten sich seit Jahren im Streben, für ihre jeweilige Nation den Status des »ausschließlichen Opfers« zu reklamieren.
Mit den polnischen IPN-Gesetzesprojekten und Holocaust-Gesetzen aus 2018 – die sich gegen die Thematisierung einer polnischen Mitschuld an den Verbrechen des Holocausts richteten und gleichsam die Leugnung des »Genozids« an der polnischen Zivilbevölkerung in Wolhynien 1943 durch OUN/UPA unter Strafe stellen – sowie den ukrainischen Geschichtsgesetzen von 2015, in denen unter anderem die OUN und die UPA als »heroische« Verbände im Unabhängigkeitskampf festgeschrieben wurden, hätten beide Institute vor allem Schaden angerichtet, und zwar insbesondere im Innern ihres jeweiligen Landes, wo Geschichte politisch instrumentalisiert werde. Die ukrainischen »Geschichtsgesetze« seien, so Rassewytsch, ein »fataler Fehler« gewesen, der Gesellschaft und Staat vulnerabel gemacht habe. Dieser habe die Verantwortung für alle Handlungen der »historischen Helden« übernommen – für die der Guten wie für die der Verabscheuenswerten. Eine differenzierte Aufarbeitung in öffentlicher Debatte hätte überdies viel früher beginnen müssen.
Rassewytsch warnte schon vor zehn Jahren im westukrainischen Medienportal Zaxid in einem Beitrag mit dem Titel »Prokrustesbett der revolutionären Nationalisten« vor den Implikationen der Geschichtsgesetze und kritisierte den Fokus auf die OUN und den radikalen Nationalismus der dreißiger und vierziger Jahre in der Erinnerungspolitik des UINP (die ja eher auf Vergessen beziehungsweise einem hochselektiven Erinnern beruhte). Er erinnerte an Fälle wie die Ermordung des Leiters des Ukrainischen Gymnasiums in Lwiw im Jahr 1934 durch Banderas Leute, um darauf hinzuweisen, dass auch in dieser Region damals die Ansichten der ukrainischen Bevölkerung eine große Bandbreite gehabt hätten: von gemäßigt nationalistischen über indifferente oder sogar Polen gegenüber loyalen Positionen.
Geschichtsaktivisten
Die die OUN verklärende Erinnerungspolitik ist im ukrainischen Parteienstreit eher mit der Opposition zu Selenskyj und etwa mit dessen Amtsvorgänger Petro Poroschenko verbunden, unter dem bis zu Selenskyjs Wahlsieg 2019 der nationalkonservative Historiker Wolodymyr Wjatrowytsch die Leitung des UINP innehatte. Dieser prägte damals maßgeblich die Geschichtsgesetze und die beginnenden Planungen für das Nationale Pantheon. In dem 2015 dafür gebildeten Ausschuss sitzen Politiker, Vertreter einer Handvoll Kultur- und Hochschuleinrichtungen sowie von Veteranenverbänden. Treibende Persönlichkeiten bleiben neben Wjatrowytsch etwa der Journalist Wachtang Kipiani, der für nationalhistorisch-populäre Texte sowie Quelleneditionen (etwa des sowjetischen Dissidenten und Dichters Wassyl Stus) bekannt ist – und der bereits erwähnte Leiter der OUN-M, Tscherwak.
Tscherwak ist ein Beispiel dafür, wie geschichtspolitische Aktivisten nach 2015 zwar einen gewissen Einfluss entwickelten, in der Parteipolitik jedoch marginal blieben. Er ist seit 2015 stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Rundfunkrats und bewarb bei der Präsidentschaftswahl 2019 den gemeinsamen Kandidaten der rechtsnationalen und -extremen Parteien, der 1,6 Prozent der Stimmen einfuhr, und 2020 auch bei der Oberbürgermeisterwahl im westukrainischen Lwiw klar scheiterte. Tscherwak stammt selbst aus der Region um Lwiw, wo das Zentrum der Erinnerung an die OUN und die UPA liegt. Aus Lwiw stammt auch Wjatrowytsch, der dort von 2002 bis 2010 das »Zentrum zur Erforschung der Befreiungsbewegungen« leitete.
2016 schaffte es Tscherwak ins Komitee für die Gedenkveranstaltungen anlässlich des 75. Jahrestags des Massenmords von Babyn Jar. Er hat dort die Errichtung des 2017 eingeweihten Denkmals für die Dichterin und Publizistin aus Kreisen der OUN-M, Olena Teliha, protegiert, über die er 1997 und 2024 jeweils eine verherrlichende Monographie veröffentlicht hat. Seit 1993 führt die Olena-Teliha-Straße zu Ehren der 1942 in Kiew ermordeten Nationalistin entlang des Parks von Babyn Jar. Teliha wirkte im Oktober 1941 an einer Zeitung mit, die zur Kollaboration aufrief, stark antisemitisch war und das Verschwinden von Juden aus Kiew feierte, bevor Teliha selbst 1942 von den Deutschen verhaftet und an einem nicht sicher bekannten Ort der Stadt umgebracht wurde; Tscherwak meint, das sei in Babyn Jar geschehen, was Historiker anzweifeln.
