Der analoge Mann
Nachdem wir eine Woche in Tarnów auf dem polnischen Urban Sketchers Festival verbracht haben, fahren Julia und ich mit unserer Freundin Dominika nach Kraków. Der Zug ist am Sonntagnachmittag vollgepackt mit Pendlern und Kurzurlaubern. Wir müssen stehen. Zum Glück dauert die Fahrt nur rund 50 Minuten. Vom Bahnhof dauert es nur einige Minuten bis zu unserem Appartement. Eigentlich ist es nur ein Zimmer mit Kochnische. In der Wohnung befinden sich vier solcher Zimmer. Vermutlich ist sogar das ganze Haus so aufgeteilt – Gewinnmaximierungsvermietung. Wir packen sofort aus. Julia und ich bekommen das Hochbett, Dominika die Couch. Es ist sehr heiß in Kraków. Wir haben keine Klimaanlage, aber zumindest ist unsere Wohnung im ersten Stock im Hinterhaus.
Auf einer extra dafür aufgebauten riesigen Bühne stehen ein Dutzend als Partisanen verkleideter Frauen und Männer und singen patriotische Lieder. Das Publikum singt mit, Textblätter in den Händen.
Nachdem die Sonne untergegangen ist, gehen wir raus auf den nahegelegen Marktplatz, gebaut im 13. Jahrhundert, der umgeben ist von Palästen und Kirchen. Tausende Menschen flanieren dort oder sitzen in Cafés und Restaurants. Nach einer Woche Tarnów fällt uns sofort auf, wie divers Kraków im Vergleich dazu ist. Augenfällig sind auch die vielen vollverschleierten Frauen. Muslimische Touristen aus den Staaten der Arabischen Halbinsel und des Persischen Golfs, aus Kuwait, Katar und Saudi-Arabien. »Ich glaube, die sind hier, weil ihnen die Schweiz zu teuer ist«, meint Julia.
Am nächsten Abend lernen wir Dominikas Freund Adam kenne, der mit dem Zug aus Gdańsk gekommen ist. Es wird immer heißer. Am Mittwoch, unserem letzten Tag in Kraków, sitzen wir viereinhalb Stunden in einem Café, um der Sonne zu entfliehen. Am Nachmittag zieht es Julia zu einem Mitsingtreffen auf dem Hauptplatz. Auf einer extra dafür aufgebauten riesigen Bühne stehen ein Dutzend als Partisanen verkleideter Frauen und Männer und singen patriotische Lieder. Das Publikum singt mit, Textblätter in den Händen. Ich schwitze wie verrückt und habe Kopfschmerzen. Als Adam und Dominika dazukommen, fühle ich mich wie erlöst. Julia finden wir vorne neben der Bühne. Sie versucht mitzusingen, obwohl sie gar kein Polnisch kann, indem sie auf das Textblatt der Frau neben ihr guckt. Sie ist glücklich. Sie liebt Hymnen. Wir gehen nach Hause, um uns auszuruhen. Richtig kühl ist es leider nicht in unserem Zimmer. Den nächsten Urlaub mache ich nur nur noch mit Klimaanlage.