13.08.2026
Mythos und Debatte

Trauma eines Kriegsheimkehrers

Ein Protagonist mit Posttraumatischer Belastungsstörung, der mit Lotos beruhigt wird: Christopher Nolans Interpretation des Odysseus-Mythos bricht die mythische Heldengeschichte auf menschliches Maß herunter. Elon Musk und die Manosphere toben.

Schon vor dem Kinostart sorgte Christopher Nolans Homer-Adaption »Die Odyssee« für Aufsehen. Als im Sommer 2025 der erste Trailer erschien, empörten sich die im Internet versammelten Bewahrer kultureller Essenz über die historisch nicht korrekten Helme und Schiffe, die dort zu sehen waren. Nach der Bekanntgabe des Casts platzte den Internet-Bros, die ihren inneren Altphilologen entdeckt hatten, der Kragen. Nicht nur, dass der transgeschlechtliche Schauspieler Elliot Page eine Rolle erhielt (die Wut-Bubble kolportierte fälschlicherweise, er spiele den Helden Achill; tatsächlich spielt er den wesentlich weniger prominenten Sinon), für die Rolle der Helena von Sparta hatte Nolan die kenianisch-mexikanische Schauspielerin Lupita Nyong’o ausgewählt. Eine Schwarze! Als schönste Frau der Welt! Ein halbes Jahr vor Kinostart war »Die Odyssee« im rechten Mainstream schon durchgefallen. »Ein antiweißer Rassist« (Elon Musk) sei Nolan, der Film eine Anbiederung an den woken Mainstream, als wüssten nicht alle, wie eine schöne Frau aussieht – und so weiter.

Während die globale Rechte, Tradwives, die Manosphere und Pete Hegseth ihre archaischen Männerbilder pflegen, von starken Männern phantasieren, die Holz hacken und Waffen tragen, um unschuldige (weiße) Frauen und Kinder vor Wokeness, Ausländern und Gender zu beschützen, verweigert es Nolan, diesen großen abendländischen Heldenepos gemäß den Vorstellungen konservativer und rechter Kulturkämpfer zu verfilmen – und zwar nicht nur durch die Wahl seiner Darsteller:innen, sondern vor allem durch die Art und Weise, wie er den Protagonisten und seine Welt zeigt.

Nolan hat den des Odysseus aktualisiert, indem er die Orientierungslosigkeit und den Verlust von Werten und Gewissheiten in einer Welt im Umbruch betont

Nolans Odysseus (Matt Damon) ist alles andere als ein triumphierender Held. Zu Beginn des Films befindet er sich in der Obhut Calypsos, die seine Posttraumatische Belastungsstörung seit Jahren mit der Lotosblume ruhigstellt. Er selbst weiß nicht einmal, wer er ist. Grau und verwirrt hockt er am Strand und starrt in ihm unerklärlicher Sehnsucht auf das Meer.

Durch gelegentliches Weglassen der vergessen machenden Droge unterstützt ihn Calypso bei dem schmerzhaften Prozess, seine Erinnerungen allmählich wiederzuerlangen. Die bekannten Stationen von Odysseus’ Irrfahrten werden so in Rückblenden gezeigt: Kikonen, Laistrygonen, ein menschenfressender Zyklop, Circe, Hades, die Sirenen, Skylla und Charybdis, die Rinder des Helios, dazwischen immer wieder rudernde Männer in Höllenstürmen und Flauten, schließlich der verhängnisvolle letzte Sturm, der Odysseus als einzigen Überlebenden seiner ganzen Kriegsmannschaft zurücklässt.

Die schrecklichste Erinnerung enthüllt sich ihm und dem Publikum nur allmählich: das Blutbad, das die Griechen beim Einfall in Troja angerichtet haben, ermöglicht durch die List mit dem hölzernen Pferd, an der Odysseus maßgeblich beteiligt war. Kein Wunder, dass er seine eigenen Erinnerungen nicht erträgt und im Lotosrausch das Vergessen sucht.

Der Rest der Erzählung nimmt sich recht konventionell aus: Auf Ithaka warten Ehefrau Penelope (Anne Hathaway) und Sohn Telemachos (Tom Holland) auf die Rückkehr des Ehemanns und Vaters, belagert von Freiern, die Penelope heiraten und Odysseus‘ Platz als König der Insel einnehmen wollen. Am Ende wird dann doch alles gut und Odysseus segelt mit Penelope in den Sonnenuntergang – Letzteres ist eine Hinzudichtung Nolans.

Welt im Umbruch 

Mythen leben bekanntlich von ihrer fortlaufenden Wieder- und Neuerzählung; Nolan hat den des Odysseus aktualisiert, indem er die Orientierungslosigkeit und den Verlust von Werten und Gewissheiten in einer Welt im Umbruch betont – vor dem Hintergrund des historischen Untergangs des mykenischen Griechentums, in dessen Spätzeit die homerischen Mythen fallen.

