Wir haben die Eier
In Sachsen-Anhalt trafen sich am letzten Juli-Wochenende einige Hundert Rechtslibertäre zum zweiten »Afuerafest«. Glaubt man den Organisatoren dieses Vernetzungstreffens der »libertären und freiheitlichen Szene«, wären sie gern in Regensburg geblieben, wo sie die Veranstaltung im vergangenen Jahr ausgerichtet hatten. Da man dort jedoch Proteste fürchtete, wurde der Zeltplatz Camping-Strandbad in Gerlebogk ausgewählt.
Bereits im vergangenen Jahr trafen auf dem Afuerafest Kryptowährungsenthusiasten mit sozialchauvinistischen Unternehmern und Mitgliedern der marktradikalen Hayek-Gesellschaft, der eigentumsfanatischen Atlas-Initiative und des proprietaristischen Mises-Instituts zusammen.
Anarchokapitalisten wollen politische Rechte einschränken und Soziales, Bildung, Gesundheit, Energie und Verkehr vollständig privatisieren.
Auch dieses Jahr waren wieder Autoren der rechtslibertären Zeitschrift Eigentümlich frei und diverse anarchokapitalistische Podcaster dabei. Außerdem begegneten sich dort alte Bekannte wie der frühere Welt-Redakteur Rainer Zitelmann, der heute als Werbeunternehmer und Autor tätig ist, der verschwörungsraunende Goldhändler Markus Krall, der Maskulinist Maximilian Pütz oder der Wirtschaftsprofessor Philipp Bagus, der die radikale Marktideologie des argentinischen Präsidenten Javier Milei mitentwickelt hat und verbreitet; Milei gilt in diesen Kreisen als politisches Vorbild, die Parole »¡afuera!«, in etwa: weg damit!, hatte der argentinische Präsident für Behörden geprägt, die seiner Meinung nach abgeschafft gehörten.
Eingeladen war dieses Jahr auch Johannes Kaiser aus Chile, der dort bis zur jüngsten Wahl der Abgeordnetenkammer angehörte und 2024 die rechtslibertäre Nationalliberale Partei gegründet hat. Er bezeichnet sich selbst als »reaktionär«, will Frauen das Wahlrecht aberkennen und das Pinochet-Regime rehabilitieren. Auch die Einladung des Publizisten Roland Tichy, seines Zeichens Herausgeber des rechten Magazins Tichys Einblick, verdeutlicht, dass im rechtslibertären Lager der kontinuierlich verrohende Rechtspopulismus und der aggressive Marktradikalismus zusammenfinden.
Goldenes Zeitalter für Libertäre
Während die Armut hierzulande wächst, feiern sich die Libertären: Sie sehen bereits das von Donald Trump wiederholt – zuletzt im Februar dieses Jahres – ausgerufene »Goldene Zeitalter« heraufdämmern. Erst im Dezember 2025 gründete die Hayek-Gesellschaft das sogenannte Javier-Milei-Institut für Deregulierung in Europa, das am 14. März bei Leipzig die erste »Milei-Konferenz« veranstaltete. Die Herausgeber der Zeitschrift Eigentümlich frei wiederum luden Mitte Januar zur 9. Ausgabe einer Konferenz, die denselben Namen wie die Zeitschrift trägt, ins Hotel »Baltic« auf der Insel Usedom ein.
