Federnah dran
In der Europäischen Union leben mehr als 350 Millionen Legehennen. Sie legen jährlich fast 6,7 Millionen Tonnen Eier, wie die Europäische Kommission auf einer Website zur Landwirtschaft und ländlichen Entwicklung ausführt. Legt man das für Koch- und Backrezepte übliche Gewicht von 60 Gramm für ein Ei zugrunde, produzieren Legehennen in der EU also mehr als 111 Milliarden Eier im Jahr. Trotz dieser beeindruckenden Zahlen stehen die Tiere aber nicht unbedingt im Licht der Öffentlichkeit.
Löblich ist es daher, dass der ungarische Regisseur György Pálfi in seinem neuen Spielfilm eine Legehenne zur Hauptfigur gemacht hat. Bevor die Zuschauerinnen und Zuschauer sie sehen, werden sie zum Beginn von »Lebensansichten eines Huhns« jedoch Zeugen einer etwas anderen filmischen Geburtsszene: In Nahaufnahme presst eine Henne zunächst ein Ei aus ihrem Körper. Wie in der industriellen Geflügelzucht üblich, wird dieses Ei mit zahlreichen weiteren in einem Automaten ausgebrütet, ehe aus ihm die Heldin des Films schlüpft. Anders als alle ihre weiß gefiederten Artgenossinnen, die mit ihr maschinell sortiert und transportfertig gemacht werden, hat sie schwarze Federn.
Regisseur Pálfi bringt in »Lebensansichten eines Huhns« erzählerisch Dinge zusammen, die in dieser Kombination noch nie in einem Film zu sehen waren.
Die Farbsymbolik macht es also schon zu Beginn deutlich: Man hat es mit einem Tier zu tun, das anders ist als andere. Und so landet die schwarze Henne weder in einer Legebatterie noch in einem Schlachthof. Ihr gelingt an einer Tankstelle in Griechenland, wo der Film gedreht wurde und spielt, die Flucht in die Freiheit. Diese birgt jedoch Gefahren: Ein Fuchs ist hinter der Henne her, ein Greifvogel kreist bedrohlich über ihr, ein Hund schnappt sie sich und bringt sie seinem Besitzer. Die Welt der Tiere erscheint zunächst als eine des Fressens und Gefressenwerdens.
Ein Huhn in der rauhen Menschenwelt
Auch in der Welt der Menschen geht es rau zu: Die Henne entkommt einem LKW-Fahrer, der sie als Suppenhuhn verspeisen will. Sie landet zwischen aufgebrachten Demonstranten und mit Schlagstöcken bewaffneten Polizisten. Schließlich nimmt ein älterer Mann (Ioannis Kokiasmenos) sie bei sich auf und gewährt ihr Unterschlupf in seinem Hühnerstall. Dort herrscht zwar eine Hackordnung, aber es gibt auch einen adretten Hahn. So kommt die Henne ihrem Ziel näher, das sie während des gesamten Films trotz schwerer Rückschläge hartnäckig verfolgt: Eier legen, ausbrüten und Küken großziehen.
Nebenbei wird die Henne Zeugin allerlei menschlicher Machenschaften: Der Besitzer des Hühnerstalls lebt mit seiner Tochter und seiner Enkelin in einem heruntergekommenen, geschlossenen Fischrestaurant mit Blick aufs Meer. Um das Geld für die Renovierung und Wiedereröffnung aufzubringen, macht der alte Mann Geschäfte mit dem Liebhaber der Tochter, einem Zollbeamten, der nebenbei verschiedene Gerätschaften schmuggelt. Es bleibt allerdings nicht beim Schmuggel von Waren. Der Mann vom Zoll und seine Komplizen beginnen, Flüchtlinge zu schleusen, die auf Booten an der Küste ankommen. Das führt zu einem schrecklichen Unglück und einem Konflikt mit dem alten Herrn, der tragisch endet.
