Jungle+ Artikel 20.08.2026
Nachdruck aus »Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung«

Antisemitismus definieren

Warum jede begriffliche Bestimmung des Antisemitismus nur insofern zutreffend ist, als sie zur Bekämpfung der Ideologie beiträgt.

Eine Zäsur, die keine ist

Die Zeit nach dem 7. Oktober hat eine Konstellation freigelegt, die seit ­Langem den Diskurs über Antise­mitismus prägt: Indifferenz gegenüber ­jüdischem Leben, moralische Empörungswellen, angefeuert durch die Verhältnisse in Nahost, und Verschwörungserzählungen treffen auf eine gesamtgesellschaftliche Rat­losigkeit im Umgang mit antisemitischen Eskalationsdynamiken. Die antisemitische Enthemmung trifft auf eine unvorbereitete Gesellschaft, auf haltungslose Kultur- und überforderte Bildungsinstitutionen, auf eine unbeholfene Medienöffent­lichkeit, auf hilflose Parteistrukturen und eine unterversorgte Zivil­gesellschaft.

Der 7. Oktober ist eine Zäsur, die keine ist. Während Juden (im Original »Juden:Jüdinnen«; Anm. d. Red.) den Schwarzen Schabbat als brutalen Einschnitt in ihre Lebenswelt beschreiben, der selbst die Zeitwahrnehmung verändert hat, hat sich am Antisemitismus selbst wenig verändert. Die gleichen Ressentiments, die gleichen Vorwürfe, die gleiche Mitleidlosigkeit werden gegen Juden in Stellung gebracht wie zuvor. Anti­semitismus benötigt keine äußeren Anlässe. Sie bringen bloß an die Oberfläche, was sonst in der Tiefe verborgen bleibt. Das Ereignis schafft Gelegenheitsstrukturen für antisemitische Mobilisierung. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) dokumen­tierte mehr antisemitische Vorfälle vom 7. Oktober 2023 bis zum Jahresende als das ganze Jahr zuvor.

Die Ohnmacht gegenüber Antisemitismus beginnt beim Unvermögen, das Phänomen begrifflich zu fassen.

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