Die rechtslibertäre Strömung mit ihren Vordenkern Murray Rothbard, Hans-Hermann Hoppe oder Antony P. Mueller ist eine autoritäre Extremform des Wirtschaftsliberalismus. Das lässt sich an der 2022 in München gegründeten Partei »Die Libertären« verdeutlichen. In einem auf Youtube verfügbaren Video sagt deren Pressesprecher Ferdinand Steinhöfel: »Der Staat ist eine kriminelle Institution. Und die Sozialisten sind erfolgreiche Verbrecher, die sich des Staates bedienen, um die Menschen durch Besteuerung auszurauben und mit dem geraubten Geld durch sogenannte Sozialleistungen Wähler zu bestechen.«Weiter heißt es dort: »Es gibt Wege, dass wir das Gesülze der Politiker beenden, die Phrasen all der Schwachköpfe und Verbrecher in der Politik, die Lügen unserer Herrscher nicht mehr ertragen müssen. Gebt die Hoffnung nicht auf, schaut nach Argentinien.« Oder auch: »Die Mehrheit, das sind die Anhänger der AfD, die an eine Politikwende innerhalb dieses Systems glauben. Und es sind die immer zahlreicher werdenden Libertären, die dieses korrupte Parteienstaatssystem durch freiheitliche Systeme ersetzen wollen. Beide oppositionelle Bewegungen werden durch eine kleine Elite von Berlin aus mit allen Mitteln bekämpft.«
Die »Anarchokapitalisten« unter den Rechtslibertären fordern die Abschaffung des Staats, angestrebt wird die Transformation politischer Herrschaft in eine Unternehmer-Autokratie, die wie ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen organisiert ist.
Hinter derartigen Formulierungen steckt mehr als nur das Ressentiment des Wutbürgers. Die Rechtslibertären verstehen sich als »antipolitisch«: Demokratie lehnen sie ab, Populismus wenden sie strategisch an. Die »Anarchokapitalisten« unter den Rechtslibertären fordern die Abschaffung des Staats, angestrebt wird die Transformation politischer Herrschaft in eine Unternehmer-Autokratie, die wie ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen organisiert ist. In einer solchen Government Corporation würden politische Rechte und Freiheiten eingeschränkt, während Soziales, Bildung, Gesundheit, Energie und Verkehr vollständig privatisiert würden. Die Folge wäre eine Art Neofeudalismus.
Ehemalige FDP-Mitglieder gegen Brandmauer
Die Formierung der Rechtslibertären als eigenständige politische Kraft zeigt sich auch in der Gründung von »Team Freiheit«, einer Anfang 2025 von der ehemaligen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry und der ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten Joanna Cotar gegründeten Partei, die ebenfalls beim Afuerafest präsent war. Vorsitzender ist der vormalige FDP-Politiker Thomas Kemmerich, der 2020 kurzzeitig thüringischer Ministerpräsident war.
Die rechtslibertäre Strömung hat sich von den Wirtschaftsliberalen losgesagt; auch in der FDP ist diese Trennung abgeschlossen. In Mecklenburg-Vorpommern vollzog sich der Bruch mit dem Übertritt der FDP-Landtagsabgeordneten Sandy van Baal zu Team Freiheit. Als Spitzenkandidat bei der dortigen Landtagswahl im September tritt der Schweriner Immobilienunternehmer Paul Bressel an, der sich ebenfalls von der FDP verabschiedet hat und gern einen auf dicke Hose macht. In einem Wahlwerbespot sagt er: »Wir Deutschen, wir haben die Eier. Und manchmal muss es nur einen geben, der den ersten Schritt macht. Und das mache ich. Ich werde die Brandmauer hier in Mecklenburg-Vorpommern einreißen.«
Wie Union und FDP fordern auch die Rechtslibertären »Bürokratieabbau«. Gemeint ist damit vor allem Deregulierung und die Rücknahme von Auflagen für Unternehmen. Gern wird von »Sozialschmarotzern« geredet, um die Demontage des Sozialstaats voranzutreiben. Es handelt sich also um eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, wie sie sich auch in der AfD artikuliert und die gerade deswegen das Bindeglied zwischen neoliberalen und völkischen Strömungen bildet. So forderte die AfD-Fraktion im bayerischen Landtag bereits im Oktober 2025 sogenannte Modellregionen, die als Sonderwirtschaftszonen und »Reallabore« dienen sollen, in denen Arbeitnehmerrechte eingeschränkt, Umweltauflagen unterlaufen und bestimmten Unternehmen Steuervergünstigungen gewährt werden können. Das erinnert an die rechtslibertäre Utopie von Privatstädten, in denen die sonst geltenden staatlichen Regeln außer Kraft gesetzt sind.