Hiddensee, ach, so schööön!
Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee, Micha, mein Micha, und alles tat so weh«, frotzelte Nina Hagen 1974 in einem Lied mit dem Refrain: »Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael, nun glaubt uns kein Mensch, wie schön’s hier war, haha, haha.« Das Stück wird in dem in Schwarzweißbildern gedrehten Dokumentarfilm »Hiddensee« von Annekatrin Hendel an einer Stelle angesprochen, kurz nur, wie so vieles in dem Porträt der 17 Kilometer langen, maximal drei Kilometer breiten Insel vor Rügen, auf der es keinen privaten Autoverkehr gibt. Bilder der nicht nur schönen, sondern auch vielfältigen Landschaft kontrastieren mit Sequenzen über Insulaner:innen beim Singen im Chor, beim Fotoshooting einer Modezeitschrift, bei der Altenpflege. Die Insel wirkt nicht klein, sondern überraschend unübersichtlich.
Im Nebeneinander und Nacheinander der Personen, Generationen und Zeiten verwebt der Film Geschichte und Gegenwart. Es gibt sparsam eingesetzte Rückblenden und Kommentare, Letzteres auch in Form von literarischen Zitaten und künstlerischen Performances. Außerdem zeigt die 1964 in Ostberlin geborene Regisseurin private Urlaubsfotos aus DDR-Zeiten. Mit einer Freundin von damals, Maren Lass, die auf Hiddensee wohnt, spricht sie vor der Kamera. Lachend erzählt Lass, wie einmal die Volkspolizei zu ihren Großeltern kam: Auf die Insel durfte nur, wer eine der raren Unterkünfte nachweisen konnte. Maren Lass gab im Berliner Freundeskreis die Adresse ihrer Großeltern weiter, und so fragten aufmerksame Vopos an, wo denn bitte 22 Gäste übernachten konnten. Der Film lebt von der Vertrautheit und der gemeinsamen Geschichte, die diese Szene ausstrahlt, im Guten wie im Schlechten.
Die Bildausschnitte sind spektakulär, die Aufnahmen lassen die Schönheit der Insel erstrahlen, dass es eine Wonne ist.
Bevor Lass zu Wort kommt, kracht es auf der Tonspur: Die Filmmusik stammt von Flake, dem Keyboarder von Rammstein. Ihn kennt die Regisseurin schon lange, sie hat 2011 eine Dokumentation über ihn gedreht, in der sie seinen Werdegang vom DDR-Punk zum internationalen Erfolg nachzeichnete. Die 2023 öffentlich bekannt gewordenen Vorwürfe gegen den Rammstein-Sänger Till Lindemann wegen sexualisierter Gewalt und Frauenhass bleiben unerwähnt. Die 1983 gegründete Punkband von Flake, Feeling B, kommt vor. Der Sänger von Feeling B, Aljoscha Rompe, hat im Sommer auf Hiddensee als Kellner gearbeitet, oben an der Steilküste im »Klausner«; unten am Strand ist die Gruppe auch mal einfach so aufgetreten. Davon gibt es kurze, alte Aufnahmen.
Geschichtete Geschichte
Diese Bilder! Die Kameraführung von Martin Farkas ist außergewöhnlich, die Bildausschnitte sind spektakulär, die Aufnahmen lassen die Schönheit der Insel erstrahlen, dass es eine Wonne ist. »Geschichtet« sei der Film, erklärt die Regisseurin ihren dramaturgischen Ansatz. Unter Episoden aus der Gegenwart stecke Geschichte. Wer Hiddensee nicht kennt, bekommt in dem filmischen Schnelldurchgang keine Orientierungshilfe, keine Erläuterungen, der Film verlässt sich auf Bilder und Assoziationen. Etwa wenn das wunderschöne Gebäude des ehemaligen FDGB-Erholungsheims »Ostsee« mit dem markanten Turm im Zentrum von Vitte ausgeräumt und entkernt wird. Geschirr, DDR-Postkarten inklusive Verkaufsständer – alles wandert in die Sperrmüllpresse. Später präsentiert sich der Bau als »Ostseehotel«. Immer noch schön, aber wie alle profitabel verwertbaren Einrichtungen aus sozialistischen Zeiten privatisiert. Die Zerstörung der DDR-Ökonomie und andere gesellschaftliche Entwicklungen zeigen sich in Hiddensee besonders deutlich.
»Wer einmal hier war, kommt immer wieder, um zu schauen, ob das Verhältnis von Licht und Schatten, von Geschichte und Gegenwart noch das gleiche ist, wird gesagt«, heißt es zu Beginn des Films. Der Tonfall des Kommentars hat dabei bisweilen etwas unangenehm Verschwörerisches.
In den zwanziger Jahren war Hiddensee die Lieblingsinsel von Künstlern und Intellektuellen; Asta Nielsen, Thomas Mann, Mascha Kaléko, Elke Lasker-Schüler kamen dorthin.
