Einfallsloser Erfindungsreichtum
Lenin lieferte unbeabsichtigt nur die Vorlage zu einem Kalauer, als er 1917 in »Staat und Revolution« unter Berufung auf einen »geistreichen deutschen Sozialdemokraten« des späten 19. Jahrhunderts ganz arglos die deutsche Post als »Muster sozialistischer Wirtschaft« vorschlug – vom »Postsozialismus« des ausgehenden 20. Jahrhunderts konnte er noch nichts ahnen. Aus Bescheidenheit oder Ratlosigkeit ist heutzutage nur mehr von einem »Postkapitalismus« die Rede.
Die oft allzu läppisch verwendete Vorsilbe »post«, die einem in der Psychotherapie (»posttraumatisch«) ebenso wie in der Populärkultur (»Post-Punk«) begegnet, kam erst in Gebrauch, nachdem das Abendland zum zweiten Mal untergegangen war. Die Absurdität, die der französische Existentialismus um 1945 zur Sprache brachte, erkannte Herbert Marcuse darin, »daß die Welt nach der Niederlage des Faschismus nicht zusammenbrach, sondern in ihre früheren Formen zurückfiel, daß sie nicht den Sprung ins Reich der Freiheit unternahm, sondern die alte Einrichtung in Ehren wiederherstellte«. Mit der Posthistoire fing es an: wenn nicht die Nachgeschichte selbst, so doch eine Zeit, die sich als solche im emphatischen Sinne schon nicht mehr begreift, da in ihr scheinbar nichts mehr vorgeht.
Die digitale Revolution hatte noch fast keiner richtig begriffen, als bereits die Rede vom »Postdigitalen« die Runde machte.
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