13.08.2026
Rechtsextreme Online-Subkulturen

Die Vernichtung des anderen

Die »Attentäter-Fanszene« feiert im Internet Amokläufe und Terror­anschläge und verehrt die Täter wie Heilige. In ihr finden verschiedene Online-Subkulturen zusammen – von Incels bis Nazis.

Fast ausschließlich männlich, zwischen 14 und 18 Jahre alt, häufig sozial isoliert und in schwierigen familiären Verhältnissen aufwachsend, in einem von Gewalt- und Täterverherrlichung geprägten Online-Milieu unterwegs – das sind einige der typischen Merkmale von Personen, die der sogenannten »Attentäter-Fanszene« angehören, wie eine in diesem Jahr erschienene Studie des Staatsschutz- und Antiterrorismuszentrums Baden-Württemberg hervorhebt. Deren Grundlage sind insgesamt 37 Fälle aus dem gesamten Bundesgebiet, in denen vor allem wegen »Vorbereitung einer terroristischen beziehungsweise schweren staatsgefährdenden Gewalttat« sowie aufgrund des ­sogenannten Volksverhetzungsparagraphen ermittelt wurde.

Der beim Think Tank Institute for Strategic Dialogue tätige Terrorismus- und Extremismusforscher Jakob Guhl betont im Gespräch mit der Jungle World, dass aus Forschungsperspektive die Glorifizierung von Tätern typisch für ein spezifisches digital aktives und gewaltbereites Milieu sei: »Vor allem ab Ende der 2010er Jahre, also mit dem Pittsburgh-Attentat, mit dem Christchurch-Attentat, haben wir so langsam eine Herausbildung von bestimmten rechtsextremen Online-Subkulturen gesehen, die nicht nur durch rechts­extreme Ideologie gekennzeichnet sind, sondern auch durch tatsächliche Gewaltaufrufe. Dort spielt das Feiern, die Zelebrierung von Attentätern eine sehr große Rolle.«

Auf dem Messaging-Dienst Telegram entstand ein loses, aus vielen unterschiedlichen Chatgruppen bestehendes Netzwerk, das als »Terrorgram« bezeichnet wird.

Auch auf den 16jährigen, der im Juli an einem Gymnasium im oberbayerischen Schongau eine Messerattacke verübte und dabei zwei 13jährige Mädchen schwer verletzte, scheint diese Tätertypologie zuzutreffen. Polizei und Staatsanwaltschaft zufolge war gegen den Jugendlichen bereits 2025 ­ermittelt worden, da er damalige Mit­schüler:in­nen bedroht haben und in sozialen Medien Amokläufe verherrlicht haben soll. In einem mutmaßlich von ihm verfassten Manifest wird ein menschenfeindliches Weltbild ausgebreitet: Frauenhass, Antisemitismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit erscheinen darin als Kehrseite einer Selbst­stilisierung als benachteiligtes und ausgegrenztes Opfer. Zudem bezieht sich der Autor explizit und positiv auf vorangegangene Attentate, beispielsweise auf den Anschlag eines australischen rechten Terroristen auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch im Jahr 2019, bei dem 51 Menschen ums Leben kamen.

Stark ideologisch geprägtes Milieu

Die deutschen Sicherheitsbehörden verstehen das Milieu als stark ideologisch geprägt. So beschreibt das Bundesamt für Verfassungsschutz die »Attentäter-Fanszene« als »gewaltorientierte, rechtsextremistische Online-Subkultur«. Diese Einordnung ist vor dem Hintergrund der Genese des Milieus naheliegend: Das neonazistische Online-Forum »Iron March« gilt gemeinhin als der Ursprung einer neuen, ­besonders militanten rechtsextremen Online-Kultur. Maßgeblich beeinflusst durch die Schriften des US-amerika­nischen Neonazis James Mason, entwickelte sich dort eine Ideologie, die sich »Militanter Akzelerationismus« nennt. Diese Spielart extrem rechter Gesinnung zielt auf einen Umsturz von demokratischen Gesellschaften durch Gewalttaten und die anschließenden Errichtung eines faschistischen Regimes. Aus dem Forum gingen terroristische Gruppierungen wie die in Großbritannien aktive »Na­tional Action« oder die in verschiedenen nationalen Ablegern tätige »Atom­waffen Division« hervor.

