Wie man in Kriegszeiten Weltmeister wird
Als Aviv Levy ans Telefon geht, ist er längst unterwegs – allerdings nicht zum Training, sondern zu seiner Arbeit als Social-Media-Marketingmanager. »Ich wünschte, ich könnte ausschließlich Athlet sein«, sagt er, »aber in meinem Sport kann man davon schlicht nicht leben.« Der 33jährige ist Welt- und Europameister im Cable-Wasserski, einer Disziplin, die enorme Körperkraft und höchste Präzision verlangt.
Trainieren kann er dafür nur an einem einzigen Ort in Israel: auf einem künstlichen See in Tel Aviv. »Klassisches Wasserskifahren hinter einem Boot ist global verbreiteter und vor allem in den USA sehr beliebt«, führt er aus. »Mehr Athleten, mehr Wettbewerbe, Preisgelder.« Er dagegen betreibt Cable-Wasserski, also Wasserski an einer Seilzuganlage. »In Europa ist die Disziplin stärker, weltweit jedoch deutlich kleiner.«
»Ich bin in Jerusalem geboren und aufgewachsen. Dass ich überhaupt mit Wasserski angefangen habe, war eher ein Witz – die Stadt liegt schließlich mitten im Land.« Aviv Levy
Sein Einstieg in die Sportart war Zufall. »Ich bin in Jerusalem geboren und aufgewachsen. Dass ich überhaupt mit Wasserski angefangen habe, dass ich überhaupt Wasserski ausprobierte, war eher ein Witz – die Stadt liegt schließlich mitten im Land«, sagt er. »Aber ich glaube, dass wenig im Leben wirklich zufällig ist. Als ich mit zehn oder elf in die Nationalmannschaft kam, wusste ich: Ich will der Beste werden. Ab da habe ich mein ganzes Leben danach ausgerichtet.«
Sein Training folgt einem strengen Rhythmus. »Ich stehe um 5.30 Uhr auf, um 6.30 Uhr bin ich auf dem Wasser. Gegen Mittag trainiere ich im Kraftraum. Am Abend folgt eine weitere Einheit, Ausdauer oder Athletik. Das sechs Tage die Woche. Nur der Samstag ist frei.«
WM in Israel musste wegen des Hamas-Überfalls abgesagt werden
Am 17. Oktober 2023 sollte Israel die IWWF-Europameisterschaften ausrichten. Der Verband, die International Waterski and Wakeboard Federation, freute sich auf ein Heimspiel. Doch am 7. Oktober griffen die Hamas und weitere terroristische Gruppen Israel an. Am Tag darauf begann im Norden der Raketenbeschuss durch die Hizbollah. »In erster Linie bin ich Aviv – erst dann Sportler«, sagt Levy. »Der Schock war total. An Training war gar nicht zu denken. Meine einzige Frage war: Wo kann ich helfen?« Die Meisterschaft wurde sofort abgesagt. Deutsche Athleten, die bereits unterwegs waren, strandeten in Israel. »Aber der Wettkampf spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Alles andere war nebensächlich.«
Nachdem Israel abgesagt hatte, suchte der Verband dringend einen neuen Austragungsort. Polen sprang ein – jedoch mit einer klaren Ansage: »Sie sagten: Wenn Israel nicht antreten kann, richten wir die Meisterschaft nicht aus. Diese Solidarität hat mich sehr bewegt.« Aus dem Ausland kamen zahlreiche Nachrichten. »Vor allem aus Deutschland«, sagt Levy. »Sie waren aufrichtig, warmherzig, unterstützend. Das habe ich nicht vergessen.«
Kurz darauf folgte eine weitere Eskalation, diesmal mit dem Iran – mitten in der Vorbereitung. »Etwa sechs Wochen lang konnten wir überhaupt nicht trainieren. Ich sollte an einem wichtigen Wettkampf in zwei, drei Wochen teilnehmen und hatte seit eineinhalb Monaten nicht auf dem Wasser gestanden. Das wirkt sich auf alles aus: Technik, Kraft, Selbstvertrauen.« Die Vorbereitungsphase lege den gesamten Saisonverlauf fest, sagt er. »Der Einschnitt war hart – mental, körperlich, technisch.« Er gewann den Wettkampf dennoch, »aber ohne Krieg wäre das Niveau höher gewesen«.
»Zu Beginn des Kriegs fiel unser Training von hundert auf null. Man kann nicht auf einem offenen See stehen, während Raketen fallen.« Aviv Levy
Im Cable-Wasserski gibt es keinen geschützten Raum. »Zu Beginn des Kriegs fiel unser Training von hundert auf null. Man kann nicht auf einem offenen See stehen, während Raketen fallen«, sagt Levy. Auch die Fitnessstudios waren geschlossen. »Ich habe zu Hause trainiert. Besser als nichts, aber qualitativ nicht vergleichbar. Wasserski war bei null, alles andere vielleicht bei 50 Prozent.«
Die psychischen Folgen der ständigen Bedrohung prägten auch den Alltag. Mehreren israelischen Studien zufolge zeigen mindestens 20 Prozent der Bevölkerung Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Deutlich höher liegt dieser Anteil bei Menschen, die den Krieg unmittelbar erlebt haben – darunter Verwundete, Zivilistinnen und Zivilisten aus den betroffenen Gebieten sowie Soldatinnen und Soldaten.
