20.08.2026
Kolumne »Leben im Akkord«

Hollywood und Grundsicherung

Marcel C. baut Spezialeffekte für Kinofilme. Obwohl es insgesamt gut läuft, ist er dem Auf und Ab der Branche ausgeliefert. Berichte aus dem Arbeitsleben, Teil 2.

Ich bin seit 30 Jahren beim Film, im Bereich Spezialrequisite und Spezialeffekte. Ich arbeite in einer Werkstatt, irgendwo zwischen Chemielabor und Modellbaustudio. Meist fange ich damit an, dass ich Gegenstände oder Körperteile, mit denen etwas passieren soll, abforme und dann Modelle von ihnen gieße. Das ist alles rein haptisch. Computer kommen in meinem Berufsalltag nicht vor.

Bis auf ganz wenige Wochen, in denen ich kurzfristig festangestellt war, habe ich von Anfang an selbständig gearbeitet und lebe mehr oder weniger von der Hand in den Mund. Seit etwa 14 Jahren habe ich Auftraggeber, bei denen es viele große Projekte gibt. Das lohnt sich dann finanziell schon. Aber auch wenn ich ein halbes Jahr gut verdiene und für den Rest des Jahres nicht mehr arbeiten müsste, tue ich es trotzdem. Denn es ist oft genug passiert, dass mal ein ganzes Jahr lang gar nichts kam. Und mit kleinen Jobs kann man eine vierköpfige Familie nicht über Wasser halten.

Wenn es Arbeit gibt, werde ich auch gebucht. Den Status habe ich mittlerweile – immerhin haben drei Filme, bei denen ich dabei war, einen Oscar gewonnen. Nur, wenn’s nichts gibt, gibt’s eben nichts.

Für Projekte wie »Blade Runner 2049« bin ich oft monatelang am Stück im Ausland, was mit Familie natürlich schwierig ist. Doch selbst wenn ich in Babelsberg drehe, heißt das für mich wegen der Pendelei, dass ich bis zu 14 Stunden am Tag aus dem Haus bin. Für Privatleben bleibt da nicht mehr viel Zeit.

Seit einigen Jahren hält man sich immerhin an Arbeitszeitregelungen. Früher war das nicht so. Da hieß es, mach den Job und schick deine Rechnung oder lass es. Aber ich beschwere mich nicht, schließlich habe ich mir das so ausgesucht. Angefangen habe ich mit Puppentrickfilm. Das wurde mir dann zu introvertiert. Ich wollte mit mehr Menschen zusammenarbeiten. Deshalb bin ich froh, heute beim Film zu sein.

Natürlich machen manche Jobs mehr Spaß und andere weniger. Ich mache lieber künstlerischere Sachen als Haudrauf-Gedöns. Aber da, wo ich bin, bin ich schon sehr gut aufgehoben. Wenn es Arbeit gibt, werde ich auch gebucht. Den Status habe ich mittlerweile – immerhin haben drei Filme, bei denen ich dabei war, einen Oscar gewonnen. Nur, wenn’s nichts gibt, gibt’s eben nichts. Da ist immer eine Menge Glück im Spiel.

Ich bin auch stolz auf kleinere Projekte, die ich gemacht habe. In bestimmter Hinsicht bin ich mit Sachen wie »Muxmäuschenstill«, bei denen ich praktisch nichts verdient habe, aber viel experimentieren konnte, genauso glücklich wie mit »Dune«.

Ein Nachteil der Großprojekte ist, dass ich darüber meine kleineren Kunden verloren habe, »Tatort« oder Werbungen. Früher hieß es, wir brauchen diese Waffe aus Gummi, mit denen soll jemandem ins Gesicht geschlagen werden. Lässt sich das machen, ohne dass sich jemand verletzt? Aber das Fernsehen hat für solche Sachen gar kein Budget mehr. Die rufen nicht mehr an und fragen, kannst du uns etwas bauen, sondern höchstens: Hast du noch was im Regal, das wir leihen können? Und selbst dafür zu zahlen, tut ihnen weh.

Die KI macht, anders als die visuellen Spezialeffekte, die noch sehr auf unsere Arbeit angewiesen sind, momentan Qualitätssprünge, die man sich vor kurzem noch nicht hätte vorstellen können. 

Schwierig waren die ersten zehn Jahre. Da musste ich häufiger Grundsicherung beantragen. Wenn du zwei kleine Kinder hast, wird es schon eng, wenn nur ein halbes Jahr nichts passiert. Zum Glück war es aber nie so schlimm, dass ich hätte aufgeben müssen. Wobei ich gar nicht gewusst hätte, was ich dann anderes hätte machen sollen. Die meisten meiner Kollegen sind Quereinsteiger. Viele waren vorher Schlosser oder Stuntmen, ich selbst habe keine Berufsausbildung. Alles, was ich kann, habe ich mir selbst beigebracht.

Vor ein paar Jahren wollten meine Kinder noch in meine Fußstapfen treten. Ich habe abgeraten. Zum einen, weil ich ihnen meine Erfahrungen aus der Anfangszeit ersparen will. Zum anderen, weil die KI, anders als die visuellen Spezialeffekte, die noch sehr auf unsere Arbeit angewiesen sind, momentan Qualitätssprünge macht, die man sich vor kurzem noch nicht hätte vorstellen können. Technisch ist das nicht mehr aufzuhalten, denke ich. Wenn, dann eher übers Urheberrecht. Das Material, mit dem die KI trainiert wird, ist ja auch nicht vom Himmel gefallen. Bei den Autorenstreiks hat man erste Ansätze einer Gegenwehr gesehen. Aber ich fürchte, viel zu spät.