Bilder der Displaced Persons
Illustrationen, geschaffen von jüdischen Männern und Frauen nach der Shoah, sind ein bislang wenig beachteter Aspekt der Nachkriegsgeschichte. Menschen, die den Holocaust überlebt hatten, wollten ihre Erinnerungen an die Verfolgung auch künstlerisch dokumentieren. Die kulturelle Betätigung erfüllte dabei eine wichtige Funktion: Sie manifestierte den unerschütterlichen Willen der Überlebenden, an ihrer menschlichen Existenz festzuhalten, die ihnen von den Nationalsozialisten abgesprochen worden war.
Nach der Befreiung der Konzentrationslager entstanden Arbeiten, die sich mit dem erfahrenen Leid der jüngsten Vergangenheit befassten, aber auch mit der Gegenwart des Alltags in den »Displaced Persons Camps« (DP-Camps) oder mit der Zukunft, die die Überlebenden selbstbestimmt gestalten wollten – in Eretz Israel.
Rund 200.000 entwurzelte und verschleppte Juden, zumeist aus Osteuropa, hatten sich in der Nachkriegszeit in DP-Camps im besetzten Deutschland gesammelt und warteten auf die Auswanderung nach Israel oder Übersee. Nach der Befriedigung elementarer Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung, Unterkunft und medizinischer Versorgung gehörte die Förderung von Kultur und Kunst mit zu den vordringlichen Aufgaben der jüdischen Selbstverwaltung sowie der Hilfsorganisationen.
»Jeder Dichter, Maler, Musiker, Gelehrte oder Wissenschaftler, der aus den Trümmern des europäischen Judentums gerettet wurde, ist ein Schatz, der sorgfältig geschützt und gefördert werden muss, so dass er seine schöpferischen Kräfte erneut zum Wohle des jüdischen Volkes und der Menschheit entfalten kann.« Koppel S. Pinson
In den Jahren in den Ghettos und KZ hatten die Menschen von einer freien geistigen und kulturellen Arbeit nur träumen können, konstatierte ein Vertreter des »Zentralkomitees der befreiten Juden« in einem Artikel der Landsberger Lager-Cajtung und forderte: »Jetzt muss die Gelegenheit ausgenützt werden und mit größter Energie eine breite kulturelle Arbeit entwickelt werden.« Auch Koppel S. Pinson, Repräsentant des American Joint Distribution Committee, der wichtigsten Hilfsorganisation für die jüdischen Überlebenden in Deutschland, war dieser Auffassung: »Jeder Dichter, Maler, Musiker, Gelehrte oder Wissenschaftler, der aus den Trümmern des europäischen Judentums gerettet wurde, ist ein Schatz, der sorgfältig geschützt und gefördert werden muss, so dass er seine schöpferischen Kräfte erneut zum Wohle des jüdischen Volkes und der Menschheit entfalten kann.« Pinson war dann auch ein wichtiger Initiator des Offenbach Archival Depot (OAD), der Hauptsammelstelle für den geraubten Bestand jüdischer Bibliotheken und Archive sowie gestohlener Ritualgegenstände.
Lagerzeitungen als Medium der kulturellen Wiedergeburt
Eine wichtige Rolle bei der kulturellen Wiedergeburt des Judentums nach der Shoah spielten die weit über 100 Lagerzeitungen, Mitteilungsblätter und Journale. Die erste Zeitung erschien bereits am 4. Mai 1945, mit dem eindeutigen Titel »Tchijes haMejsim« (Auferstehung der Toten); jüdische Überlebende aus dem KZ Buchenwald produzierten dieses sechsseitige noch handschriftlich gefertigte Blatt in jiddischer Sprache.
