Keine baldige Genesung in Sicht
In den USA grassiert seit Mai »explosiver« Durchfall. Die Seuchenbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) registrierte den bislang größten dokumentierten Cyclosporiasis-Ausbruch der Landesgeschichte. In mindestens 47 Bundesstaaten wurden bis Mitte August mehr als 24.000 bestätigte oder vermutete Fälle der von dem Parasiten Cyclospora cayetanensis verursachten Darmerkrankung gemeldet. Mindestens 740 Menschen mussten im Krankenhaus behandelt werden, zwei Personen starben.
Übertragen wird der Erreger vor allem durch Lebensmittel, die mit menschlichen Fäkalien verunreinigt wurden – ein Zeichen für ungenügende Kontrollen in der Nahrungsmittelkette. Beobachter kritisieren außerdem die unzureichenden Versuche der Bundesregierung, den Ausbruch einzudämmen. Zugleich melden die CDC mehr als 2.500 Masernfälle seit Jahresbeginn, so viele wie zuletzt 1991. Seit 2000 galt die Krankheit in den USA eigentlich als eliminiert. Experten führen den Anstieg der Infektionen auf die sinkende Impfrate zurück, vor allem ungeimpfte Kinder erkranken.
Während eines Masernausbruchs in Texas im vergangenen Jahr empfahl Kennedy Vitamin A statt einer Impfung, woraufhin mehrere Kinder aufgrund von Überdosierungen erkrankten.
Zwischen den Ausbrüchen besteht kein direkter Zusammenhang, sie spiegeln allerdings beide die Folgen der Gesundheitspolitik unter Präsident Donald Trump und Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. wider, die versprechen, »Amerika wieder gesund« zu machen. Der notorische Impfgegner Kennedy prägte während seiner Präsidentschaftskandidatur 2024 die Bewegung »Make America Healthy Again« (Maha) als Sammelbecken für Unzufriedene. Er zog seine Kandidatur zurück, unterstützte Trump und wurde im Februar 2025 Gesundheitsminister.
US-Gesundheitspolitik unter Kennedy
Seither hat er den Impfstoffbeirat des Ministeriums mit Impfkritikern neu besetzt und Tausende Mitarbeiter der CDC und der Forschungsbehörde National Institutes of Health entlassen. Während eines Masernausbruchs in Texas im vergangenen Jahr empfahl er Vitamin A statt einer Impfung, woraufhin mehrere Kinder aufgrund von Überdosierungen erkrankten. Wiederholt behauptete er fälschlich, der Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff (MMR) enthalte »Reste abgetriebener Föten«. Der erste Bericht der im Februar 2025 per Präsidialdekret neu geschaffenen Maha-Kommission, die Impfpläne für Kinder und Psychopharmaka »kritisch prüfen« soll, führte steigende chronische Erkrankungen bei Kindern unter anderem auf hochverarbeitete Lebensmittel zurück, gestützt auf teils nicht existierende Studien – ein Zeichen für allzu großzügige und unreflektierte KI-Nutzung. Am Dienstag vergangener Woche unterzeichnete Präsident Trump eine Verordnung, die die Zahl routinemäßig empfohlener Kinderimpfungen von 18 auf elf senken soll. An die Stelle der MMR-Kombinationsimpung sollen zudem separate Impfungen gegen die drei Krankheiten treten – obwohl die entsprechenden Einzelimpfstoffe in den USA derzeit gar nicht verfügbar sind.
Die Auswirkungen dieser Politik bleiben nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt. Unter Kennedy wurde zunächst die Auszahlung von 600 Millionen Dollar an die internationale Impfallianz Gavi unterbunden, die nach eigenen Angaben seit 2000 mehr als eine Milliarde Kinder geimpft und dadurch rund 18 Millionen Todesfälle verhindert hat; Ende Juli wurden die Mittel doch noch freigegeben. Durch die von der US-Regierung betriebene Kürzung internationaler Hilfsprogramme, die weitgehende Auflösung der Entwicklungsbehörde USAID sowie den Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation WHO im Januar fehlen jedoch Milliardensummen für globale Impfkampagnen und Seuchenbekämpfung.
