Keine Angst vor neuen Ideen
Warum bloß zieht uns dieser Ort so magisch an? Zum fünften Mal sind wir in die St.-Burchardi-Kirche nach Halberstadt gepilgert: In dem über 840 Jahre alten Gemäuer wird seit 2001 das John-Cage-Stück »ORGAN2/ASLSP« (entspricht der Spielanweisung: »As SLow aS Possible«) auf einer Miniaturorgel aufgeführt. Jeder sogenannte Tonwechsel ist ein Ereignis: Am 5. August wurde der Orgel nun eine Pfeife eingefügt, die den bestehenden Siebenklang um einen achten Ton, ein »a«, ergänzt.
Insgesamt 639 Jahre soll das langsamste und längste Orgelstück der Welt gespielt werden. Zwar scheint im Klosterbau die Zeit beinahe stillzustehen, aber weit gefehlt. Dort, wo nach der Säkularisation Schnaps gebrannt wurde und sich zu Zeiten der DDR die Schweine tummelten, stehen nun der Orgelstuhl und ein elektrisch betriebener Blasebalg, der beständig Luft in die Pfeifen drückt. Putzige Sandsäckchen fixieren die Tasten. Rund um die Uhr erklingt der jeweilige Ton, der Menschen aus aller Welt anlockt. Ein Lehrer aus Jena kommt seit 2003 mit seiner Musikklasse hierher und arbeitet mit seinen Schülern an Projekten zur zeitgenössischen Musik, wie Frau Dannenberg, eine der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen, einmal erzählte.
Insgesamt 639 Jahre soll das langsamste und längste Orgelstück der Welt gespielt werden.
Cage hat das Stück mit Hilfe eines Zufallsgenerators komponiert, denn der Zufall galt dem Komponisten als »ein Sprung über die Reichweite des eigenen Selbst hinaus«.
Bislang konnte man das privat finanzierte Projekt in Halberstadt durch den Erwerb einer der 639 individuell gestalteten Tafeln unterstützen, die an den Wänden in der Kirche hängen. Neuerdings kann man für 2 640 Euro ein aus einer Edelstahlplatte gefertigtes »Final Ticket« erwerben – eine Eintrittskarte für das Abschlusskonzert am 4. September 2640! Cage hätte diesen Einfall sicher gut gefunden, schließlich sagt er einmal: »Ich verstehe nicht, warum Leute Angst vor neuen Ideen haben. Ich habe Angst vor den alten.«
Polemik, Politik und Stress bleiben für einen Moment vor den Mauern des Geländes zurück. Dauererreichbarkeit wozu? Die Beschleunigung unserer Gesellschaft ringt uns hier nur noch ein müdes Grinsen ab. Selbstoptimierungswahn erscheint angesichts des Alterns der angenehm gelassenen Cage-Fans, die man seit 25 Jahren dort antrifft, absurd. Mehr als 500 Menschen aus aller Welt wohnten dem 17. Klangwechsel bei. Dieses Musikstück wird uns alle überleben. Mehr Zuversicht geht nicht!