Wiggö und der Wolf
Der Schauplatz von Catrin Ormestads Roman »Wolfssommer auf Wiggö« ist eine kleine schwedische Insel, wie es so viele gibt. Sie mag ein bisschen nach Idylle aussehen, aber es häufen sich die Probleme. Die letzten Bauernhöfe ringen ums Überleben, Arbeitsplätze bietet vor allem das Atomkraftwerk auf dem Festland, das alle nur diskret »Kernkraftwerk« nennen. Die Leute erzählen sich gegenseitig, dass schon nichts passieren wird, in Tschernobyl seien ja auch gar nicht so viele umgekommen, die Häufung von seltenen Krebsarten müsse ein Zufall sein.
Dazu kommen innerhalb der alteingesessenen Familien oft schon seit Generationen schwelende Konflikte, die von Zugezogenen noch verschärft werden, selbst wenn die versuchen, Anschluss zu finden, was aber nie gelingt. Auch die zugezogene Journalistin Magdalena stößt auf Ablehnung, vor allem als sie beginnt, sich aktiv für Natur- und Wolfsschutz einzusetzen.
Gleich zu Beginn des Romans löst sich ein Schuss und trifft den ersten Wolf, der seit 30 Jahren auf der Insel gesichtet worden ist. Der Schütze, Tillmann Ruff, ein von seinem tyrannischen Vater misshandelter Bauernsohn, wird auf der Insel als Held gefeiert, niemand will einen Wolf in der Nähe haben. Leider aber stehen Wölfe unter Naturschutz, und so droht dem Helden eine Gefängnisstrafe. Vorerst ist er auf freiem Fuß und nutzt seinen neuen Ruhm gewaltig aus – für neue zweifelhafte Heldentaten und um sich höchst unpassend zu verlieben. Zugleich wird auf der Insel geredet – wie war das damals, als zuletzt ein Wolf gesehen wurde? Was wurde aus dem Wolf, wieso ist die Schmetterlingsforscherin, die ihn als Einzige verteidigt hat, damals so schnell von der Insel verschwunden? Man ahnt beim Lesen die ganze Zeit, was es mit ihrem Verschwinden auf sich hatte, aber wie dann am Ende alles ans Licht kommt – das ist ungeheuer spannend und ein Genuss nicht nur für Schweden-Fans.
Catrin Ormestad: Wolfssommer auf Wiggö. Aus dem Schwedischen von Karoline Hippe. Ullstein, Berlin 2026, 515 Seiten, 25 Euro