Die Göttin Athene (Zendaya), die Odysseus stets beratend zur Seite steht, erweist sich als Ausgeburt seiner Phantasie, als Erinnerung an eine Priesterin, die die Griechen in Troja ermordeten. Agamemnon in der abstrusen schwarzen Rüstung eines Comic-Bösewichts, übermenschlich groß, das Gesicht stets hinter einem Helm mit Knochenornament verborgen, erscheint als Personifizierung des Krieges – düster, stumpf und furchteinflößend. Die Zerstörung Trojas ist kein glorreicher Befreiungsschlag, wie in vielen modernen Adaptionen Homers, sondern erscheint eher als ein Zivilisationsbruch, der Odysseus immer verfolgen wird.

Die gefürchteten Seevölker, die Gerüchten zufolge die Küsten heimsuchen und die griechische Kultur zu zerstören drohen, sind, wie sich herausstellt, die heimkehrenden Griechen selbst. Die vermeintliche Bedrohung durch das Fremde kommt in Wahrheit von innen: Aufgrund der Korrumpierung der eigenen Werte im Krieg haben die Gesetze, die die Grundlage der griechischen Kultur bilden, keine Geltung mehr. Und so wird Odysseus im Laufe seiner Reise immer klarer, dass die Heimat, die er zu erreichen sucht, nicht mehr existiert, weil er und die Seinen sie durch Kriegsverbrechen selbst zerstört haben.

Weil es sich um einen Hollywood-Film handelt, an dem vieles übererzählt ist, muss Odysseus es aussprechen: Es ist eine aus den Fugen geratene Welt, durch die er irrt. Die Götter, bei Homer noch reale Personen, die in die Handlung eingreifen und mit den anderen Figuren interagieren, sind nur noch ein Gerücht, der unsterblichen Ruhm und Ehre versprechende Krieg ist ein traumatisierendes Gemetzel, die Helden von einst sind desillusioniert oder tot, die schöne Helena ist entstellt von der Rache ihres Ehemanns Menelaos.

Elon Musk hat angekündigt, mit Hilfe von Grok Image, seiner hauseigenen Hitler verehrenden und den Holocaust verharmlosenden KI, eine »historisch korrekte« Verfilmung der »Odyssee« erstellen zu lassen.

Von allen Ungeheuern, die Odysseus auf seinen Fahrten trifft, ist er selbst das schlimmste. Er ist ein Kriegsheimkehrer voller Zweifel und Selbstvorwürfe, der sich am Schluss fragt, ob denn die Welt aus seinen Fehlern etwas lernen wird – und spätestens hier sollte klar werden, dass Nolans Film als Kommentar zur fremdenfeindlichen, remilitarisierten Rhetorik und zu dem wieder verstärkt um sich greifenden Männlichkeitswahn der Gegenwart zu verstehen ist.

Bei der Entwicklung des Stoffs hat Nolan sich an der 2018 erschienenen englischen »Odyssee«-Übersetzung der Altphilologin Emily Wilson orientiert, die sich um eine moderne und einfache Sprache bemühte und sexistische und die Sklaverei verharmlosende Formulierungen früherer Übersetzungen zu vermeiden ver suchte. Von Nolans Film zeigte sie sich nicht gerade begeistert: »Es mangelt an psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Tiefe. Die Dialoge sind mies, es gibt keine Sexszenen, und das Essen sieht furchtbar aus.« Trotzdem begrüßte sie die Verfilmung, weil damit das Interesse an dem alten Stoff neu erweckt und Menschen im Streaming-Zeitalter wieder ins Kino gelockt würden. Man könnte hinzufügen, dass in Zeiten der Künstlichen Intelligenz Spielfilme wie dieser – mit großem Aufwand und Budget an Originalschauplätzen und mit echten Schauspieler:innen, Schiffen und Kostümen gedreht – immer seltener werden dürften.

Apropos KI: Der immer noch beleidigte Elon Musk hat angekündigt, bis Ende des Jahres mit Hilfe von Grok Image, der für Bildgenerierung zuständigen Variante seiner hauseigenen Hitler verehrenden und den Holocaust verharmlosenden KI, eine »historisch korrekte« Verfilmung des Stoffs erstellen zu lassen. Ob er mal einen Blick in Homers »Odyssee« geworfen hat? Dann wäre ihm vielleicht aufgefallen, was für sentimentale Lappen diese griechischen Helden eigentlich alle sind. Andauernd brechen sie in Tränen aus: Sieben Jahre lang sitzt Odysseus bei Calypso »am Gestade des Meers, und weinte beständig«, anlässlich Telemachos’ Besuch bei Menelaos in Sparta beweinen alle den verstorbenen Agamemnon, ein Sängervortrag über die Helden Trojas am Hof der Phäaken muss abgebrochen werden, weil der Gast (Odysseus) die ganze Zeit über bittere Tränen vergießt. Ob sich Musk und sein Publikum mit einem solchen Männerbild identifizieren wollen? Oder wird Grok es etwa wagen, die kanonische Vorlage an den Geschmack des Auftraggebers anzupassen? Das bleibt abzuwarten.