Antisemitismus definieren
Eine Zäsur, die keine ist
Die Zeit nach dem 7. Oktober hat eine Konstellation freigelegt, die seit Langem den Diskurs über Antisemitismus prägt: Indifferenz gegenüber jüdischem Leben, moralische Empörungswellen, angefeuert durch die Verhältnisse in Nahost, und Verschwörungserzählungen treffen auf eine gesamtgesellschaftliche Ratlosigkeit im Umgang mit antisemitischen Eskalationsdynamiken. Die antisemitische Enthemmung trifft auf eine unvorbereitete Gesellschaft, auf haltungslose Kultur- und überforderte Bildungsinstitutionen, auf eine unbeholfene Medienöffentlichkeit, auf hilflose Parteistrukturen und eine unterversorgte Zivilgesellschaft.
Der 7. Oktober ist eine Zäsur, die keine ist. Während Juden (im Original »Juden:Jüdinnen«; Anm. d. Red.) den Schwarzen Schabbat als brutalen Einschnitt in ihre Lebenswelt beschreiben, der selbst die Zeitwahrnehmung verändert hat, hat sich am Antisemitismus selbst wenig verändert. Die gleichen Ressentiments, die gleichen Vorwürfe, die gleiche Mitleidlosigkeit werden gegen Juden in Stellung gebracht wie zuvor. Antisemitismus benötigt keine äußeren Anlässe. Sie bringen bloß an die Oberfläche, was sonst in der Tiefe verborgen bleibt. Das Ereignis schafft Gelegenheitsstrukturen für antisemitische Mobilisierung. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) dokumentierte mehr antisemitische Vorfälle vom 7. Oktober 2023 bis zum Jahresende als das ganze Jahr zuvor.
Die Ohnmacht gegenüber Antisemitismus beginnt beim Unvermögen, das Phänomen begrifflich zu fassen.
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