Der Argwohn gegen staatliche Institutionen verbindet sich bei »Maha« mit einem Wellness-Individualismus, der gesellschaftliche Krankheitsursachen weitgehend ausblendet.
Seit Oktober 2025 gibt es die europäische Variante »Make Europe Healthy Again« (Meha). Sie steht der rechtsextremen Fraktion »Patrioten für Europa« im Europaparlament nahe, der unter anderem der französische Rassemblement national und die österreichische FPÖ angehören. Bei »Meha« organisieren sich Heilpraktiker und Impfgegner, die den EU-Behörden »korrupte Wissenschaft« und dem Gesundheitssystem »Tyrannei« vorwerfen. Ihre Vision sei »ein Europa, in dem die Gesundheit von den Wurzeln kommt – Erbe, Tradition, und die Weisheit des Volkes«, heißt es auf der Meha-Website.
Verschwörungstheoretische Antworten auf gesundheitspolitische Misstände
Maha spricht Probleme an, die nicht nur von Rechtsextremen diskutiert werden – die Macht großer Lebensmittelkonzerne, hochverarbeitete Lebensmittel, Umweltgifte. Problematisch sind die meist verschwörungstheoretischen Antworten. Erkranken Kinder, müsse ein bislang verheimlichter Stoff dahinterstecken; tritt eine Krankheit häufiger auf, müsse jemand daran verdienen. Widerspruch von Wissenschaftlern oder Behörden gilt nicht als Hinweis auf fehlende Belege, sondern als Beweis für die Macht der Institutionen. Kennedy selbst verbreitet seit Jahren unbelegte oder längst widerlegte Behauptungen, zum Beispiel über einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus, und unterstellt Behörden und Pharmaunternehmen, Risiken systematisch zu vertuschen.
Die Bewegung scheint für jene attraktiv, die schlechte Erfahrung mit dem Gesundheitssystem gemacht haben. Übergewicht und Diabetes sind in den USA weitverbreitet, medizinische Versorgung ist teuer und für Millionen Menschen kaum zugänglich. Wer in einer Gegend mit hoher Umweltbelastung lebt oder sich gesunde Lebensmittel nicht leisten kann, bräuchte eigentlich keine Verschwörungstheorie zu Rate zu ziehen, um einen politischen Missstand zu erkennen.
Maha bietet eine esoterische Weltsicht an. Die Gesellschaft erscheint als verdorben, der Körper als letzter kontrollierbarer Ort, und als solcher soll er reingehalten werden. Gegen Krankheit soll vor allem die richtige Lebensweise helfen. Anhänger propagieren »natürliche« Familienplanung, lehnen also Verhütungsmittel ab, feiern »natürliche Immunität« gegen Infektionen, Rohmilch und ungekochte Innereien als Symbole eines unverfälschten Lebensstils und körperlicher Robustheit.
Der Argwohn gegen staatliche Institutionen verbindet sich mit einem Wellness-Individualismus, der gesellschaftliche Krankheitsursachen wie geringes Einkommen, schlechte Arbeitsbedingungen und mangelnden Zugang zu Ärzten weitgehend ausblendet
Der Argwohn gegen staatliche Institutionen verbindet sich mit einem Wellness-Individualismus, der gesellschaftliche Krankheitsursachen wie geringes Einkommen, schlechte Arbeitsbedingungen und mangelnden Zugang zu Ärzten weitgehend ausblendet. Maha spricht von den Bösewichten big pharma, big food und big government, von individueller Verantwortung (»do your own research«) – nicht aber von Gewerkschaften, Löhnen, sozialer Ungleichheit und kollektiver Absicherung.