In den zwanziger Jahren war Hiddensee die Lieblingsinsel von Künstlern und Intellektuellen; Asta Nielsen, Thomas Mann, Mascha Kaléko, Elke Lasker-Schüler kamen dorthin. Eine lange, ruhige Kamerafahrt, von Norden entlang des berühmten Sandstrands, Buhne neben Buhne, Badende mit und ohne Textilien, von der offenen See aus aufgenommen, offenbart die Magie Hiddensees. Hier versteht jemand sein Handwerk; der schöne, lange, von der Sommersonne beschienene Strand kontrastiert mit dem Bruch der Idylle: »Diese uferlose Ereignislosigkeit sei ihr größter Zauber, wird oft gesagt, aber hier in Vitte wird schon 1922 mit dem Prädikat judenfrei im Badeprospekt geworben.«
Hiddensee im Nationalsozialismus
Dabei waren etliche prominente Badegäste als jüdisch bekannt, zum Beispiel Albert Einstein. Ein Nachfahre seiner Gastgeber zeigt auf dem Dachboden die Kammer, in der Einstein öfter unterkam. Doch wie anderswo im Deutschen Reich wurden bald Hakenkreuzfahnen aufgehängt, in Hiddensee wehten sie auf den Strandkörben.
Franziska Plötz, die Verwalterin des Gerhart-Hauptmann-Hauses, wird ausführlich befragt: Ja, das »Haus Seedorn« im Dorf Kloster auf Hiddensee hat Hauptmann 1929 erworben und um einen großen Anbau im damals angesagten Klinker erweitern lassen. Geld war ausreichend da, Hauptmann seit Jahrzehnten als Schriftsteller erfolgreich; 1912 hatte er den Nobelpreis für Literatur erhalten. Zu Bildern vom Strand unter der Steilküste hinter Kloster liest Eva Mattes aus den Tagebucheinträgen der Ehefrau Margarete Hauptmann: Wetter, Besuche, literarische Runden im Salon. Aber auch: Besuch von acht Jungen von der Hitlerjugend, die beschenkt werden. Oder: Reichsminister Albert Speer hat 100 Flaschen Wein schicken lassen.
Nicht alle der Künstler und Literaten, die vor 1933 gerne aus Berlin nach Hiddensee gekommen sind, arrangierten sich so zuvorkommend mit der Nazi-Diktatur. Der Stummfilmstar Asta Nielsen zum Beispiel hat seit 1929 die Sommer in dem avantgardistische abgerundete Haus »Karusel« auf der Insel verbracht. 1935 ist sie aus Nazi-Deutschland geflüchtet und nie nach Hiddensee zurückgekehrt.
Erwähnt wird auch Henni Lehmann, in deren Haus in Vitte sich von 1922 bis 1933 der Hiddenseer Künstlerinnenbund traf. Ein Stolperstein erinnert an die aus einer jüdischen Berliner Familie stammende Lehmann, die von den Nazis in den Suizid getrieben wurde. Ein weiterer ist dem Widerstandskämpfer Adolf Reichwein gewidmet, der 1944 hingerichtet wurde.
Zu lang ist das Interview mit Barbara Schnitzler, einer zu DDR-Zeiten gefragten Schauspielerin, die immer noch meint, sich selbst vermarkten zu müssen. Als Tochter des prominenten Fernsehkommentators und -moderators Karl-Eduard von Schnitzler gehörte sie der Nomenklatura an; zu berichten hat sie nichts von Belang, außer dass ihre Mutter von Erich Honecker höchstpersönlich ein Grundstück und die Sondererlaubnis bekam, auf Hiddensee ein Haus zu bauen.
Die Kamera folgt dem Bürgermeister und Kurdirektor Thomas Gens beim Vorbereiten einer Veranstaltung. Ein paar Klappstühle werden noch herangeschleppt, Uwe Steimle kommt! Später ist aus dem Saal zu hören, wie dieser inbrünstig den nationalistischen Text der DDR-Hymne singt.
Der ehrenamtliche Bürgermeister Gens, der auch Vorsitzender der Wählergruppe »Allianz für Hiddenseer« ist, geriet durch seine wechselhafte politische Vergangenheit in die Schlagzeilen. Für Kontroversen sorgten unter anderem frühere Tätigkeiten als DVU-Funktionär und als Stasi-Spitzel (IM). Im Inselpastor Konrad Glöckner hat der Bürgermeister einen Gegenspieler. Wenn der sich nicht in einer oppositionellen Wählergemeinschaft gegen den Ausverkauf der Insel an Investoren engagiert, besucht er ältere Damen an ihren runden Geburtstagen. Die Zahl der Einwohner:innen ist seit 1990 von 1.261 auf 913 gefallen, das Durchschnittsalter beträgt 51,5 Jahre.
Viel zu tun hat deshalb die Altenpflegerin Dörthe Niedermöller, die auch noch das vom Aussterben bedrohte Hiddenseer Platt beherrscht: »Dat söte Länneken«, das süße Ländchen, wird die Insel im Niederdeutschen genannt.
Hiddensee (Deutschland 2026).
Buch und Regie: Annekatrin Hendel.
Kinostart: 20. August