13.08.2026
Die Zukunft der SPD

Mach mal ein Fenster auf

Mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) geht es abwärts. Nicht erst seit gestern, sondern schon länger. Daher hat die »Jungle World« ihre SPD-Ex­pert:in­nen befragt, was schiefläuft. Die legen nun eine Lageanalyse vor, bieten ihre Hilfe an und geben der traditionsreichen Partei Ratschläge, was sie tun könnte, um wieder an alte Wahlerfolge anzuknüpfen.

Richtig regieren

Schade, dass es in Deutschland keine sozialdemokratische Partei mehr gibt. Nur noch die etikettenschwindelnde SPD. Will man allein diese Verpackung beibehalten und nicht die Sozialdemokratie selbst, so ist die Lösung offenkundig: Der Erretter der SPD heißt Christian Lindner (FDP).

Der Erretter der SPD heißt Christian Lindner (FDP).

»Ich halte das für den größten Skandal unseres Landes, dass nicht Fleiß, sondern die Herkunft die Zukunft bestimmt«, sagte Lindner schon auf dem Bundesparteitag der FDP anno 2020. Da wurde mir klar: Der arme Kerl hatte sich in die falsche Partei verirrt. Seither habe ich einen Traum: Christian Lindner als SPD-Bundeskanzler.
Zunächst gäbe es zwar Widerstand, weil Lindner aus Sicht des tonangebenden Seeheimer Kreises wohl eher dem linken Flügel der Partei zuzurechnen wäre. Aber ob in Berlin mit der Linkspartei, im Bund mit der Union oder in Thüringen mit dem BSW – am Ende macht’s die SPD doch mit jedem. Warum nicht auch mit Lindner?
Denn unbestritten ist der Highperformer das größte politische Talent ­unserer Zeit. Nie vergessen: 2017 hat dieser Teufelskerl im Alleingang eine ­anämische Loser-Truppe (die FDP) mit fast elf Prozent aus der Versenkung zurück in den Bundestag gehievt. Unsympathieträgern wie Christian Dürr und Karoline Preisler zum Trotz. Ohne die beiden wären vermutlich 20 Prozent drin gewesen. Unter den Wählern dürften damals etliche gewesen sein, deren ökonomische Situation sich durch die Politik der Liberalen null Komma null verbessert hätte. Wenn also einer die Gabe besitzt, einfachen Arbeitnehmern überzeugend vorzugaukeln, er mache sich für deren Interessen stark, dann Lindner. Mehr muss ein SPD-Chef ja eigentlich nicht können.

Und Lindner kann noch so viel mehr. Er hat keine einzige Schwachstelle. Nur Starkstellen: Sportbootführerschein, Rennfahrerlizenz, Jagdschein und die nötige Eitelkeit, um nicht nein zu sagen, wenn die SPD ihn per Bat-Signal ruft. Er wäre ihr perfekter Superheld, ein moderner Gerhard Schröder. Mit 47 Jahren ist Lindner auch zu jung, um als Gebrauchtwagenhändler zu versauern. Wie ein politischer Darth Vader wird er seinen jahrelangen Einsatz für die dunkle Seite am Ende doch bereuen. Er hat nicht regiert. Er hat falsch regiert. Es ist an der Zeit, richtig zu regieren.

Cornelius W. M. Oettle

 

Clara Zetkin ist tot

Hannah Arendt sagte einmal, dass Politik ohne Erzählung unmöglich sei. Nur wer eine zukünftige, eine bessere Gesellschaft ausmale und davon erzähle, sei in der Lage, einen politischen Wandel zu bewirken.

Stichwort kollektive Politik, Stichwort Erzählung: Die SPD, wie sie sich derzeit präsentiert, ist weit entfernt von einer gemeinschaftlich entwickelten Lageanalyse oder einer Idee, einer selbstentwickelten Story. Kann sie uns überhaupt noch so etwas anbieten wie eine soziale Gegenerzählung? Daran ist zu zweifeln, schaut man sich an, wie angestrengt jemand wie Lars Klingbeil versucht, den eigenen Kopf über Wasser zu halten, anstatt ein Floß zu bauen, das noch etwas anderes als seine öde Agenda transportieren könnte. Perspektiven nämlich.

Wenn Lars sein Klingbeil schwingt, dann eben nicht, weil er endlich den Weg zu einer gerechten Vermögens- und Chancenverteilung freischlagen will, sondern um sich selbst ein Podest zu zimmern, auf dass nach der Implosion seiner Partei lukrative Beraterposten für ihn herausspringen mögen.

Ich bin davon überzeugt, dass Fi­guren wie Klingbeil zu einem hohen Anteil daran schuld sind, dass die SPD sämtliche Wahlen verliert. Wenn Lars sein Klingbeil schwingt, dann eben nicht, weil er endlich den Weg zu einer gerechten Vermögens- und Chancenverteilung freischlagen will, sondern um sich selbst ein Podest zu zimmern, auf dass nach der Implosion seiner Partei lukrative Beraterposten für ihn herausspringen mögen.

In seiner Gerhardschröderhaftigkeit ist er wie die Converse-Chucks-Svens und -Sonjas meiner Schulzeit, die sich zwar zu Sc­hulsp­rec­her:in­nen wählen ließen, dann aber hinter den Kulissen mit dem Lehrkörper ­herumkumpelten, um wenigstens noch zwei bis drei Punkte mehr für sich selbst herauszuschlagen. Und schließlich schüttelten sie zum Schluss auch den Übergriffigen, Verbitterten und Ungerechten in der Aula die Hände, und Sven hielt natürlich die Abi-Rede, in der es dann um ihn selbst und seine Heldenreise zum Abschluss ging und nicht um diejenigen, die es aus diversen Gründen nicht geschafft hatten. Das große larshafte ICH-ICH-ICH ist derzeit der Vibe dieser Partei. Er führt zu nichts, weil er eine kraftlose Nullnummer ist.

