»Wir haben viel Freiheit«
Wie kam es dazu, dass euer Arbeitskreis die Gastprofessur vergibt?
Leon: Die Professur wird aus Landesmitteln zur Qualitätssicherung von Studienbedingungen und Lehre (QSL-Mittel) finanziert. In Gießen ist manches weniger streng organisiert und es tun sich eher Lücken auf; zum Beispiel in der paritätisch besetzten QSL-Kommission, in der wir als organisierte Studierende ein gewisses Gewicht in den Entscheidungsprozess um die Geldverteilung mitbringen und im Zweifel sagen könnten: Wenn ihr unserem Antrag nicht zustimmt, lehnen wir eure ab. Wir profitieren auch davon, dass einzelne Verwaltungsangestellte der JLU uns wohlgesinnt sind und die Regeln zu unseren Gunsten auslegen.
In Gießen ist die Grabenkampfmentalität unter den Studierenden weniger stark ausgeprägt. Da ist eher die größere Gefahr, dass Studierende, die in sogenannten roten Gruppen organisiert sind, das Projekt angreifen oder sich an Veranstaltungsinhalten stören.
Gibt es Bestrebungen von konservativen Student:innen, das Profil der Gastprofessur zu ändern?
Emil: In Gießen ist die Grabenkampfmentalität unter den Studierenden weniger stark ausgeprägt. Da ist eher die größere Gefahr, dass Studierende, die in sogenannten roten Gruppen organisiert sind, das Projekt angreifen oder sich an Veranstaltungsinhalten stören. Und natürlich haben Professor:innen Interesse, inhaltlich mitzureden.
Wie läuft der Auswahlprozess ab?
Leon: Wir haben da relativ viel Freiheit. Wir müssen einen Bewerbungsbericht erstellen, in dem wir unsere Auswahl begründen. Formale Auflagen haben wir sehr wenige, beispielsweise dass die Person promoviert sein muss.
Was sind die Schwerpunkte?
Eli: Die Gastprofessur hatte anfangs einen stärkeren Gewerkschaftsbezug, aber schnell hat sich der Fokus auf ältere Kritischen Theorie ausgebildet. Es gab in den vergangenen 16 Jahren sehr viele verschiedene Schwerpunkte: etwa Faschismusanalysen, Ökonomiekritik oder Popkultur und Kulturindustrie. Zuletzt war Alexander Neupert-Doppler da, der viel zu Utopien geforscht und den Fokus auf Walter Benjamin gesetzt hat.
Gerade war sogar noch eine zusätzliche Gastprofessur ausgeschrieben?
Leon: Nach dem 7. Oktober wollten wir dem Thema Antisemitismus gerne mehr Raum geben. Wir merken, dass Studierende zu dem Thema starken Gesprächsbedarf haben. Da wir aber noch andere Themen Kritischer Theorie abdecken möchten, haben wir eine zusätzliche Gastprofessur für Antisemitismusforschung beantragt.
Wie ist denn die Situation mit universitärem Antisemitismus an der JLU?
Eli: Da haben wir den Vorteil, wenn man so will, eine wenig politisierte Uni zu haben. Von antisemitischen Protesten oder Boykottaufrufe bleiben wir eher verschont. In der Stadt gibt es schon einzelne antizionistische Gruppen und es gab einen Brandanschlag auf die Synagoge Anfang des Jahres. An der Uni sind es allerdings nur Sticker oder Tags. In den Fachschaftsräumen wurde zum Beispiel an die Wand geschrieben, Kritische Theorie sei ein CIA-Plot.