Zeitlich passend zur Umbettung Melnyks in die Ukraine hat Tscherwak auch über diesen eine affirmative Monographie publiziert. Die Abneigung seriöser Fachhistoriker gegen derart hagiographische Publikationen – die auch Selenskyjs politische Linie zu Beginn seiner Amtszeit bestimmte – führte paradoxerweise dazu, Aktivisten wie Wjatrowytsch und Tscherwak das erinnerungspolitische Feld zu überlassen. Keiner der für das 20. Jahrhundert fach- und sachkundigen Historiker, die Wjatrowytsch und Co. privat, auf Facebook oder journalistisch kritisieren, ist im Pantheon-Ausschuss vertreten.
Die Diskussion geht weiter
Der ukrainische Holocaust-Forscher Yuri Radchenko, der 2024 eine fachlich beachtete Monographie über den Holocaust im ukrainisch-russisch-belarussischen Grenzgebiet und die Rolle ukrainischer wie russischer Nationalisten vorgelegt und der zur OUN-M geforscht hat, ordnete Melnyks Umbettung im Podcast »The War in Ukraine: Jewish News« als einen von der russischen Vollinvasion ausgelösten ideologischen Rückfall in die neunziger Jahre ein. Damals waren in einigen ehemals sozialistischen Staaten das geschichtspolitische Vakuum durch Glorifizierung faschistischer Figuren gefüllt worden, die zu Symbolen des Antikommunismus und des Unabhängigkeitskampfes avancierten.
Der für ein internationales Publikum zugängliche Vergleich hinkt allerdings. Noch nie in der Geschichte der Ukraine war die Auseinandersetzung mit der Shoah – in der Sowjetunion noch zu großen Teilen tabuisiert – in Medien, im Bildungs- und Kulturbereich, und auch in der politischen Debatte, als Teil einer staatsbürgerlichen Pflichterfüllung wie Empathieübung so präsent wie in den vergangenen Jahren – trotz der skizzierten erinnerungspolitischen Vorgaben. Auch die von ukrainischen Nationalisten begangenen Gewalttaten sind in der Ukraine kein Tabuthema, wenngleich der oft im Fernsehen und andernorts als vermeintlicher Experte zu Wort kommende Wjatrowytsch nicht müde wird, die Befehlsketten innerhalb der OUN-B und der UPA bei »Exzessen« einzelner Einheiten zu hinterfragen, Schätzungen zu Opferzahlen teilweise in Frage zu stellen und an polnische Massaker an ukrainischen Zivilisten zu erinnern, um die in Polen gesetzlich zum »Genozid« erklärten Ereignisse in Wolhynien 1943 als »Tragödie« zu umschreiben, anstatt ethnische Säuberungen durch ukrainische Nationalisten klar zu benennen.
Die Gesellschaft ist dessen ungeachtet in der Lage, Debatten über viele schwierige Themen zu führen, wenn auch eben zwiespältig. Journalisten berichten zum Beispiel in progressiven, zum Teil dreisprachig zugänglichen Medien wie dem Internet-Sender Hromadske unkritisch über Melnyks Umbettung und die weihevollen Worte Selenskyjs an dessen neuem Grab und verlieren dabei kein Wort über Melnyks Unterstützung des Dritten Reichs oder die Rolle seiner Gefolgsleute im Holocaust. (Das erinnert ein wenig daran, wie in deutschen Medien häufig Claus von Stauffenbergs gedacht wird, ohne seine langjährige NS-Karriere, seinen Antisemitismus und Slawenhass zu erwähnen …) Doch es sind dieselben Journalisten, die ansonsten Rechte von LGBT-Personen oder jüngst Gewaltskandale in der Armee mit kritischem Impetus aufgreifen.
Die ukrainische Gesellschaft ist durch den Krieg offener geworden. Der bereits zitierte Historiker Rassewytsch weist in einem Artikel in Lviv Media darauf hin, dass der ukrainische Nationalismus historisch meist eine »ethnozentrische« Tendenz gehabt habe, weil er »unter dem Druck der Imperien« Sprache und Kultur bewahren wollte. Der Krieg verleite die Ukraine jedoch geradezu zur Inklusivität und wirke dabei wie eine Art »melting pot« (Schmelztiegel), in dem »russischsprachige Bewohner Charkiws, Krim-Tataren und Juden integrale Bestandteile des ukrainischen politischen Projekts« seien. So habe der Krieg die ohnehin stattfindende Entwicklung zu einer modernen, staatsbürgerlichen Nation weiter befördert.
Das Pantheon-Projekt in seiner jetzigen Form, mit der Umbettung der Gräber von Persönlichkeiten aus dem Gruselkabinett der Geschichte, konterkariert diesen Trend allerdings.