Feindbilder, wohin man schaut
Der Appell an die menschliche Vernunft bleibt wirkungslos. Die lokale Presse hat mit ihrer hetzerischen Berichterstattung über einen Mord bereits die Zündschnur gelegt. Vor dem Gefängnis hat sich eine wütende Menschenmenge zusammengerottet, um das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Bald kann die Polizei die beiden Verhafteten nicht mehr schützen. Der arbeitslose Familienvater Howard, aus reiner Verzweiflung zum Kriminellen und Komplizen eines Mörders geworden, wird von dem entfesselten Lynchmob wie eine erlegte Beute aus dem Gebäude gezerrt. Am Ende sind die warnenden Worte eines Arztes noch einmal zu hören: »Gewalt ist eine Krankheit, verursacht durch sozialen und moralischen Zerfall. Und sie muss durch Vernunft gelöst werden, nicht durch Emotionen.« Mit den apokalyptischen Szenen der Gefängnisstürmung in »The Sound of Fury« (1950; deutscher Titel: »Aufruhr in Santa Sierra«), einem pessimistischen Noir, hatte der Regisseur Cy Endfield ein beklemmendes Bild für die Hysterie der McCarthy-Ära gefunden, die ihn nur ein Jahr später selbst ins britische Exil zwang.
In diesem Jahr galt die Retrospektive des Locarno Film Festivals einem düsteren Kapitel in der Geschichte des Hollywood-Kinos. Unter dem Titel »Red & Black. Hollywood Left and the Blacklist« befasste sich das von Ehsan Khoshbakht kuratierte Programm mit den von Zensur und Ächtung betroffenen Filmemacher:innen im Kontext der »Red Scare« (Rote Angst). Mit Beginn des Kalten Krieges nutzten rechtsgerichtete Kräfte, denen die linken Tendenzen in Hollywood zutiefst verhasst waren, die Gelegenheit für eine umfassende Säuberungsaktion. Verdächtigt, an der kommunistischen Unterwanderung der Filmindustrie beteiligt zu sein, wurden Filmschaffende vom »Komitee für unamerikanische Umtriebe« (House Un-American Activities Committee, HUAC) zu ihren politischen Aktivitäten und Kontakten verhört. Die Studios beugten sich dem Druck und verwalteten die Repression – die »Schwarze Liste«, die blacklist, war so gesehen eine Institution Hollywoods.
Nicht wenige Filme wirken wie Vorboten der Gegenwart, in der Fake News, entmenschlichende Rhetorik und Angriffe auf die rechtsstaatliche Ordnung zum politischen Alltag gehören.
1948 wurden zehn Drehbuchautoren, Schauspieler und Regisseure, die sich weigerten, vor dem Komitee auszusagen (die so genannten Hollywood Ten) zu Gefängnisstrafen verurteilt. Hunderte Künstler:innen bekamen faktisch Arbeitsverbot, sahen sich zur Verwendung von Pseudonymen gezwungen und außer Landes getrieben, hinzu kam die Zerstörung von Freundschaften und Arbeitsbeziehungen durch Verrat und Denunziation. Nicht wenige Filme, darunter auch »The Sound of Fury«, wirken wie Vorboten der (US-amerikanischen) Gegenwart, in der Fake News, entmenschlichende Rhetorik und Angriffe auf die rechtsstaatliche Ordnung zum politischen Alltag gehören.
Hollywoods Linke
Die Hollywood Linken, so zeigten die Filme der stigmatisierten Regisseure, Drehbuchautor:innen und Schauspieler wie John Garfield, Joseph Losey, Dalton Trumbo und Dorothy Parker, bildeten keine ästhetische Bewegung, als verbindendes Stilmittel lässt sich, wenn überhaupt, eine Hinwendung zur realistischen Filmsprache ausmachen. Sie waren außerdem weit davon entfernt, mit ihren Filmen für marxistische Politik zu werben. Vielmehr nutzten sie die Konventionen des populären Genrekinos, um soziale Missstände aufzuzeigen und das Klassenbewusstsein zu schärfen. Filme wie John Berrys »He Ran All the Way« (1951; deutscher Titel: »Steckbrief 7-73«), Joseph Pevneys »Shakedown« (1950; deutscher Titel: »Ohne Skrupel«) oder die in London spielende britische Produktion »All Night Long« (1962; deutscher Titel: »Die heiße Nacht«) von Basil Dearden handeln von wirtschaftlicher Ungleichheit, dem Versagen des Justizsystems, von Rassismus, Faschismus, skrupelloser Medienpolitik und kapitalistischer Raffgier. »In vielerlei Hinsicht strebte die Hollywood Left eher Reformen an als einen Umsturz; anstatt eine vollständig proletarische Kultur aufzubauen, war ihr Ziel bescheidener – die Herausbildung von Klassenbewusstsein«, so Khoshbakht in seinem Katalogtext. Setzt man die disparaten Einzelteile zusammen, ergibt sich dennoch so etwas wie das Bild eines »anderen« Amerika – eine linke Version, die sich jedoch stets an den realen politischen Verhältnissen orientiert.
