Quadratische Augen
Bei praktisch jeder Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln lässt es sich beobachten: Die meisten Fahrgäste schauen auf irgendeine Art von Bildschirm. Handy, Tablet oder Laptop bestimmen häufig nicht nur den Weg zur Arbeit oder zur Schule. Auch sonst bleibt kaum ein Lebensbereich verschont. In vielen Familien ist die Bildschirmzeit ein Dauerstreitthema. Denn insbesondere bei Kindern und Jugendlichen wird exzessive Mediennutzung immer öfter zum Problem.
Über ein Fünftel der zehn- bis 17 jährigen haben einen riskanten oder krankhaften Medienkonsum. Das ergibt sich aus den Daten der Längsschnitt-Studie der DAK »Ohne Ende online?« für das Jahr 2024. 4,7 Prozent dieser Altersgruppe gelten als süchtig. An einem typischen Wochentag nutzen die Befragten durchschnittlich zweieinhalb Stunden lang (157 Minuten) soziale Medien. Das ist rund eine halbe Stunde länger als vor der Covid-19-Pandemie. »Hier kommt ein Tsunami an Suchtstörungen bei Jugendlichen auf uns zu, den wir aus meiner Sicht völlig unzureichend würdigen«, sagte dazu Rainer Thomasius, der ärztliche Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), der die Studie geleitet hat.
Erstens: Das Internet wird genutzt, um sich besser zu fühlen, sich zu beruhigen und Stress abzubauen. Zweitens gibt es einen inneren Zwang, online zu gehen:
Erstmalig wurde in der Studie das Phänomen »Phubbing« untersucht: Ein Kofferwort aus »Snubbing« (schroffe Abweisung) und »Phone« (Telefon), das die unangemessene Nutzung des Smartphones in sozialen Situationen beschreibt, beispielsweise bei Gesprächen oder am Esstisch. Rund ein Drittel der Befragten – Eltern wie Jugendliche – fühlen sich wegen der Smartphone-Nutzung anderer ignoriert. »Ein Drittel der in unserem Institut behandelten Jugendlichen leidet mittlerweile unter einer medienbezogenen Störung. Diese jungen Menschen tendieren dann auch zu anderen psychischen Problemen oder gar stoffgebundenen Süchten«, so Thomasius weiter.
Eine weitere Studie, durchgeführt von der Universität Duisburg-Essen unter Leitung des Kognitionspsychologen Matthias Brand, hat sich die problematische Nutzung digitaler Medien genauer angesehen. In einer weltweit einzigartigen Untersuchung mit über 1.000 Beteiligten konnten die Forscher drei Mechanismen ausmachen, die problematische Nutzung antreiben. Erstens: Das Internet wird genutzt, um sich besser zu fühlen, sich zu beruhigen und Stress abzubauen. Zweitens gibt es einen inneren Zwang, online zu gehen: Man gewöhnt sich daran, in gewissen Situationen fast automatisch zum Handy zu greifen. Der dritte Mechanismus ist der Kontrollverlust. Die Fähigkeit zur Impulskontrolle beim Internetkonsum schwindet, zum Beispiel weil immer weitere Videos, Themen und Shopping-Vorschläge auftauchen. Die beschriebenen Mechanismen wirken altbekannt, doch wurden sie durch die Studie erstmals wissenschaftlich belegt.
Die Jugendlichen sind sich der Nachteile sozialer Medien und der Handynutzung oftmals bewusst. In der Studie JIM-plus 2026 (JIM steht für »Jugend, Information, Medien«) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest schätzen nicht wenige das Risiko und die Nachteile realistisch ein. 40 Prozent der Jugendlichen sagten demnach, dass soziale Medien ihre Konzentration beeinträchtigten, ein Fünftel gab an, sich nach der Nutzung »leer oder motivationslos« zu fühlen. Bei den meisten Jugendlichen, die eine bestimmte Social-Media-Plattform nutzen, liegt das Einstiegsalter dafür zwischen 12 und 13 Jahren. Besonders bezeichnend ist, dass die Mehrheit der Nutzer anderen empfiehlt, erst später mit sozialen Medien zu beginnen, als sie selbst es getan haben.
Doch ist ein späterer Einstieg die Lösung? Derzeit wird sogar über ein generelles Verbot von sozialen Medien bis zu einem gewissen Alter diskutiert. Australien und Großbritannien sind hier vorangegangen. In Australien dürfen IT-Konzerne nur noch über 16jährigen Social-Media-Accounts gewähren. Erste Erfahrungen zeigen jedoch, dass die Regelung nur mäßigen Erfolg hat. Auch in Großbritannien sollen unter 16jährige keinen Zugang mehr zu den sozialen Medien erhalten. Berichten zufolge sind solche Sperren aber mit wenigen Klicks zu umgehen.
In der JIM-plus-Studie steht gut die Hälfte der befragten Jugendlichen (52 Prozent) einem generellen Social-Media-Verbot für bestimmte Altersgruppen skeptisch gegenüber. Allerdings sind immerhin 43 Prozent der Befragten dafür.
»Wenn Hobbys, Freunde und Schule vernachlässigt werden, sind dies deutliche Warnsignale.« Sonja Claßen, Referentin für Suchtprävention beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit
Skeptisch äußerte sich das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). »Wir setzen darauf, die Kompetenz im Umgang mit Smartphone und sozialen Medien zu erhöhen. Mit unserer Kampagne ›Ins Netz gehen‹ erreichen wir viele Schulen und Jugendliche«, sagt Sonja Claßen, Referentin für Suchtprävention beim BIÖG, im Gespräch mit der Jungle World. Nicht der Verzicht sei das Ziel der Aufklärung, sondern der bewusste Umgang mit neuen Medien. Dafür stellt das BIÖG Informationsmaterial für pädagogisches Personal bereit und versucht über die sozialen Medien, junge Menschen zu erreichen und zu sensibilisieren. Zusätzlich klärt das BIÖG über Warnsignale für eine krankhafte Nutzung digitaler Inhalte auf. Eine solche lasse sich nicht allein anhand der reinen Nutzungszeit feststellen. »Wenn Hobbys, Freunde und Schule vernachlässigt werden, sind dies deutliche Warnsignale«, so Sonja Claßen.
Die Krankenkasse DAK-Gesundheit hat sich zusammen mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt:innen (BVKJ) ebenfalls des Themas Prävention angenommen. »In bundesweit 5500 Arztpraxen werden bestehende Vorsorgeuntersuchungen für junge Menschen durch ein Mediensuchtscreening und eine Depressionsfrüherkennung ergänzt«, teilt Julia Rasche, die Pressesprecherin von DAK-Gesundheit, der Jungle World auf Anfrage mit.
Die Klinik Schönsicht in Berchtesgaden hat zusammen mit der Charité in Berlin ein Therapiekonzept für mediensüchtige Jugendliche entwickelt. In einem Pilotprojekt wird es gerade getestet. Auf Anfrage der Jungle World teilte man am Telefon mit, dass die Resonanz bei den Betroffenen und ihren Eltern sehr hoch sei und erste Hinweise für einen positiven Therapieverlauf sprechen würden. Obwohl die Ergebnisse der Evaluierung durch die Charité erst Ende 2027 erwartet werden, prüfe man derzeit eine Verlängerung der Therapie über die Pilotphase hinaus. Dazu laufen demnach bereits Verhandlungen mit den Rentenversicherungsträgern, die die Kosten übernehmen müssten.