20.08.2026
Elfriede Jelinek und ihr neues Buch »Unter Tieren«

Arme Schweine

In Elfriede Jelineks neuestem literarischen Drama ist die Finanzwelt von sprechenden Tieren bevölkert.

Elfriede Jelinek bleibt eine ideologiekritische Pessimistin. Ihre ­ästhetische Position ist geprägt vom Marxismus und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, insbesondere von Adorno, aber auch vom frühen Roland Barthes und dessen Entlarvung der »Mythen des Alltags«. Durch Destruktion und Verfremdung von Sprache, die Montage von Sätzen und die Verdrehung von Wörtern entmythologisiert Jelinek den Alltag. Sie legt Herrschafts- und Gewalt­verhältnisse frei, die sich in der Sprache verbergen. Auf herkömmliche Handlungsstränge verzichtet sie mittlerweile vollständig. Seit Jahren verfasst Jelinek essayistische Texte, die vor ­allem für das Theater funktionieren.

Biblische Motive prallen auf Banker-Sprech, ­poli­tische Phrasen auf gesellschaftliche Erschütterungen.

Das jüngste literarische Drama »Unter Tieren«, das bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Nicolas Stemann seine ­Uraufführung hatte, zeigt die Finanzwelt aus der Sicht sprechender Tierfiguren. Biblische Motive prallen auf Banker-Sprech, ­poli­tische Phrasen auf gesellschaftliche Erschütterungen. Das Schwein denkt über seinen Bauchspeck und das Bolzenschuss­gerät nach. Die Kuh lamentiert, dass sie nicht als Tier, sondern als Ware ­leben muss. Tauben und Affen beklagen in wütenden ­Tiraden das Elend der Welt.

Die Monologe im typischen Jelinek-Sound stecken voller Bezüge zu Finanzskandalen der vergangenen Jahre, etwa zur Signa-­Pleite oder zum Wirecard-Skandal, oder zu realen Personen wie René Benko, Donald Trump und Elon Musk. Das Geflecht aus Stimmen, Bildern und Widersprüchen zu durchdringen, erfordert ein hohes Maß an Geduld und Ausdauer. Der Text ist sperrig und stellen­weise redundant. Dennoch lohnt sich die Lektüre. Jelineks Ironie ­arbeitet mit feinmechanischer Präzision. Immer wieder kippt das ­Komische fast unmerklich ins Zynische, das Lächerliche ins ­Bedrohliche. So entsteht eine Atmosphäre von Dringlichkeit und ­Beklemmung, die lange nachwirkt.

Elfriede Jelinek: Unter Tieren. Rowohlt, ­Hamburg 2026, 224 Seiten, 24 Euro