Die Bewegung hat derweil einen riesigen Markt für Nahrungsergänzungsmittel, Wellness-Produkte, experimentelle Therapien und Alternativmedizin hervorgebracht, beworben von Influencern, Bodybuildern und sogenannten Biohackern. Kennedy selbst nimmt Testosteron im Rahmen eines »Anti-Aging-Programms«.
Trotz alledem gilt Maha als eine der wenigen Bewegungen, die US-Amerikaner:innen aus verschiedenen Milieus vereinen. Zur Unterstützung von Kennedys Präsidentschaftskampagne trafen Impfgegner auf konservative Eltern, Umweltschützer auf Wellness-Vermarkter, libertäre Technologieunternehmer aus dem Silicon Valley auf enttäuschte frühere Demokraten. Eine Umfrage der NGO Kaiser Family Foundation vom Mai zufolge bezeichnen sich inzwischen rund 41 Prozent der befragten erwachsenen US-Bürger als Maha-Anhänger.
Widersprüche zwischen Maga und Maha treten zutage
Für Trump war das lange nützlich. Das aus dem linken oder libertären Lager stammende Misstrauen gegen staatliche Institutionen ließ sich mit dem Anti-Establishment-Gestus von Maga verbinden und der ehemalige Demokrat Kennedy erschloss Wählergruppen, die Trump allein kaum erreicht hätte.
Immer deutlicher treten jedoch Widersprüche zwischen Maga und Maha zutage, vor allem in der Agrarpolitik. Schon der zweite Maha-Bericht vom September vergangenen Jahres verzichtete darauf, weitreichende Reformen beim Einsatz von Pestiziden und giftigen Chemikalien in der Landwirtschaft zu fordern. Kennedy hatte als Umweltanwalt jahrelang gegen den Agrarkonzern Monsanto und dessen Unkrautvernichter Glyphosat, verkauft als »Roundup«, gekämpft. Im Februar erließ Trump jedoch eine Verordnung zur Förderung der heimischen Glyphosatproduktion, die den Wirkstoff als strategisch bedeutsam einstuft und Hersteller vor bundesstaatlichen Klagen schützen soll.
Für die »Maha Moms« – überwiegend Frauen aus der Mittelschicht, die Elternaktivismus mit Umweltpolitik, Wellness und Impfkritik verbinden – war das ein Affront. Die Umweltorganisation Environmental Working Group sprach von einem »Mittelfinger an jede Maha-Mom«. Zen Honeycutt, die Gründerin der Gruppe Moms Across America, sagte, sie sei von der Verordnung »angewidert«. Einige der früheren Verfechterinnen der Trump-Kampagne sind inzwischen scharfe Kritikerinnen der Regierung. Im April demonstrierten sie vor dem Supreme Court gegen Bayer, seit 2018 der Eigentümer von Monsanto und Ziel milliardenschwerer Schadensersatzklagen. Die US-Regierung hatte sich in dem Verfahren auf die Seite des Konzerns gestellt. Im Juni entschied das Gericht zugunsten von Bayer. Die Maha-Mom Vani Hari, bekannt als »Food Babe«, sagte: »Wir dachten, wir bekommen eine Regierung, die sich gegen die Pharmaindustrie, gegen die Agrar- und Chemiekonzerne stellt. Bekommen haben wir business as usual.«
Für die Vorhersagen der Ergebnisse der Zwischenwahlen im November ist die Bewegung mittlerweile ein Unsicherheitsfaktor. Sie repräsentiert keine einheitliche Wählerschaft und besitzt kein geschlossenes Programm, aber ein gut organisiertes und hochmotiviertes Aktivistenmilieu. Die Regierung versucht seit Monaten, die enttäuschten Moms wieder an Trump zu binden, während im Juni der Maha-nahe Zach Lahn die Vorwahl um die republikanische Gouverneurskandidatur in Iowa gewann – gegen den Wunschkandidaten Trumps.