Mein take: Die SPD hat keine Zukunft. Es sei denn, man lässt zügig Frauen wie Cansel Kiziltepe, Sanae Abdi oder Ye-One Rhie in die Partei­führung vorrücken, um endlich was zu drehen. Clara Zetkin ist ja leider tot.

Rebecca Spilker

 

Entscheidend ist die flippability

Basically gilt es, einen core mistake zu vermeiden: Die SPD darf sich auf keinen Fall programmatisch hinterfragen oder sich gar auf attainable goals fest­legen lassen. Entscheidend für den Erfolg einer Partei (party) im 21. Jahrhundert ist die flippability (Flipsigkeit), die Fähigkeit, den Anforderungen eines sich ständig wandelnden market of ideas so flexibel nachzukommen wie ein Stahlarbeiter im Callcenter. »Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, heißt es in der Marktforschung, und das gilt umso mehr für den Markenkern, der ja schon dem Wort nach in ­einem leckeren Mantel aus süßem Matsch steckt. Die Parteiführungen haben versucht, die Welt auf unterschiedliche Weise zu verändern, es kommt aber darauf an, sie mit anderen Slogans anzusprechen!

 »Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, heißt es in der Marktforschung, und das gilt umso mehr für den Markenkern, der ja schon dem Wort nach in ­einem leckeren Mantel aus süßem Matsch steckt. 

Wir haben da einfach mal spielerisch eine moderne KI befragt. Zunächst entwarf sie uns einen Avatar, eine fiktive Figur, die alle Eigenschaften des SPD-Wählerpontentials in sich vereint. Gestatten: Gisela. Gisela ist 32 Jahre alt, hat drei Kinder, ein abgeschlossenes Studium der Raumfahrttechnik in der Tasche und arbeitet seit 37 Jahren im Kohlebergbau. In ihrer Freizeit unterrichtet sie ehrenamtlich Anthroposophie an der Armin-Mohler-Grundschule in Crimmau. Sie erlebt die SPD als kultige Retro-Partei mit dem Charme eines Diskettenlaufwerks. Ein verdichteter Slogan für Gisela könnte lauten: »Bei uns macht es Klick!« (= klicken, »Maus«) oder »SPD – mach mal ein Fenster auf« (»Windows«, frische Luft). Glaubhaft verkörpert würde dieses Botschaftsnetzwerk von zum Beispiel Gerhard Schröder als Spitzenkandi­daten. Hätte Gisela ein Problem mit seiner russlandfreundlichen Haltung, ließe die sich per »flood the zone with crazy«-Approach kontern (Schröder trägt ein Kind für ein ukrainisches Paar aus) oder »based«: »Ich lebe das anders.« Der natürliche Koalitionspartner für diese »new new SPD« wäre die FDP, mit der sie schon sehr erfolgreich Regierungsprojekte gestemmt hat. Dazu Gisela: »Eine funktionierende Sozialdemokratie ist für eine gelingende Parteienlandschaft durchaus (hier weiterdenken)«.

Agentur Nicolaisen & Friends, ­vertreten durch Jasper Nicolaisen

 

Alles wegen ihr

Eine der vielen unvergänglichen Zeilen der hessischen Rodgau Monotones, ­einer Band, die es immer noch gibt, deren Glanzzeit aber zweifellos in den späten Sponti-Jahren 1982 ff. lag, lautet: »Ich hab mich wirklich Tag und Nacht gequält, / sogar einmal SPD gewählt: /  Alles wegen dir!« Doch nicht meiner Frau wegen habe ich neulich zum ersten Mal SPD gewählt, sondern weil die lokale OB-Stichwahl nur die zwischen CDU und SPD ließ, im speziellen Fall zwischen einem alten Esel und einer jungen Frau. Und ein alter Esel bin ich schließlich selbst.

Nach dieser Grenzüberschreitung ist der Gedanke fast kein frivoler mehr, ein zweites Mal im Leben SPD zu wählen, weil links von ihr leider der Anti­semitismus beginnt. 

Nach dieser Grenzüberschreitung ist der Gedanke fast kein frivoler mehr, ein zweites Mal im Leben SPD zu wählen, weil links von ihr leider der Anti­semitismus beginnt. Freilich ist die SPD zu rechts, und wieder läuft ihr das Kernpublikum nach ganz rechts davon; andererseits besteht linke Analyse ja darauf, dass sich Kapital und Politik zueinander wie Koch und Kellner verhalten. Und dank den Sozen steht dann wenigstens noch das Wort »Mindestlohn« auf der Karte.

»Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht«, lauteten die großen letzten Worte des Parteivorsitzenden Otto Wels, als die Sozialdemokratische Partei Deutschlands im März 1933 als einzige der im Reichstag verbliebenen Parteien – die KPD war mundtot gemacht – gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz stimmte, ehe sie im Juni verboten wurde. Besonders ehrenvoll sind die Jahre seit Gerhard Schröder nicht mehr gewesen, und vielleicht muss es erst wieder um alles gehen, damit SPD wählen wie die Zukunft wirken kann, die es nicht ist. Sicher hatte Tucholsky recht: »Es ist ein Unglück, dass die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem 1. August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas –: vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahingegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen.« Was nicht daran stimmt, hat mit dem Datum der Veröffentlichung zu tun: Juli 1932. Der ­Hamas fern, der AfD –/zur Not wählen wir SPD.

Stefan Gärtner