Whacke Zeiten
Wollte man seinen Gemütszustand angesichts der innenpolitischen Lage in Deutschland in einem Wort beschreiben, böte sich »mütend« an – wütend, aber hauptsächlich müde. Müde von der Kreisbewegung aus Eskalation, Empörung, Gerede, »was wir wissen und was wir nicht wissen«, Talkshow, Podcast, Kommentarspalte und dem abschließenden Verebben von allem in Beschwichtigung und Weiter-so (nur ein bisschen schlimmer, nur ein bisschen dümmer). Eine Line des Rappers Grim104 hängt als Zeitdiagnose über allem: »Ist schon ziemlich whack, aber geht bestimmt noch whacker.«
Prägend für diese zwanziger Jahre ist der Aufstieg der Rechten, der sich nicht zuletzt einem medialen Umfeld verdankt, das von rasenden Empörungszyklen und dem Kampf um Aufmerksamkeit lebt. Erfolgversprechende Gegenstrategien sind bereits bekannt, ohne dass sie von einflussreicher Seite angewendet würden.
Man müsste nicht einmal zum Hammer greifen und Banden gründen, um Höckes Horden in die Schranken zu weisen. Es würde reichen, beharrlich das zu tun, was die Aufgabe eines liberalen Staats wäre: Neonazis per Gesetz kleinhalten und ihnen die Betätigung verwehren
Zu oft machen sich auch kluge Leute eine über allem schwebenden Unparteilichkeit zu eigen. Dialog, Freiheit der Andersdenkenden, miteinander ins Gespräch kommen, mit Argumenten überzeugen, man kennt das. Diese alte Leier verstummt nicht, egal wie oft die AfD und das von ihr aufgehetzte Wutbürgertum zeigen, dass sie an einem Austausch oder gar am Überdenken ihrer Positionen keinerlei Interesse haben, ja, dass sie solche Dialogbühnen nur nutzen, um Häme über die Dummheit ihrer Feinde zu verbreiten. Nach wie vor zu hören ist auch die abgehangene Meinung, ein AfD-Verbot würde nichts bringen, weil dadurch ja die Wähler nicht verschwänden. Soll man darauf zum wiederholten Mal entgegnen, dass es darum natürlich nicht geht, sondern lediglich darum, kein warmes Auffangbecken (Jobs, Förderung, Finanzierung aus Steuermitteln) für Rechtsextreme bereitzustellen?
Wir sehen es bei nichtigen Anlässen: Ein harmloses Lied von Danger Dan wollte der Opa-Sender ZDF erwartbarerweise nicht bringen. Gewalt sei keine Lösung, Staatsfeinde bitte nicht grüßen, das verbiete man »der anderen Seite« ja auch. Das ist die ewige Sozialkundelehrermeinung, die auch den brummenden Talkshow-Bass bestimmt: Alles gleich schlimm, Kirche im Dorf lassen, Ausgewogenheit. Es klingt immer so souverän. Wer so spricht, wird auch beim nächsten Aufreger wieder zum Quasseln gebeten, und die Zuschauenden können etwas besser schlafen. Man darf vermuten, dieses Personal würde auch vor dem Erschießungskommando noch bitten, nach der Faschistenkugel eine von kommunistischer Seite zu empfangen, der Ausgewogenheit halber. Natürlich würde im Diskursdeutschland über diesen fiesen Witz wieder nur empört gezetert: »Alarmismus!« Dass die extreme Rechte wirklich gefährlich wird, möchte man partout nicht glauben, auch wenn sie es noch so oft verkündet.
Dabei müsste man nicht einmal zum Hammer greifen und Banden gründen, um Höckes Horden in die Schranken zu weisen. Es würde reichen, beharrlich das zu tun, was die Aufgabe eines liberalen Staats wäre: Neonazis per Gesetz kleinhalten und ihnen die Betätigung verwehren. Schön wäre es, gäbe es zu diesem Zweck konservative und sozialdemokratische Parteien, die noch wüssten, worin ihr Programm besteht. Die sogenannte Zivilgesellschaft müsste die Arbeiterrechte und bürgerlichen Freiheiten einfach nur nicht preisgeben, um den Rechtsextremen das Leben schwerer zu machen.
Welche Erleichterung wäre es, wenn Politiker sich nicht beständig mit Influencern verwechseln würden, die unter dem Zwang stehen, »stattzufinden«, sondern stattdessen Probleme so angingen, dass die Lösung noch in fünfundzwanzig Jahren Bestand hat.
Echte Debattenentschleunigung hätte hingegen in der parlamentarischen Arbeit ihren Platz. Wohltuend für alle wäre eine sanfte Bartlebyisierung. Wie Herman Melvilles Schreiber dürfte das gesamte Parlamentarierkarussell gerne öfter sagen: »Ich möchte lieber nicht.« Nicht auf dieses Reizwort reagieren, nicht über jenes Stöckchen springen, sich nicht diese Debatte aufzwingen lassen. Nicht kürzen, nicht abschaffen, nicht reformieren, nicht innovieren, weder schöpferisch noch mit der Kettensäge destruieren. Welche Erleichterung wäre es, wenn Politiker sich nicht beständig mit Influencern verwechseln würden, die unter dem Zwang stehen, »stattzufinden«, sondern stattdessen Probleme so angingen, dass die Lösung noch in fünfundzwanzig Jahren Bestand hat. Oder auch nur die Klappe hielten, bis sie etwas wirklich verstanden haben – oder gar vorsichtig und zweifelnd erfragten, was sie nicht verstehen.
Wer außer Bescheidwissen wirklich nichts Vorzeigbares gelernt hat, könnte das statt in den Brot-und-Spiele-Arenen der Sender, mit denen man besser sieht, warum sich alles ewig im Kreis dreht, lieber in Kleinstädten im Osten tun, nicht im »Dialog« mit Verschwörungsirren, Ernst-Jünger-Groupies und DDR-Nostalgikern, sondern bei denen, die dort täglich das Schlimmste verhindern: Kirchen, Kulturstätten, Stadtbüchereien, Jugendzentren, freien Radios, CSDs oder dem Zeltplatz mit »Kein Platz für Nazis«-Stickern. Alles ganz bürgerlich. Man müsste nur sagen, was richtig und was falsch ist, und dabei bleiben. Vorher müsste man allerdings zu der Überzeugung gelangen, dass es Richtig und Falsch gibt, und nicht nur einen bedenklichen Gesichtsausdruck, wenn die Kamera draufhält. Das ist aber schlecht für die Verwertbarkeit auf Social Media oder bei »Markus Lanz«, wo es stets ein neues grelles Soundbite sein muss, das lauter tönt als das hinter dem nächsten Swipe.
Dass in Deutschland bald Rechtsextreme regieren könnten, weil es zu wenig Klicks bringt, die langweilige Gegenseite zu vertreten, ist ärgerlich. Und noch viel mehr, dass man als Linker inzwischen der liberalen Bürgerlichkeit das Wort reden muss. Zugegeben, das ist schon ganz schön öde, sprich: whack, aber die Zeiten sind noch whacker.