Nachdem das Forum 2017 vom Netz ging, verlagerten sich die Aktivitäten auf den Messaging-Dienst Telegram. Dort entstand ein loses Netzwerk aus vielen unterschiedlichen Chatgruppen, das die vormaligen Mitglieder von »Iron March« sowie weitere Nut­zer:in­nen aus rechtsextremen oder gewaltverherrlichenden Communitys versammelte – oft bezeichnet als »Terrorgram«. Die sich dort betätigenden Gruppen sind unterschiedlich stark vom Militanten Akzelerationismus geprägt. Ein Bericht der zivilgesellschaftlichen Forschungseinrichtung Cemas aus dem Jahr 2025 stellt fest, dass bei einigen Gruppen die Ideologie im Zentrum steht, während andere vor allem die Ästhetik übernehmen, aber nicht unbedingt die ideologischen Ziele, und wieder andere nur ­relativ lose mit dem Militanten Akzelerationismus verbunden sind. Die »Saints Culture«, also die Praxis, Attentäter wie Heilige zu verehren, sei jedoch all diesen Gruppen gemeinsam.

Mit der Verehrung von Tätern (und in Einzelfällen Täterinnen) einher geht oft das Bedürfnis, einander zu übertrumpfen, was die Brutalität und die Opferzahl angeht.

Die deutschen Sicherheitsbehörden scheinen die »­Attentäter-Fanszene« als eine abgrenzbare digitale und rechtsextreme Subkultur anzusehen. Tatsächlich findet sich die Verherrlichung von Attentätern aber in ganz unterschiedlichen menschenfeindlichen Online-Communitys. Jakob Guhl weist im Gespräch mit der Jungle World darauf hin, dass auch in der durch extreme Misogynie geprägten Online-Subkultur der Incels die Verherrlichung von Attentätern allgemein üblich ist. So wird dort Elliot Rodger, der 2014 bei einem misogynen Terroranschlag im kalifornischen Isla Vista sechs Menschen ermordete, als ein Gründervater der Bewegung und sogar als »Heiliger« verehrt. Dasselbe gelte für jene Online-Communitys, die unter dem Begriff »Nihilistic Violent Extremism« diskutiert werden und sadistische sowie sexuelle Gewalt und Erpressung propagieren. Mit der Verehrung von Tätern (und in Einzelfällen Täterinnen) einher geht oft das Bedürfnis, einander zu übertrumpfen, was die Brutalität und die Opferzahl angeht.

Ob sich die »Attentäter-Fanszene« tatsächlich als Milieu klar abgrenzen lässt, ist fraglich. Vielmehr scheinen sich verschiedene Communitys, die sich teilweise personell überschneiden, beieinander zu bedienen, was ihre Weltbilder und ihr Auftreten betrifft. Die ideologische Kohärenz variiert ­dabei von den eindeutig dem Militanten Akzelerationismus zuzuordnenden Gruppen, die zumindest vorgeben, mit ihrer Gewalt politische Ziele zu verfolgen, über die Incel-Community, die ihren Frauenhass ideologisch ­verbrämt, bis hin zu Communitys wie »764«, bei denen das Quälen von Schwachen Selbstzweck und Mittel zur Vergemeinschaftung ist. Was aber, ­unabhängig vom Vorhandensein politischer Ziele, alle Communitys ver­bindet, die Attentäter verehren und verherrlichen, ist – neben Frauenhass, Antisemitismus und Rassismus –, dass sie stets eine Täter-Opfer-Umkehr betreiben und sich Selbstermächtigung ausschließlich als die Vernichtung des anderen vorstellen können.