Die Geschichte einer sich nach Nachwuchs sehnenden Henne, ein Gangster-Thriller und ein in drastischen Bildern inszenierter Verweis auf das EU-Grenzregime und dessen Folgen – Pálfi bringt in »Lebensansichten eines Huhns« erzählerisch Dinge zusammen, die in dieser Kombination noch nie in einem Film zu sehen waren. Der besondere Blick auf seltsame, abgründige und bisweilen groteske Geschichten ist typisch für den 1974 geborenen Regisseur. In »Hukkle – Das Dorf«, Pálfis Abschlussarbeit an der Filmakademie Budapest aus dem Jahr 2002, geht es um einen Schluckauf, landwirtschaftliche Verrichtungen und verschwindende Männer. Man muss des Ungarischen nicht mächtig sein, um den Film zu verstehen, denn er kommt völlig ohne Dialog aus. In »Taxidermia – Friss oder stirb« von 2006 erzählt Pálfi die Geschichte einer ungarischen Familie über drei Männergenerationen hinweg: ausgehend von einem Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg die Frau seines Vorgesetzten schwängert und dies mit dem Leben bezahlt, über einen übergewichtigen Mann, der in Esswettbewerben antritt, bis hin zu einem schmächtigen Tierpräparator, der am Ende seinen Vater und sich selbst ausstopft. Beide Filme wurden mehrfach ausgezeichnet und als ungarische Beiträge für eine Nominierung in der Kategorie »Bester fremdsprachiger Film« bei der Oscar-Verleihung eingesandt. Für die Academy of Motion Picture Arts and Sciences dürften sie aber doch etwas zu obskur gewesen sein.
Kameramann George Karvelas bleibt stets haut- beziehungsweise federnah dran an der Hauptfigur, egal ob sie nun rennt, springt, flattert, klettert, fällt, kriecht, sitzt, pickt, sich paart oder Menschen beobachtet
Auch »Lebensansichten eines Huhns« wurde bereits prämiert: Der Film erhielt bisher eine lobende Erwähnung im »Platform Award« des Toronto International Film Festival und den »Creative Energy Award« des Filmfests Emden-Norderney. Das ist nicht verwunderlich. Denn erneut hat Pálfi für eine abseitige Geschichte die passenden Bilder gefunden. Sie sind zwar bei weitem nicht so grotesk wie in »Taxidermia«, überzeugen aber gleichwohl. Denn der Kameramann George Karvelas bleibt stets haut- beziehungsweise federnah dran an der Hauptfigur, egal ob sie nun rennt, springt, flattert, klettert, fällt, kriecht, sitzt, pickt, sich paart oder Menschen beobachtet. Dank dieser nahen Inszenierung wirkt die Henne nicht wie ein filmischer Gimmick, sondern spielt tatsächlich die Hauptrolle. Ihre tierischen Darstellerinnen werden verdientermaßen im Abspann namentlich genannt: Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enikő, Nóra, Anett.
Dabei gerät »Lebensansichten eines Huhns« nie zum rührseligen Tierfilmkitsch oder bemühten Geflügelklamauk. Vielmehr werden die Henne und mit ihr die Zuschauer Zeugen des Verhaltens von Mensch und Kreatur: Tiere fressen andere Tiere, Hühner haben eine Hackordnung, aber dennoch wird das Leben weitergehen, solange Hennen in Ruhe Eier legen können. Menschen verspeisen Tiere und Eier, zeigen sich in der Figur des alten Mannes, der die Henne aufnimmt und pflegt, jedoch gelegentlich Tieren wohlgesinnt. Schrecklich geht es allerdings unter den Menschen zu, denn sie haben die unbarmherzigste Hackordnung: Die Flüchtlinge sind den Schleusern ausgeliefert, diese gehen über Leichen. Und selbst der alte Mann, die einzige menschliche Figur mit sympathischen Seiten, ist ein Opportunist, der die Lage zu seinem Vorteil nutzen will. Trotz seines Humors ist »Lebensansichten eines Huhns« somit Pálfis bislang pessimistischster Film. Denn die Brutalität der zweiten Natur übertrifft darin die der ersten bei weitem.
Lebensansichten eines Huhns (Deutschland/Griechenland/Ungarn 2026). Buch: György Pálfi, Zsófia Ruttkay. Regie: György Pálfi. Darsteller: Ioannis Kokiasmenos, Maria Diakopanayotou, Argyris Pandazaras, Antonis Kafetzopoulos