Zu den Ironien der blacklist gehörte, dass auch Propagandafilme zum Ziel der Attacken wurden, die währen des Zweiten Weltkriegs noch ganz auf Regierungslinie lagen.
In »Body and Soul« (1947; deutscher Titel: »Jagd nach Millionen«) von Robert Rossen spielt John Garfield, einer der prägenden Schauspieler der Hollywood Left, einen aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Boxer, der sich von korrupten Geschäftsleuten zur Geldmaschine abrichten lässt. Geld ist im Film allgegenwärtig, es wandert von Hand zu Hand, wird in Jacken- und Manteltaschen gesteckt oder verächtlich auf den Boden geworfen. Doch vor allem ist es Gegenstand nahezu jeder Unterhaltung: »(Geld) ist nicht wie ein Mensch. Es hat kein Gedächtnis, es denkt nicht.« Ein Jahr später realisierte der Drehbuchautor Abraham Polonsky mit seinem Regiedebüt »Force of Evil« (1948; deutscher Titel: »Die Macht des Bösen«) ein weiteres Schlüsselwerk der Ära, am Pranger steht erneut ein zügelloser, krimineller Kapitalismus.
Zu den Ironien der blacklist gehörte, dass auch Propagandafilme zum Ziel der Attacken wurden, die währen des Zweiten Weltkriegs noch ganz auf Regierungslinie lagen. Der stalinfreundliche Hollywood-Film »Mission to Moscow« (1943; deutscher Titel: »Botschafter in Moskau«) ist das obskure Produkt des Bemühens, nach dem Bündnis mit der Sowjetunion das Misstrauen der Bevölkerung gegen den totalitären Kriegsalliierten zu zerstreuen. Durch die Augen eines nach Moskau reisenden amerikanischen Botschafters wird das Bild des feindlichen Systems Stück für Stück abgebaut – bis hin zur Reinwaschung der Moskauer Schauprozesse. Rückblickend weitaus verdächtiger aber galten die vom FBI als »vorzeitige Antifaschisten« etikettierten Linken (PAF bzw. »premature anti-fascists«) wie Charlie Chaplin. Sein in England produzierter Film »A King in New York« (1957), eine Farce auf den McCarthyismus, war in den USA 20 Jahre lang nicht zu sehen.
»Salt of the Earth«
Ein frühes und seltenes Beispiel für intersektionales Protestkino ist »Salt of the Earth« (1954) von Herbert J. Biberman (einer der Hollywood Ten). Das neorealistische Dokudrama zählt nicht nur zu den ersten vollständig unabhängigen Filmen, die außerhalb des Hollywood-Studiosystems entstanden, wegweisend ist es auch durch die Verknüpfung von Arbeiter- und Gewerkschaftskämpfen mit feministischen Anliegen.
Basierend auf dem Streik gegen die Empire Zinc Company von 1951 in Grant County, New Mexico, erzählt der Film von einem langen, harten Arbeiterstreik. Fast alle Rollen wurden von einheimischen Bergarbeitern und ihren Familien gespielt, die meisten davon mexikanisch-amerikanischer Herkunft, einige hatten selbst an dem besagten Streik teilgenommen. Im Zentrum steht die Bergarbeiterfrau und mehrfache Mutter Esperanza Quintero, die zunächst wie die Figur einer klassischen Passionsgeschichte wirkt. Als nach einem monatelangen Streik den Bergarbeitern Haft droht, übernehmen die Ehefrauen die Streikposten – teils gegen den Widerstand ihrer patriarchal eingestellten Männer. Während die Frauen dem Unternehmen so unerschrocken wie ausdauernd Widerstand leisten, werden die Männer, vor allem Esperanzas dominanter Mann Ramón, bei Kinderbetreuung und Hausarbeit in ihren Rollenbildern erschüttert – was der Film auf ziemlich witzige Art und Weise zeigt. Die Forderung nach Gleichberechtigung nimmt im Kampf für menschenwürdige Arbeitsbedingungen schließlich einen immer größeren Platz ein.
Schon vor seinem Erscheinen wurde »Salt of the Earth« von der US-amerikanischen Presse mehrheitlich als gefährlich und subversiv diffamiert; dass eine Gewerkschaft das Projekt mit Geldern unterstützte, war den rechten Kräften ein besonderer Dorn im Auge. Während der Dreharbeiten in Silver City, New Mexico feuerten antikommunistische Bürgerwehren Gewehrschüsse auf das Set ab. Rosaura Revueltas, die Hauptdarstellerin, wurde noch während der Dreharbeiten nach Mexiko abgeschoben.