Unter den Überlebenden fanden sich neben Schriftstellern und Journalisten auch einige wenige Graphiker und Maler. Nach den Jahren der Verfolgung sehnten sich die Geretteten nach Kultur. Die Arbeiten der vielen Zeichner, die im Bereich der Gebrauchsgraphik tätig waren und etwa Plakate, Illustrationen oder auch Karikaturen entwarfen, erschienen zunächst in den Lagerzeitungen. Oft gestalteten sie die ersten Titelblätter, wie etwa bei der schon ab Sommer 1945 verlegten Zeitung Undzer Sztyme, dem Organ der befreiten Juden im DP-Camp Bergen-Belsen. Auf der Titelseite der zweiten Ausgabe findet sich eine große Tuschezeichnung, auf der Juden in die Vernichtungslager getrieben werden, versehen mit der in jiddischer Sprache und hebräischen Buchstaben verfassten Bildunterschrift: »5.000.000 fergaste Jidn – Welt wo is dejn Gewisn?«
Mit der Dokumentation der Gräuel wollten die Überlebenden ihren Respekt für und das Andenken an die Millionen Toten der Shoah bekunden. »Solche bildlichen Darstellungen dienten aber auch dazu, ein Fenster zu einer lebendigen, aber immer noch verborgenen Geschichte der frühen Aktivitäten jüdischer Überlebender und ihrer zentralen künstlerischen Rolle zu öffnen, bei ihren Bemühungen, die Vergangenheit zu dokumentieren und damit der Toten zu gedenken«, wie die israelische Historikerin Rachel Perry von der Universität Haifa in einem Beitrag der Zeitschrift HGS. Holocaust und Genocide Studies schreibt. »Die überlebenden Künstler schwiegen nicht; sie sammelten und dokumentierten, jedoch in Wort und Bild – indem sie malten, zeichneten und graphische Erzählungen druckten, um ihre Holocaust-Zeugnisse und Erinnerungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.«
Neben dem zentralen Anliegen, das Leid in den Lagern und Ghettos zu dokumentieren, thematisierten die Überlebenden ihre ersehnte Zukunft in Freiheit und Sicherheit in einem eigenen noch zu schaffenden jüdischen Staat. Dies ist in zahlreichen Zeichnungen und einigen Wandgemälden dokumentiert. Ein besonders schönes und ausdrucksvolles Beispiel befand sich im DP-Camp Windsheim in Mittelfranken. Unter dem Titel »Jeder Galut firt zum Untergang« (Das Exil führt immer zum Untergang) macht sich der Wanderer aus dem Reich des Hakenkreuzes auf den Weg übers blaue Meer in den zukünftigen jüdischen Staat, in dem immer die Sonne strahlt.
Neben dem zentralen Anliegen, das Leid in den Lagern und Ghettos zu dokumentieren, thematisierten die Überlebenden ihre ersehnte Zukunft in Freiheit und Sicherheit in einem eigenen noch zu schaffenden jüdischen Staat.
Aber vor der Einwanderung stand die Impfung. Dies forderte die Medizinische Abteilung des »Zentralkomitees der befreiten Juden«. Unter dem Motto »Israel braucht gesunde Menschen« wurde dazu aufgerufen, sich vor Krankheiten zu schützen, denn für den Aufbau des jüdischen Staates wurden gesunde Bürger gebraucht. Plakate, die zur Impfung gegen Typhus und Dysenterie (Ruhr) aufforderten, waren in den DP-Lagern zuhauf zu finden. Die Texte waren in jiddischer Sprache verfasst und sowohl in lateinischen Lettern als auch in hebräischen Buchstaben gesetzt: »Impfung szict fun Tif un Dizenterie« (Impfung schützt vor Typhus und Dysenterie), »Ejner szpejt hundert Tuberkulose Kranke« (Einer speit hundert Tuberkulose-Kranke). Eine weitere Schwarzweiß-Graphik zeigt einen Mann, der aus der Dunkelheit ins Helle tritt, ein Gebäude im BauhausStil mit Palmen weist sein Ziel: »Durch Gezunthajt cu Alijah« (Gesundheit ermöglicht die Einwanderung).
Ein weiteres Arbeitsfeld für die Zeichner bot die Kommentierung des politischen Kampfes um die freie Einreise nach Eretz Israel und die Gründung eines souveränen jüdischen Staates, einer nationalen Heimstätte auf historischem Gebiet, wie es 1917 in der Balfour-Deklaration von den Briten versprochen worden war. Doch die Mandatsmacht hatte andere geopolitische und auch wirtschaftliche Interessen. Die Karikatur »Di naje englisze Wog – wos iz szwerer« (Die neue englische Waage – was ist schwerer) nahm Bezug darauf, indem sie einen Kapitalisten zeigt, der ein Ölfass und die Landkarte von Eretz Israel auf die Waage legt.
Gleichfalls wurde die Weigerung der arabischen Nachbarn, einen jüdischen Staat zu akzeptieren, aufs Korn genommen, wie eine Karikatur deutlich macht: ein Scheich als Symbol für die Arabische Liga, der in seinen Händen bereits die Länder Saudi-Arabien, Libanon und Syrien hält und gierig nach Eretz Israel greift – denn »der Apetit iz grojs …« (der Appetit ist groß).
Mit Karikaturen, Zeichnungen, Gemälden und Plakaten wollten die Künstler in den politischen Meinungsbildungsprozess eingreifen und kulturelle und politische Themen aufs Korn nehmen. Sie sind beredtes Zeugnis dafür, dass sich die Überlebenden nicht zum Schweigen bringen ließen.