»Selbst Monate später denke ich, wenn ich in der Ferne ein Motorrad höre, im ersten Moment an einen Raketenalarm und zucke zusammen. Ich kann das nicht wirklich kontrollieren, es ist einfach meine erste Reaktion.« Hinzu kommt die ständige Unsicherheit. »Man wusste nie, ob wieder alles geschlossen wird, ob Flüge gestrichen werden, ob Wettkämpfe stattfinden. Ohne klares Ziel verliert man leicht die Motivation. Schon der Gedanke ›Es wird sowieso abgesagt‹ macht etwas mit einem.« Seit 14 Jahren arbeite er mit einem Sportpsychologen, doch der Krieg sei nie zentrales Thema gewesen. »Ich glaube, ich habe es gut getrennt. Zum Glück bin ich ohne Zusammenbruch durch diese Phase gekommen.«
Wettbewerbe in Europa
Trotz allem trat Levy 2024 bei Wettbewerben in Europa an. Die gesamte Saison über trug er die israelische Flagge auf der Brust und das gelbe Schleifenband, das Solidarität mit den von den Terroristen festgehaltenen Geiseln symbolisiert. Die IWWF-Weltmeisterschaft fand in diesem Jahr in Katowice statt – rund 30 Kilometer von Auschwitz entfernt. »Man spürt dort die Geschichte«, sagt Levy. »Mit Flagge, Nationaltrikot und gelbem Band an diesem Ort zu stehen – das war intensiv.«
Er gewann den Titel im Slalom, seiner Disziplin. »Als die Hatikvah erklang, haben wir alle geweint. Die israelische Flagge in Sichtweite von Auschwitz hochzuhalten, während zu Hause Menschen bombardiert wurden und Hunderte noch verschleppt waren – das war der emotionalste Moment meiner Karriere.«
Wie konzentriert man sich unter solchen Bedingungen? »Im Wettkampf habe ich versucht, nicht viel daran zu denken«, berichtet er. »Aber gleichzeitig gab es mir Kraft.« Sein Gedankengang war klar: »Mein Volk ging durch die Hölle. Die Geiseln in den Tunneln, Tote, ständige Angriffe. Ich wollte für sie gewinnen, für mein Land. Vielleicht kennt kaum jemand mich oder die Sportart – aber für mich fühlte es sich wie eine Pflicht an.«
»Ich bin kein Soldat, ich bin Sportler. Wenn ich in einer solchen Zeit einen Moment Erleichterung schenken kann, ist das unbezahlbar.« Aviv Levy
Er wusste genau, was ein Sieg bedeuten konnte. »Wenn ich gewinne, spielen sie die Hatikvah. Die Menschen sehen die Flagge. Und für zwei, vielleicht fünf Sekunden spüren sie etwas Positives. Ich bin kein Soldat, ich bin Sportler. Wenn ich in einer solchen Zeit einen Moment Erleichterung schenken kann, ist das unbezahlbar.«
Schmerzhaft war vor allem das Schweigen einiger Mitathleten. »Sportler, die ich seit Jahren kenne und als Freunde gesehen habe, meldeten sich kein einziges Mal«, sagt er. »Das war seltsam und enttäuschend. Ich will glauben, dass es nicht böse gemeint war. Aber für viele im Ausland ist unser Krieg nur eine weitere Schlagzeile. Sie verstehen nicht, was er bedeutet.«
Trotz der ständigen Angst, der Unsicherheit, eingeschränkter Trainingsmöglichkeiten und finanzieller Belastungen gehört Aviv weiterhin zur Weltspitze seiner Sportart. Wie gelingt ihm das trotz all dieser Herausforderungen? »Unabhängig vom Krieg weiß ich, dass ich da bin, wo ich bin, weil ich härter arbeite als meine Konkurrenz. Meine Hingabe ist absolut.« Der Krieg habe daran nichts geändert. »Als wir einen Monat nicht trainieren konnten, habe ich nicht gesagt ›Pech‹. Ich habe mit dem gearbeitet, was da war – Kondition aufgebaut, alles getan, was möglich war.« Das Gefühl, im Rückstand zu sein, habe ihn sogar angespornt: »Es hat mich noch härter arbeiten lassen.« Im September 2025 gewann er schließlich auch bei der Europameisterschaft in Deutschland den Titel im Slalom.
Was bedeutet es also, Weltmeister zu sein? Aviv Levy denkt lange nach. »Gute Frage. Schwer zu beschreiben«, sagt er. »Es war mein Traum, seit ich acht Jahre alt war. Ihn zu erreichen – das fühlt sich an wie ein Stück Vollständigkeit, ein Gefühl tiefer Erfüllung. Es ist die größte Leistung meines Lebens.« Dann fügt er hinzu: »In Kriegszeiten Weltmeister zu werden – unter diesen Umständen, mit meiner Flagge, meiner Hymne … das werde ich immer mit mir tragen.«