13.08.2026
Der Drohnenfund auf dem Flughafen Leipzig/Halle

Noch nicht im Krieg

Auf dem Flughafen Leipzig/Halle wurde in der vergangenen Woche eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt. Vieles deutet darauf hin, dass das Fluggerät von einem russischen Geheimdienst stammt.

Ob wohl Russland dahintersteckt? Diese Frage kam am Mittwoch der vergangenen Woche auf, nachdem in der Nacht zuvor eine kleine mit Sprengstoff bestückte Drohne am Flughafen Leipzig/Halle aufgetaucht war. Der Flugbetrieb wurde daraufhin eingestellt. Besonders brisant an dem Vorfall ist, dass das ferngesteuerte Fluggerät in unmittelbarer Nähe vierer ukrainischer Antonow-Frachtflugzeuge gefunden worden ist. Recherchen der Zeit zufolge schlug die Drohne auf den Teil der Tragfläche des Frachters auf, wo sich die Treibstofftanks des Flugzeugs befinden. Die Tanks waren voll.

Der Laderaum der Maschine selbst war zu diesem Zeitpunkt aber wohl leer, nachdem sie zuvor Munition für die Ukraine aus Frankreich transportiert hatte. Zunächst hatten der NDR, der WDR und die Süddeutsche Zeitung gemeldet, dass sich in dem fraglichen Frachtflugzeug Munition befunden habe. Der Leipziger Flughafen dient außer dem Passagierverkehr dem von Fracht, er stellt auch ein Drehkreuz für Nato-Militärtransporte dar – unter anderem für Hilfslieferungen an die Ukraine.

Es hätte zu einer Katastrophe kommen können. Gefunden wurde die explosive Drohne nur durch einen Zufall.

Es hätte zu einer Katastrophe kommen können. Gefunden wurde die explosive Drohne durch einen Zufall: In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, kurz vor Mitternacht, entdeckte verschiedenen Medienberichten zufolge ein Mitarbeiter des Bodenpersonals, ein Busfahrer, in der Nähe einer Start- und Landebahn die Drohne und fixierte sie mit seinem Fuß auf dem Boden. Da hatte sie sich schon mehrere Stunden unbemerkt im Sicherheitsbereich des Flughafens aufgehalten, wie Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen. Der Deutschen Presseagentur zufolge handelte es sich bei dem Sprengstoff um eine Mischung aus Semtex und Pentaerythrityltetranitrat (PETN) – Materialien, die man auf dem Schwarzmarkt bekommen kann. Die Bundespolizei sicherte die Drohne mittels eines Roboters und untersuchte sie. Röntgenaufnahmen zeigten den Zünder, der wohl abgerissen war und deshalb nicht detonierte.

Kurz nach Mitternacht kam es zu einem zweiten Vorfall: Ein DHL-Frachtflugzeug, das aufgrund des Drohnenfunds nicht landen durfte, stieß nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt mit einem Gegenstand zusammen. In Hannover, wo die Maschine anschließend landete, wurden leichte Schäden entdeckt. Die Ursache war womöglich eine zweite Drohne.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach am Mittwochabend bei einer Pressekonferenz von ­einem »hybriden Anschlagsszenario«, von »fremden Mächten« und von einer »neuen Gefahrenqualität«. Es seien Profis am Werk gewesen, keine Amateure. Am Wochenende sagte er Bild am Sonntag: »Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel ­hybrider Kriegsführung.« Etwas konkreter wurde der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter. Er sagte der Tageszeitung Augsburger Allgemeine: »Bei dem versuchten Drohnenangriff am Leipziger Flughafen gehe ich von einem gezielten hybriden Angriff, also einem versuchten Terrorakt, gesteuert von Russland, aus.« Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf Informationen von US-Beamten, dass es sich vermutlich um eine russische Drohne handle. Der Fernsehsender CNN zitierte einen US-Beamten mit der Aussage, die Drohne stamme von einem russischen Geheimdienst.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach am Mittwochabend bei einer Pressekonferenz von ­einem »hybriden Anschlagsszenario«, von »fremden Mächten« und von einer »neuen Gefahrenqualität«.

Der Leipziger Flughafen wurde infolge des Vorfalls mit einem neuen Radarsystem ausgestattet, das Drohnen besser erkennen soll. Die Nato hat sich derweil den Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft Dresden angeschlossen. Es ist nicht der erste mutmaßliche Anschlag am Leipziger ­Flughafen. Im Juli 2024 war ein Brand in dessen Logistikzentrum ausgebrochen, der durch ein DHL-Paket verursacht worden war – es wurden Verbindungen zu einem russischen Geheimdienst aufgedeckt.
Neu an dem Fall von vergangener Woche ist, dass erstmals in Deutschland eine Drohne mit Sprengladung gefunden wurde. Bei vorherigen Drohnensichtungen hingegen handelte es sich wohl um Spionage. Ab Herbst 2025 kam es in der Nähe von kritischer Infrastruktur zu vermehrten Drohnensichtungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Auch in der ersten Jahreshälfte 2026 gab es zahlreiche Vorfälle: Der MDR Sachsen sprach von 145 registrierten Fällen von Behinderungen durch Drohnen an Flughäfen in Deutschland.

Als Reaktion auf die vermehrten Drohnenvorfälle war im Herbst 2025 ein Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) von Bund und Ländern gegründet worden. Dem Bundesinnenministerium zufolge soll es nun von 150 auf 300 Einsatzkräfte erweitert werden. Doch ob zusätzliches Personal allein ausreicht, ist umstritten. Gefragt ist eine schnelle Reaktion, doch die Aufteilung der Zuständigkeiten ist kompliziert.

Im zivilen Luftraum ist die jeweilige Landespolizei verantwortlich. Zudem gibt es seit Dezember eine Spezialeinheit der Bundespolizei, die befugt ist, im Notfall Drohnen über Flughäfen abzuschießen. Die Bundeswehr darf mittlerweile auf Anforderung der Polizei Drohnen abschießen, wenn es sich um eine besondere Bedrohungslage handelt. Bei Überflügen über Kasernen ist ebenfalls sie zuständig, wie natürlich auch im Verteidigungsfall. Marcel Emmerich, der innenpolitische Sprecher der Grünen, klagt über ein »Zuständigkeitswirrwarr«.

Am Samstag bestätigte die Bundeswehr, dass es in der Nacht zum Freitag zu einem weiteren Drohnenvorfall ­gekommen ist. Über dem Bundeswehrstandort Mechernich, an dem das Flugabwehrsystem Patriot gewartet wird, wurden zwei Drohnen gesichtet.